Nr. 67.
Mittwoch den 7. Mak.
1902.
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'4 er Mensch baut Schlösser und die Zeit Ruinen.
Sprichwort.
(Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Romail in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.)
„Also, das habe ich Ihnen schon erzählt? Ja, ich glaube auch, daß, ich es Ihnen schon erzählte. Ich wurde unter Psalmen und Gebeten groß, und ich glaubte das alles — Kinder glauben ja alles; seit ich aber in die Welt hinauskam — —" Sie schüttelte wieder den Kopf und streckte die Hände abwehrend vor sich aus. „Wissen Sie, wie es Voltaire als Kind erging? Er lernte mit fünf Jahren ein freigeistiges Gedicht auswendig, itnd die Eindrücke, die er dadurch erhielt, verwischten sich sein ganzes Leben lang nicht mehr. So ungefähr erging es auch mir, als ich siebzehn Jahre alt war. Ich war damals bei einem Schwager zu Besuch, und dort fiel mir ein Buch über „Jesus und die Vernunft" in die Hand, ich las es und kam dadurch dazu, ernstlich über meine Religion nachzudenken. Ach, ich dachte und dachte! Ich habe stets einen solchen Hang zum Grübeln gehabt, aber je mehr ich grübelte und sann, desto weiter entfernte ich mich von den Ansichten, die mir als Kind eingeimpft waren. Und als ich dann später nach Paris kam und in einem Kreise lebte, wo —"
„Haben Sie in Paris gelebt?"
„Ja! Erzählte ich Ihnen das noch nicht? Nein, wie war es nur? Ich kann mich heute abend an nichts erinnern."
Sie legte die eine Hand in den Nacken, die andere an die Stirn und preßte sie zusammen.
„Und ich kann auch nicht vergessen. Wenn man nur alles vergessen könnte! Wie glücklich die Toten doch sein müssen, Frau Boje. Diese stille, ewige Ruhe!"
Airs die starke Erregung, in der sie sich befunden, folgte eine schwere Erschlaffung, die ihren Zügen einen träumerischen Ausdruck verlieh. In einem schlafähnlichen Zustand lehnte sie sich hintenüber, die Arme gekreuzt, die Lider halb geschlossen, als zöge sie das Gewicht der langen Wimper herunter; plötzlich aber richtete sie sich auf und schaute um sich.
„Ich sitze noch hier! Das ist wirklich sehr unrecht von mir! Und noch dazu bei Ihrem Zustand! Sie sind sicher müde!"
Sie erhob sich und umarmte Helene. „Haben Sie Dank, liebe Frau Böje, daß Sie mich so freundlich aufnahmen!
Darf ich nicht zuweilen ein wenig zu Ihnen herüberkommen- Ach, bitte! Ich werde Sie auch nicht allzu oft belästigen."-
Helene schloß in dieser Nacht kaum ein Auge. Was wogte und brauste doch nur in dieser jungen Brust? Wieder und wieder stand vor ihrer Seele oas Bild des qualerfüllten Antlitzes mit einem Augenpaar, das um Erlösung von etwas Entsetzlichem flehte. stj
Früh am Morgen öffnete sie mit Hilfe ihres eigenen Schlüssels die Nachbarwohnung und schlich leise nach dem Bett hin. Alles im Zimmer lag in wilder Unordnung, die junge Frau war in einen tiefen Schlaf gefallen und lag da, heftig atmend, das seine Gesicht in versteinerter Ruhe.
Erleichtert seufzte Helene auf, schlich zurück in ihre Wohnung und ging an ihre Morgenarbeit.
„Bist Du schon auf?" fragte Böje, als sie an der Schlafstubenthür vorüber kam.
„Ich war drüben, um mich nach Frau Eck umzusehen, sie schläft, gottlob, ruhig und fest."
Auch bei Böje erwachte eine herzliche Teilnahme für die rätselhafte Unglückliche, und er war mit Helene darin einig, daß sie sich in Zukunft ihrer ein wenig annehmen
müßten.
Die Fledermaus soll — selbst in stockblindem Zustande — frei und lustig in einem von Stahldrähten durchkreuzten Zimmer umherfliegen können, da sie, sobald sie sich einem der Drähte nähert, so früh von ihrem Gefühl gewarnt wird, daß sie rechtzeitig ausiveichen und weiter schwirren kann.
Es muß ein ähnlich geschärftes Feingefühl gewesen sein, daß Helenes Gedanken in stand setzte, jedesmal auszuweichen, wenn sie sich einer der Schnüre näherte, mit denen die Erinnerung an Thomas und ihren Vater ihr Inneres umspannt hatte. Wer wie viel Mühe sie sich auch geben mochte, hin und wieder geschah cs doch, daß sie sich an den harten Fäden stieß.
Sie erkannte, daß es nicht so leccht war, bte Vergangenheit in Vergessenheit zu versenken. Oft mußte sie an einen Ausspruch von Horaz denken, den Rudolf emes Tages zitiert hatte: „Wer flieht sich selber, wenn er auch sein Vaterland flieht?" ,
Aber mit einem ernsten Willen vermag man vrel, und sie wollte vergessen, wollte über alle Sorgen und allen Summer siegen, der in der Vergangenheit wurzelte. Sw wollte ihren engenen, ruhigen Weg gehen, ein Henn Volt Licht und Gemütlichkeit auf eigenem Grund erbauen.
Es konnte ein Trotz in ihr aufkommen, der seinen Ursprung in einem unklaren Unwillen gegen alle diese altväterischen Lehren hatte, die durch ihre schimmeligen Vor. urteile den freien Millen hemmten und das Muck des ’flÄ «M. Ite. «E
nach der Stadt eilte, wo sie einige Besorgungen zu verrichten hatte.


