Ssmstag den 6. September,
Rr. 132
1902.
Ms
Bl
(Nachdruck verboten.)
Miß Cookson aus New-Jork.
Won Heinrich Lee.
(Fortsetzung.)
Es war ein Offizier. Gr war anscheinend leblos. Die Neider wurden ihm heruntergeschnitten und die Aerzte konstatierten nun eine Verhetzung der Schädeldecke und einen schweren Bruch.1 des Schulterkuochens. Ob er mit dem Leben davon kourmen würde ■— merkwürdig genug, daß es ihm überhaupt noch, geblieben war — das ließ sich, vorläufig nicht sagen.
So lag er denn jetzt in diesem Saal. Wieder hatte ihn der Tod verschmäht, denn noch ein paar Tage und, so hatte ihm der Arzt verkündigt, er würde dann das Bett verlassen können. Das spanische Geschwader war vernichtet, der Krieg zu Ende. ' Nur jede Aufregung mußte noch von dem Patenten ferngehalten werden. Sein Kopf schmerzte noch
Er starrte nach den Fenstern hinauf, die seinem Bette gegenüberlagen. Dort hinter diesen Fenstern breitete sich der Ozean aus, dort hinter diesen Fenstern war Deutschk- land. In weiter, weiter Ferne war es, — so weit wie sein ganzes bisheriges Leben, das hinter ihm lag. Nun sollte er es weiter tragen? Wohin?
Tort hinter den Fenstern lag im Grünen ihr weißes Haus. Wo würde sie jetzt sein? An der Seite eines' Anderen.
Ein Schwalbeupaar schoß an dem Fenster vorbei. Er kannte es. Es hatte sich oben unter dem First ein Nest gebaut. Wie glüMch waren diese Tiere.
Tie Saalthür öffnete sich. Der Arzt trat herein. Aus allen Betten richteten sich halberstaunte Blicke auf ihn. Denn es war jetzt nicht seine Zeit.
Hinter ihm her kam eine schwarzverschleierte Dame. Besuch! Mer auch die Besuchsstunde war jetzt nicht.
Herwarth sah 'sie immer näher und näher kommen, der Arzt kam fetzt geradewegs auf ihn zu, während die Dame einige Schnitte hinter ihm zurückblieb.
Mister Rawdon, einer der Assistenzärzte, war ein junger Mann, der bet den Kranken wegen seiner Gutmütigkeit und gelegentlichen Nachsicht, die ihm bei aller nötigen Cmetgte Und Tüchtigkeit eigen war, sich b'esonderer Beliebtheit erfreute.
„Mister Schöneck", sagte er, „ich bringe Ihnen Besuch Damenbesuch. Eigentlich rst es außer der Zeit, Über Damen kann man nichts abschlagen. Ich, befehle Ihnen nur, sich nicht aufzuregen. In einer Stunde hole ich die Dame wieder ab."
Mister Rawdon rückte galant für die Dame einen leeren Stuhl an das Bett, schmunzelte, verbeugte sich vor der Käme, die — gewiß aus zarten Rücksichten, aus' Furcht
vor unberufenen Zeugen — noch immer zögerte, näher, zu treten, und verließ dann wieder den Saal.
„Herwarth!" sagte sieietzt, vor seinem Bett,denSchleier lüftend, mit zitternder Stimme.
„Ottilie!"'
Er machte eine wilde Bewegung.
Mer es waren fünfzig freindä Zeugen' im Säal. Sie mußten sich beide beherrschen.
Sie setzte sich zu ihm auf den Stuhl nieder. Kein Wort wollte ihr erst über die Lippen. Sie fühlte nur das Glück, daß sie nicht zu spät gekommen War, daß er lebte, daß er wieder gesund werden würde . »
Tann fing sie zu sprechen, zu flüstern an, von der Nachricht, die ihr über ihn geworden und warum sie her-! übergekommen war, zu ihm — von ihrer Reue, ihrer Ge^ wisseuspein, von ihrem Wunsche, das Geschehene wieder; gutzumacheu, und wie dieser Wunsch alles' andere Begehren/ das sie einmal wild durchslamMt, in ihr zurückgedrängt hatte — auch ihre Liebe zu ihm. Fast erstickend, stoßweise, mit gesenkter Stirn brachte sie das Letzte heraus. Weh das war die Buße, die sie sich auferlegt hatte, und die sie jetzt an sich erfüllen mußte, gleichviel) ob sie auch lieber? daran vergangen wäre.
Sie schwieg.
Lautlos hatte er ihr zugehört.
Was willst Tu nun von mir?" fragte er jetzt.
„Daß Du mir verzeihst,"
„Ich habe Dir nichts zu verzeihen."
Auf seinem Leidenslager, in den schlaflosen Nächten, hatte er über alles nachgedacht, und nun erleichterte eH ihm die Seele, daß er es sich .heruntersprechen durfte..
„Ich, habe Dir nichts' zu verzeihen", sagte er, „Du bist nur das Werkzeug meines Schicksals gewesen. Ich wollte das Glück meines Lebens auf einer Lüge aufbäuen und Tu hast sie zerstört und hast Wahrheit geschaffen! zwischen mir und Bell. Dafür habe ich Dir zu danken und auch dafür, daß Du mich auf den Weg gebracht hast, meine Schuld an ihr zu sühnen, denn ich, habe sterben wollen — sterben für ihr Baterland, für sie. Auch der Verbrecher hat nicht mehr als sein Leben, UM seine Schuld zu zahlen. Nun bin ich mit ihr quitt."
Was wollte er sie glauben Machen? Als verriet er ihr nicht, worin sein ganzes einziges Glück bestand. Und weshalb war sie sonst hier, als um es ihm zurückzuerobern — gleichviel, was es sie selber kostete.
„Wie Du mir vergeben hast, so wird sie nun auch! Dir vergeben", sagte sie.
Sollte er ihr die ganze Wahrheit gestehen? Auch daß sich die, die doch! noch sein gesetzliches Weib war, bereits! mit einem Anderen getröstet?
Warum erfüllte dieser Gedanke, mit dem er sich doch wahrlich vertraut genug gemacht hätte, jetzt Plötzlich sein noch immer wundes Gehirn vor und' brennend wie Mit Flammenschcin. Versteckt, verschlossen, vergraben hatte er


