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offnen und dabei seine Lehrmeisterin anschen — wenn sie auch seinen Blick niemals erwiderte und geflissentlich die Augen von ihm abwandte.
Tie Ehre seines Namens! Das war sein Letztes!
„Schweig'!" stieß er hervor.
Sie verstand ihn nicht. Sie sah nur, daß etwas in ihm arbeitete, etwas, was sie nicht kannte, was sie mit Furcht, niit Schrecken erfüllte. Sie fragte ihn, sie drang in ihn.
„Schweig'!"
seine Schmach — in seinem Innersten. Wie aber diesesprcchen durfte er sie noch nicht, nur die Lkvveu lautlos Frau, die hier an seinem Bette saß, nun daran rührte, ......5-»--
sie hervorzerrte ans Licht, preisgegeben den Augen aller Welt--das hatte er noch nicht bedacht! Das noch nicht.
Er schrie es jetzt gellend durch den Saal. Sein ganzes Gesicht war mit Röte bedeckt und in seine Augen trat ein glühender Glanz.
Ter Wärter eilte herbei. Ein zweiter, mit der Instruktion vertraut, lief nach dem Arzt. Die Kranken hatten sich in ihren Betten aufgerichtet. Ottilie hatte sich zitternd erhoben und war ein paar Schritte zurückgetreten.
„Ruhig, ruhig", sagte begütigend der Wärter und drückte den jetzt in wilde Fieberphantasien ausbrechenden Kranken in die Kissen zurück.
Ter Arzt kam.
Er sah sofort, was geschehen war.
„Ich muß Sie bitten, Madame", sagte er, „daß Sie sich sogleich entfernen. Begleiten Sie die Dame", befahl er dem einen Wärter.
Ter Mann führte sie hinaus.
Erst draußen kam sie zur Besinnung.
Was war geschehen?
Man ließ sie nicht mehr zu ihm hinein, erst eine Stünde später gelang es ihr, den Arzt noch einmal zu erreichen.
Er sah sehr ernst und dabei ungehalten aus.
„Mister Schöneck hatte einen Rückfall bekommen", sagte er kurz, „ein Gehirnfieber, und ich fürchte, daran haben Sie die Schuld, Madame!"
„Ich?" stammelte sie.
„Ich habe Ihnen den Besuch ausdrücklich nur unter der Bedingung gestattet, daß Sie jedes aufregende Gespräch, vermeiden. Das aber haben Sie nicht befolgt."
Sie brach in Verzweiflung aus, aber der junge Mediziner hatte kein Mitleid mehr mit ihr. Nur soviel wollte sie noch wissen, ob der Rückfäll mit Gefahr verbünden war.
„Das Lebten steht auf dem Spiel!" erwiderte er.
Tann ging er und sie war allein.
Sie waren jetzt noch viel mehr allein, als früher — bevor er in den Krieg gegangen war. Was Bell betraf, so hatte sie eben kein Talent zur Krankenpflegerin und zum Stillsitzen.
„Ich glaube, ich habe meine gesunden Nerven nicht mehr", hatte sie gesagt, „laßt mich wie ich bin, ich bin eine schlechte Gesellschafterin. Ihr werdet schon allein ohne mich mit einander auskommen."
Nur darauf hatte sie bei seiner Rückkehr bestanden, daß er sich in ihr Haus zur Pflege bringen ließ. Im übrigen war sie meistens mit sich allein, sie wollte es nicht anders oder sie fuhr nach Newyork, wo sie allerhand rätselhafte Geschäfte hatte.
Nun war er heimgekehrt, und er hatte sich geprüft, wie Bell es von ihm verlangt hatte, und nun wußte er, wo er sein künftiges Glück zu suchen hatte. In den kleinen Händen lag es, die sich ihm auf die Lippen legten, wenn er sprach.
Sie hatte Kummer. Ten Kummer um ihren Bruder., Warum konnte er ihr nicht helfen? Warum konnte er ihn ihr nicht bringen? Nun haßte er ihn ja nicht mehr.
Und dennoch wünschte er manchmal, daß sie diesen Bruder, uni den sie trauerte und heimliche Thränen vergoß, niemals wieder finden möchte. Damit er selbst der Einzige war, der schützend die Arme um sie breiten durfte, denn sie brauchte solche Arme, ihr ganzes Wesen schrie darnach.
