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massen einzutauchen. Fest und klar drangen durch all diese wahnsinnige Aufregung die Besohle der Offiziere.
Unbeachtet stand Tatiana au der Reeling. Furcht fühlte Hie nicht; denn die Erlebnisse der letzten Stunde hatten jie gegen solche Regungen abgestumpft; auch ließ sie die Ruhe, die von den Männern auf der Kommandobrücke ausging, jedes bange Gefühl verschwinden. Mit Bewunderung beobachtete sie, wie der Kapitän oben in Wind und Wetter unentwegt seine Pflicht that, und wie die Mannschaft mit größter Hingabe arbeitete.
Jetzt sah sie einen Heizer aus dem Maschinenraum zur Brücke emporklettern, und sie hörte unmittelbar darauf den Kapitän sagen: „Ihre neue Feuerung, Boris Mitrofanowitsch, hat sich bestens bewährt; wir haben von Odessa bis Kiew trotz des Eisganges ein Tritte! Naphtha weniger als sonst verbraucht." Auch die Antwort des Rheders vernahm sie: „Man hat seine Frertde, wenn solche Erfindung, an der man im Schweiße seines Angesichts Tage und Nächte gearbeitet hat, gut ein schlägt."
Unwillkürlich mußte sie an Timitry Kalussoff denken; ob er auch Tage und Nächte im Schweiße seines Angesichts arbeitete? Merkwürdig, daß sie sich während der letzten aufregenden Erlebnisse so wenig mit ihm beschäftigt hatte. Wie vornehm und weltmännisch nahm er sich gegen diesen abstoßenden Boris Mitrofanowitsch aus. Sie haßte die,en Menschen, der sie so schonungslos zu einem peinlichen Geständnis gezwungen hatte. Und doch mußte sie gestehen, daß des Rheders eben geäußerte Worte schön waren, und daß sie stolz gewesen wäre, wenn sie Timitry gesprochen hätte. Blitzartig waren diese Gedanken in ihr aufgestiegen, um ebenso schnell gegenüber den äußeren Eindrücken zu verschwinden. ।
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
Aus der Geschichte der Omnibusse. Auf eine ziemlich lange und wechselvolle, dabei auch kulturhistorisch nicht uninteressante Geschichte können die Omnibusse in Paris zurückblicken, die, wie in anderen Großstädten, aus dem Straßenverkehr verschwinden. Um ein höchst malerisches Element wird das Pariser Straßenbild dadurch ärmer werden. Ter Gedanke der gemeinsamen Beförderung von Personen zu geringen Preisen rührt von keinem Geringeren als Blaise Pascal her, dem Berfasser der „Pensees". Tas erste Unternehmen öffentlicher Wagen in Paris reicht bis in das Jahr 1645 zurück. Es rührte von einem Herrn Sauvage her, der sich in dem Hotel zum „Grand Saint- Fiacre" niedergelassen hatte — woher der Name Fiaker stammt. Aber es kostete noch „wenigstens eine Pistole oder zwei Thaler täglich", sich in den Vorfahren unserer modernen Mietskutschen fahren zu lassen. Indessen ermächtigten Patentbriefe, die von Colbert am 10. Januar 1662 unterzeichnet und vom Parlament am 27. Februar registriert wurden, den Marquis de Sourches, Wagen in Umlauf zu setzen, „die unendlich bequem für viele Personen wären, die nicht die Mittel hätten, in Karossen zu fahren, die zu einem ganz mäßigen Preise fahren könnten und in Paris immer dieselben Fahrten von einem Stadtviertel zu einem anderen machen würden, die größten für fünf Sous und die anderen für weniger, die zur festgesetzten Stunde abfahren würden, wie klein auch die Anzahl der mitfahrenden Personen wäre, und die, wenn niemand käme, sogar leer fahren würden . . ." Tiefe Wagen waren nicht völlig öffentlich, denn in den Patentbriefen war ausdrücklich erwähnt, daß „Soldaten, Lakaien und andere Leute in Livree, selbst Handwerker in besagten Wagen nicht fahren dürften." Am 16. März 1662 verkehren die ersten Omnibusse in Paris, was Mme. Perier in einem Brief an Arnand de Pomponne folgendermaßen beschreibt: „Tie Einrichtung begann Samstag um sieben Uhr morgens mit wunderbarem Pomp. Man verteilte die sieben Karossen und schickte drei an die Porte Saint- Antoine und vier vor den Luxemburg, wo sich gleich- e zwei Kommissäre vom Chätelet in Robe, vier Gar- vom Generalprofoß, zehn oder zwölf Stadtschützen und ebenso viele Berittene befanden. . ." Tiefe ersten Omnibusse waren himmelblau, mit Goldlilien besät, — die Farben des Paris Ludivigs XIV.; sie wurden von galon- nicrten Kutschern und Lakaien in blauen, reich mit Passe- menterieen bedeckten Sieden geführt. Tie stets krittelnden
