Samstag den 6. Dezember,
Nr. 18L
1902.
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(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original-Roman von Georg Buß,
(Fortsetzung.) ...
4.
Ter Schnee wirbelte noch immer weich und still zur weißschimmernden Erde. Tatiaua Godunow war beschäftigt, sich die Zukunft an der Seite Timitry Kalussosss in den rosigsten Farben auszumalen. Aber bald wurde sie unsanft aufgerüttelt, denn der Schlitten empfing heftige Stöße und schien sich auf sehr unebener Bahn zu bewegen. .Befremdet nahm sie wahr, daß die Bäume der Allee verschwunden waren und der Weg ein nichts weniger als städtisches Gepräge trug. Wieder folgte ein heftiger Stoß, der sie zu einem leisen Aufschrei. veranlaßte, sodaß der Kutscher sich umdrehte und begütigend sagte: „Seien Sie unbesorgt, Fräulein. Gleich sind wir am Ende, dann geht es wieder besser vorwärts." Aber trotz dieser beruhigenden Worte empfand sie ein Gefühl des Unbehagens, denn die Gegend war völlig menschenleer und nicht einmal der Schein einer Laterne war zu erblicken.
„Tu fährst doch richtig?" fragte sie ängstlich,. „Ich will zur Ecke der Bolschaja und Kusnetschaja — hörst Tu?"
„Gewiß", versicherte er, „ich fahre den kürzesten Weg. Seien Sie nur ruhig — Sie werden schon sehen."
Aber was war das?! Eben war der Mond aus den Wolken hervorgetreten, und bei seinem fahlen Lichte sah sie unmittelbar zu ihrer Rechten einen glitzrigen, silbrigen Schein, ein leuchtendes Fließen, Hüpfen und Tanzen, das kein Ende nahm. An ihr Ohr drang deutlich ein Plätschern, Gurgeln und Rauschen wie von schnell dahinfließendem Wasser. Eine Täuschung war unmöglich — das war der Fluß! Sie befanden sich nicht in der Allee oben auf der Höhe, sondern auf dem Lastweg, direkt unten am Flußbett.
„Tu fährst falsch !" ries sie dem Kutscher angstvoll zu. ,,Links mußt Tu fahren — hörst Tu? Links! — dorthin — zur Höhe hinauf!"
Mer der Kutscher kehrte sich nicht an ihr Rufen, sondern trieb das Pferd unaufhörlich zur Eile an.
„Halt!" schrie sie, an seinem Schafspelz zerrend. „Halt! Ich fahre keinen Schritt weiter! Halt,. Kutscher! Halt!" Ter Angstschweiß trat ihr auf die- Stirn, und ihre Hände krampften sich tiefer in den Pelz ein.
Vergebens — immer weiter raste das Pferd unter den Erbarmungslosen Peitschenhieben des Lenkers.
„Hilfe! Hilfe!" schrie sie mit gellender Stimme in die Dunkelheit hinein. „Hilfe!"
Doch nur das Plätschern und Rauschen des Wassers gab Antwort.
Ihrem angstverzerrten Antlitz wandte sich ein grinsendes
Gesicht zu, und sie hörte sagen: „Schweig', Täubchen, sonst geht's Tir schlecht! Schweig' auf der Stelle!"
Nein, sie wollte nicht schweigen, wohl aber bis zum! letzten Atemzuge um ihr Leben kämpfen. Lauter drangen ihre Hilferufe in die Weite, während sie den auf sie niedersausenden Peitschenhieb mit ihrem durch den Pelz geschützte« Arm zu parieren suchte.
Jetzt scheute und stolperte das Pferd, die Geschwindigkeit des Schlittens mäßigte sich etwas, und in Todesangst sprang sie in den Schnee.
Sie hörte Stimmen, Zurufe, ermutigende Worte — endlich kam Rettung... Es wurde dunkel vor ihren Angers sie drohte zusammenzubrechen, aber mit äußerster Energie: ließ sie im verzweifelten Schreien nach Hilfe nicht nachj.
Lichter leuchteten vom Wasser her, Menschen nahten in Eile; sie sank auf die zitternden KUiee und hob flehend' die Hände. Ter helle Schein einer Laterne fiel in ihr Gesicht, jemand beugte sich über sie, starke Arme hoben sie empor, und sie atmete auf.
„Was ist los?" wurde gefragt, aber sie vermochte nicht zu antworten, sondern nur mit der Hand aus den davonsagenden Schltten zu weisen.
„Ach so!" sagte eine rauhe Stimme, „ich verstehe! Ist schon oft passiert, daß Fahrgäste in dieser einsamen Gegend abgesetzt und beraubt wurden. Na, der Hund wird schon abgefaßt werden! Aber was nun, Gleb? Wird wohl bas Beste sein, daß wir die Dame zum Tampfer bringen und bis zum Landungsplätze mitnehmen. Denke, daß der Kapitän nichts dagegen hat — ist ja doch gegen Damen äußerst manierlich und charmant."
,-Hast recht, Wasja! Mso los!"
^,Nicht wahr, Fräulein, Sie wollen mit? Zu Fuß ist der Weg für eine Tanke zu, gefährlich und auch zu weit, denn der Hund hat sie weitab von der Stadt gefahren."
Sie nickte zustimmend und ließ sich willig zum Kahn führen, der schaukelnd am Ufer lag.
In ihrem Kopfe hämmerte es, ihr Herz drohte zu zerspringen, und lindernde Thränen hatte sie nicht. So saß saß sie gebeugt und schweigend in dem zwischen kleinen Eisschollen gegen die Strömung schwerfällig ankämpfenden Nachen, den die Männer nur mit Mühe vorwärts trieben.
„Wrr sind vom Frachtdampfer „Rnrik" und hörten bei der Fahrt Hilferufe", erklärte der eine Matrose. „Auf Befehl des Kapitäns machten wir das Boot flott, weil wir dachten, es sei jemand ins Wasser gefallen. Beim Losschwimmen merkten wir, daß die Rufe vom Ufer kamen. Seien Sie froh, Fräulein, daß die Geschichte so gut abgelaufen ist."
Sie sagte Worte des Dankes und starrte wieder vor sich hin. Eine Flut bitterer Vorwürfe schoß durch ihren Kopf und peinigte sie noch mehr wie die Angst um rhc persönliches Ergehen. Ten Water, den kranken, alten Mann sah sie gebrochen vor sich stehen, und mit zürnenden Worten hörte sie ihn klagen, ihre Kindespflrchten verletzt und seinen geachteten Namen beschmutzt zu haben, Tas