Er suchte nicht mehr zu verstehen, was sie sprach, Er hörte nur noch, auf ihre Stimme. Er sah in ihr Gesicht. Jeden Zug kannte er darin, und doch konnte er sich niemals! daran satt sehen. Wie ganz anders war doch seine Liebe zu Bell gewesen. Bell hatte er wie ein Sklave, wie ein Knecht geliebt. Aber dieses Mädchen liebte er wie ihr Beschützer und wie ihr Herr — und nun schämte er sich plötzlich seiner früheren Liebe.
„Carla", unterbracht er sie, und er nannte sie zum ersten Male blos bei ihrem Vornamen, „sind alle Mädchen in Deutschland so wie Sie?"
Sie antwortete auf diese Frage nichts, aber sie schalt ihn.
Elftes Kapitel.
Ter Krieg wär beendet.
Durch die Vereinigten Staaten zog der Siegesj'ubel.
In Longbranch, in dem hübschen SchiveizerhLuschen, kas Bell gehörte, gab' es einen Verwundeten zu pflegen.
Der Verwundete war Fred. Vor Manila hatte er einen Schuß in die Schulter bekommen. Er hatte gefährliche darnieder gelegen, wochenlang, nun aber befand er sich, in der Genesung. Auch das Bett hatte er schon verlassen dürfen. Er lag jetzt in einem Rohrstuhl, der auf die Veranda geruckt war, vom Gärten her zog die warme wff doch erfrischende Luft herein und neben ihm saß eine sehr hübsche junge Dame und las ihm aus einem Buche vor. Das Buch war deutsch
Zwar konnte Fred von dem Vorgelesenen unmöglich viel verstehen, denn was er in der Schale von der deutschjen Sprache gelernt hätte, das hatte er langst wieder vergessen. Auch hatte er mit ihrem eigentlichen Studium erst seit ganz kurzem begonnen und seine Lehrmeisterin darin war eben diese so hübsche junge Dame. Aber wenn er auch erst ein paar Brocken davon verstand, so machte ihm das Bu= hören doch ein ganz außergewöhnliches Vergnügen. Wie hätte er geglaubt, daß die deutsche Sprache fo wohllautend war — oder kam dieser Eindruck blos von der Vorleserin her? Ganze Stunden lang konnte er ihr zuhören. Was Carla vorlas, das war Goethes Iphigenie.
Ter Arzt hätte ihm ausdrücklich das Sprechen verboten — Nur das Allernotwendigste hatte er ihm erlaubt. Manchmal wollte er sich nicht fügen, dann aber legte ihm Carla die Hand auf den Mund und sie wurde böse.
„Sie dürfen, Sie sollen nicht fo viel sprechen, Herr Bennet", befahl sie ihm, und doch hätte er es immer wieder thun mögen, nur um ihre Hand auf seinen Lippen zu fühlen. So wär es auch mit ihrem deutschen Unterricht bestellt. Sie sprach! ihm nur die einzelüen Wörter und ein- tzelne kurze Sätze vor und erläuterte sie ihm, aber nachf-
„Nun, fangen Sie wieder an!"
Cr hielt ihre Hand gefaßt und sagte:
„Earla, ich habe Sie lieb. Wollen Sie meine Fran werden?"
Umsonst suchte sie sich von ihm loszureißen und zu fliehen. Er hielt sie fest,
„Earla — ja?"
Ohne sprechen zu können, schüttelte sie endlich den Kopf und ihr Gesicht war rot wie die Päonien im Garten, Endlich brachte er es, warum sie den Kapf schüttelte, aus ihr heraus. Weil sie ihr eigenes Glück, solange sie um ihren Bruder trauern mußte, für eine Sünde hielt.
„Wenn er nun tot ist?" fragte er.
Die Thränen stürzten ihr über die Wangen und sie riß sich los.
Sie floh hinaus in den Park, bis sie im dichtesten Gebüsche, wo sie niemand sehen konnte, auf eine Bank glitt. Noch waren ihre Wangen feucht, und doch fühlte sie ein so großes Glück, daß sie es keinem Menschen hätte sagen können. Fred Bennet wollte sie zu seiner Frau.
Vor dem Fahrdämme her drang das Geräusch eiues heranrollenden Wägens,
Cs war ein Fiaker, der vom Bahnhof kam. Vor der Parkthür hielt er an.
Heraus stieg eine schwarzgekleidete, verschleierte Dame. Der Kutscher, der sein Geld schon bekommen hätte, fuhr davon, und die Dame trat an das Thor, um die Glocks zu ziehen.
Carla hätte sie schon erblickt, sie eilte auf die Dame zu und öffnete ihr.
Die Dame hob ihren Schleier.
Carla fuhr zurück.
„Ottilie!'<
(Schluß folgt.)