Pariser verspotteten jedoch zuerst diese schweren und lächerlichen Wagen. Eine Laune Ludwigs XIV. brachte sie dann aber plötzlich in Gunst. Der König hatte eines Tages die originelle Idee, Mme. de Montespan in Saint-Germain in eins dieser Gefährte steigen zu lassen, und als Kutscher höchsteigenhändig den „Wagen zu fünf Sous" zu leiten; natürlich brauchten nun alle vornehmen Leute am nächsten Tage den Omnibus. Mer sie wurden es bald satt, sich von den Bürgern stoßen zu lassen. Tie Bürger ahmten wieder die Mligen nach, und so hatten die ersten Omnibusse nur ein Eintagsdasein. Erst anderthalb Jahrhunderte später sollten sie Wiedererstehen. Im Jahre 1819 verweigerte der Polizeipräfekt einem Herrn Godot die Ermächtigung, eine Omnibuslinie auf den Boulevards und den Quais einzurichten, „weil diese Wagen zu große Verwirrung anrichken würden, da sie ständig auf den öffentlichen Wegen anhalten." Mehr Glück hatte Baudry im Jahre 1828; der Polizeipräfekt gestattete damals, daß 100 Wagen führen. Tie erste Linie versorgte die Boulevards. Aber das Publikum machte die Omnibusse lächerlich bis zu dem Tage, an dem die Herzogin von Berry eine Wette einging, daß sie in einem dieser Gefährte fahren würde. Seitdem stellte sich der Erfolg ein, und zahlreiche Gesellschaften begründeten Omnibuslinien in den verschiedenen Vierteln von Paris. Eine demokratische Neuerung war die Einführung von Deckplätzen im Jahre 1853, für die nur 15 Centimes erhoben wurden.
Seltsame Liebesbriefe. Nicht jedem genügen Papier und Tinte, um seiner Liebe einen würdigen Ausdruck zu verleihen. Besonders unsere angelsächsischen Vettern scheinen für diesen Zweck oft auf die seltsamsten Methoden zu kommen. Eine englische Revue erzählt ein paar Beispiele. Miß Amy Oakley, die die Weltchampionschaft der Frauen im Büchsenschießen erworben hat, erhielt vor kurzem einen höchst merkwürdigen Heiratsantrag. Sie schoß eines Tages wie gewöhnlich nach der Scheibe, als ein Fremder vorbeikam, ein überzähliges Gewehr aufnahm und 109 Schüsse abfeuerte, die so nebeneinander saßen, daß man daraus buchstabieren konnte: „Wollen Sie mich heiraten?" Tie Tame war natürlich überrascht, ließ sich aber nicht verblüffen, und entgegnete mit ihrem Gewehj in derselben Weise: „Natürlich nicht". Auch eine Frau, die in einer südlichen Londoner Vorstadt wohnt, besitzt mehrere Liebesbriefe, die mit dem Gewehr geschrieben sind. Tie betreffende Tame war früher Angestellte in einer Schießbude in einem beliebten Vergnügungslokal, und ihr damaliger Schatz und jetziger Mann pflegte abends zu ihr zu kommen, um sich im Schießen zu üben. Nach einiger Zeit war er so geschickt, daß er bis auf den Bruchteil eines Zolles treffen konnte, und wenn keine störenden Zuschauer da waren, gebrauchte er häufig seine Gcschicklich- eit in der angegebenen Weise. Sie entfernte dann die ö merkwürdig geschriebenen Botschaften und bewahrte sie örgfältig auf. In diesem Sommer schrieb ein Jüngling, >er sich in Liebe verzehrte, aber schüchtern war, in einem Garten in Sussex einen Heiratsantrag in Senf und Kresse; die Tochter seines Nachbars, für die er bestimmt war, wollte nicht zurückbleiben, und antwortete „Ja" in Radieschen. Sie heirateten ohne Verzug, und sowohl der Antrag wie die Antwort wurden bei dem Hochzeitsfrühstück serviert und verzehrt. Es ist trotzdem zweifelhaft, ob der Liebhaber der Neuzeit int ganzen einen großen Frtschritt in Erfindung von Neuheiten gemacht hat. Vor fast 4000 Jahren wurde ein Antrag um die Hand einer egyptischen Prinzessin kunstvoll auf einen Steinblock geschrieben, der noch heute im Britischen Museum zu sehen ist. Vom Prinzen von Conti wird berichtet, daß er einer vornehmen Tame einen Antrag auf einer goldenen Platte machte. Tie Schrift war graviert, und Tiamanten, Rubinen und Smaragden bildeten die Buchstaben des Liebesbriefes. Tie Antwort der Tame lautete jedoch verneinend, und darauf bat sie der Prinz, sie möge ihm wenigstens die Ehre anthun, einen Ring mit einem Miniaturporträt von ihm anzunehmen. Sie willigte ein, knüpfte aber die Bedingung daran, daß der Ring keine Juwelen haben sollte. Das zierliche Porträt wurde deshalb in einen einfachen Goldreif gefaßt, aber zum Schutz der Malerei diente ein großer, sehr dünn geschnittener Diamant als Glas. Tie Dame schickte sofort den Ring zurück, worauf der Prinz ihn pulverisieren ließ und das Pulver als Streusand für den Brief gebrauchte, den er ihr daraufhin schrieb.


