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Böse hatte ihr mit stolzer Freude nachgeschaut, als sie Mschieo von ihm genommen hatte; nie hatte sie den Kops so stolz getragen, als an jenem Wend.
Als sie zurückkam, saß er am Tisch und war so vertieft in seine Schreibereien, daß idr keine Zeit hatte, den Kops umzuwenden, und nur einen Schimmer ihres Kleides auf- siug. —
„Nun, bist Du wieder da?"
Sie nahm aus dem Stuhle neben der Thür Platz und saß lange da, ohne sich zu rühren.
Da wurde Böje ausmerksam: sie war bleich wie eine Leiche
„Kind — bist Du krank? Glaubst Du, daß
Cie schüttelte den Kopf. ;
„Was hast Du denn?"
Cie atmete tief auf mit einem seltsam durchdringenden Blick.
„Aber was hast Du nur?"
Er hatte sich erhoben und war zu ihr hinüb er- gegangen.
„Thomas — trinkt."
Er empfand einen schmerzlichen Stich durchs Herz. Mährend des ganzen letzten Jahres hatte sie nicht von Thomas gesprochen, er hatte sich so darüber gefreut, all das Alte war vergessen. Und nun kam sie mit dieser Mitteilung.
„Woher weißt Du es denn?" I
Sie saß da und starrte lange vor sich hin, I [:Tj „Woher weißt Du es?" i rT'i i
„Was sagst Du?" —'PlT
„Ich frage, woher Du es weißt."
„Ich begegnete Frau Hansen, der Schwester des Försters. Sie war am Sonntag dagewesen."
Er ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder.
„Ach, es ist wohl nichts weiter, wie es immer gewesen ist", sagte er endlich. „Er ist in dem Punkt ja immer schwach gewesen."
„Hans, weshalb willst Du es so auffassen?"
„Wieso?"
„Du weißt doch, daß er ein ganz anderer Mensch geworden war."
Da überkam ihn die Eifersucht.
„Bist Du denn etwa der Ansicht, daß Du oder vielmehr wir noch jetzt für das verantwortlich sein sollen, was er thut?" fragte er, sich vor sie hinstellend.
Cie sah mit einem unglücklich abweisenden Blick zu ihm auf und atmete kurz und hastig.
„Das kann doch Deine Ansicht nicht sein?"
Sie stand aus und ging in die Küche.
Er setzte seine Wanderung durchs Zimmer noch eine Weile sort, dann sammelte er seine Papiere, warf sie in eine Schublade, stellte sich aus Fenster und sah auf die gegenüberliegenden Dächer hinaus.
Dann folgte er ihr in die Küche, erfaßte ihre Hand und sagte in ruhigem Toner „Sei doch vernünftg, Helene!"
„Ja, ich werde schon vernünftig sein", erwiderte sie leise.
Der Tod dec Nacht lag über der Stadt, in einem kleinen Heim auf dem alten Königsweg aber pochten die Pulse schnell.
Es wurde eine Nacht mit Unruhe und Bangen, mit eiligen Schritten von einem Zimmer ins andere, mit Angst und Schreien, mit Jubel und thränenersticktem Lobpreisen.
Dann wurde es für einige Stunden still in der Kammer, die Gedanken aber tummelten sich in glückseligem Taumel mit der unfaßbaren Thatsache, daß ein neues Leben unter diesem Dache atmete.
Etwas von jener feierlichen Stille, die vor dem Gottesdienste druch eine Kirche geht, lag über dem Heim, als das erste gelbliche Licht durch die Scheiben brach, Alles in den Zimmern stand in schweigender Verwunderung da, es war, als sei ein Geist durch die Räume geschwebt und habe mit dem Fächeln seiner Schwingen einen gehaltenen Jubel, eine ehrfurchtsvolle Spannung hervorgerufen. Das Wagengerassel, das von der Straße heraufdrang, klang so fremdartig, das Morgenlicht hatte einen anderen Schein als sonst, alles war neu, wunderbar.
Böje sprang vom Bett, auf. dem er in voller. Kleidung gelegen hatte. Es war, als gäbe es auf der Welt nichts mehr, was Schlaf oder Essen oder Trinken hieß. Mit zerzaustem Haar und in Hemsärmeln fetzte er sich, zu Helene
auf den Rand des Bettes, streichelte ihre Wange und guckte freudetrunken unter die Decke, wo der kleine Kopf lag.
Er war ganz wirr vor lauter Glück. Sie konnte sehen, wie ihm das Blut unter der Haut am Halse pochte.
Madame Hansen, die Helene pflegte, nickte vor sich hin. — „Ja, laß sie nur noch ein, drei, vier Stiick dazu bekommen!"
Helene war bald wieder im Gange, wartete den Kleinen und besorgte ihre Wirtschaft; ihre Mittel erlaubten ihnen nicht, eine Frau zu halten.
Niemals hatte sie eine Ahnung gehabt, welch ein Glück es sei, ein kleines Kind zu haben. Alle Augenblick mußte sie vom Waschfaß und vom Feuerherd weglaufen, nm sich an dem Anblick des kleinen schlafenden Gesichts zu weiden/ Des Nachts genügte ein einziger Laut von der Wiege her, um sie zu wecken, und wohl zehnmal erwachte sie von selbst, um den Kleinen aufzunehmen und seine Kissen zurecht zu legen.
Böje half ihr getreulich im Hause, wenn er daheim war. Bald lag er nut dunkelrotem Kopf und aufgedunsenen Backen vor dem Feuerherd und blies die Kohlen unter dem Theekessel in Brand, bald schaukelte er die Wiege im Takt zu den gräßlichsten Melodreen, die ihren Schöpfern, falls sie sie gehört hätten, die Eingeweide im Leibe nmgedreht haben würden.
Eines Abends sand ihn Rudolf im Begriff, eine Windel zu plätten, und war nicht imstande, ihn vom Plättbrett zu entfernen. Rudolf konnte nicht umhin, ihm sein Lob über seine Tüchtigkeit in Frauenarbeit auszusprechen, scherzend verglich er ihn mit Herkules, der für Omphale spann.
Für Frau Eck war das Ereignis bei Böjes eine Quelle des Schmerzes und der Freude. Ms sie den Kleinen zum erstenmal auf den Arm nahm, brach sie in Thränen aus, sie setzte sich mit ihm nieder und betrachtete ihn mit einem langen thränenseuchten Blick. Fast jeden Tag guckte sie jetzt ein, und war glückselig, wenn sie sich mit dem Kleinen! abgeben durfte.
„Sie fassen ihn mit so geübter Hand an, daß mau fast glauben sollte. Sie hätten selber ein Kind gehabt", sagte Helene eines Morgens.
Sie wiegte das Kind eine Weile in den Armen, dann antwortete sie leise: „Ja, ich habe auch so einen kleinen Knaben gehabt."
„Tas haben Sie mir ja aber noch gar nicht erzählt!"
„Er liegt auf dem Friedhof in Düsseldorf."
„In Düsseldorf? Haben Sie denn dort auch ge-i wohnt?"
„Ja, ein halbes Jähr."
„Kamen Sie daher, als Sie hier einzogen?" ; i
Sie nickte.
„Und Ihr Mann?"
„Der reiste nach Paris zurück — aber ich sehe, es ist schon spät geworden! Ich muß laufen — wenn ich jetzt nur eine Pferdebahn treffe!"
In größter Eile fuhr sie zur Thür hinaus, war wie ein Wind um die Ecke und hinterließ ihre Freundin in dem gewöhnlichen Zustande fragenden Staunens.
Helene wollte den Knaben selbst über die Taufe halten.
„Und dann können wir ja Rudolf und Christensen zu Gevatter bitten", meinte Böje. (Christensen war der Gärtners bei dem er arbeitete, ein kleiner Herr von sanguinischem Temperament, mit dem Böje nicht allzu gut auskommen konnte.)
„Rudolf können wir doch unmöglich Litten!"
„Weshalb nicht?"
„Weißt Du denn nicht, daß die Gevattern die Verpflichtung übernehmen, das Kind im Glauben der christlichen Kirche erziehen zu lassen, falls —"
„Ach", fiel er ihr in die Rede, den Kopf in den Nacken werfend, „das ist so ein alberner Schnickschnack. Und dann ist ja auch keine Aussicht vorhanden, oaß wir sterben sollten!"
„Rudolf steht nicht Gevatter!"
„Steht nicht Gevatter? Das sagst Du so bestimmt! Dann will ich Dich doch in Kenntnis setzen, daß ich Rudolf bereits aufgefordert habe/«
„Gevatter zu stehen?"
,Ja!"
Ihre Wangen wurden bleich. „Weshalb hast Du daÄ gethan, Hans? Ohne mir ein Wort davon zu slicen?"'


