469
Historischer Verein
für das Grotzherzogtum Heffen.
Ter vierte Sommerausflug des Historischen Vereins hatte sich zwei Glanzpunkte unseres Odenwaldes, die außer durch ihre hohe landschaftlichen Schönheiten durch eine Fülle geschichtlicher Erinnerungen zu fesseln vermögen, als Ziel gesetzt: die sagenumwobene Burgruine Rodenstein und den hochragenden Sitz der Grasen von Katzenelnbogen und der Landgrafen von Hessen, Schloß Lichtenberg. Eine stattliche Anzahl von Mitgliedern und Freunden des Vereins fand sich in der Frühe des vergangenen Sonntags zur Fahrt nach Reichelsheim zusammen. Die Eisenbähndirettion hatte ihnen mit dankenswerter Bereitwilligkeit einen bequemen Mussichiswagen zur Hin-- und Rückfahrt Mr Verfügung gestellt. Von Reichelsheim ging es M Fuß und zu Wagen durch das liebliche Eberbachthal hinauf zum Rodenstein. In der Ruine wurde das Frühstück eingenommen. Tann ergriff Staatsarchivar Dr. Dietettch das Wort, Um einen Umriß der Geschichte des Geschlechtes M geben, das die Burg erbaut und bewohnt hat. "Seine Ausführungen bewegten sich etwa in folgender Linie.
Ueber die Erbauung der Burg Rodenstein steht urkundlich nichts fest. Wir sind ganz und gar auf Vermutungen und aus Schlüsse aus dem Befund der baulichen Reste angewiesen. Nicht viel besser steht es mit der ältesten Geschichte des Herrengeschlechts, das die Burg erbaut und bewohnt hat. Lange Zeit war sie in Dunkel gehüllt. Erst als es dem Vorsitzenden des Historischen Vereins Dr. Frhrn. Schenk zu Schweinsberg gelang, den Zusammenhang derer von Rodenstein mit dem bereits in der Mitte des zwölften Jahrhunderts nachweisbaren Geschlechte der Edelfreien von Crumbach nachzuweisen, hüt sich das Dunkel etwas gelichtet. Sind seine Aufstellungen auch s. Zt. heftig angefochten worden, so wird sich heute wohl niemand mehr der zwingenden Kraft seiner Beweise entziehen können.
Fr-änkischf-CrUUrbach, das drunten im Thüle liegt, ist von jeher der Hauptort und die Gerichtsstätte der Besitzungen der Herren von Rodenstein gewesen. Nach Fränkisch-Crum- hach hat sich aber auch ein anderes, älteres edelfreies Geschlecht, haben sich die Freien (nobiles) von Crumbach genannt. Edel- oder vollfret waren die Crumbacher in dem Sinne, daß sie keine Herren über sich anerkannten außer den Kaiser, daß sie frei auf ihrem freien Erbe (Allod) saßen und schalteten, daß sie mit einem Worte reichsun- Mittelbar waren. Neben anderen auszeichnenden Vorrechten, neben dem eigenen Gerichtsstand, der Ebenbürtigkeit u. s. f. war die Ausübung der hohen Gerichtsbarkeit eines der vornehmsten Attribute der Herrengeschlechter vom Schlage der Herren von Eruiubach und von Rodenstein. Fränkisch-Crumbäch ist der Sitz eines Hochgerichts, Gerichtsherren sind die freien Herren von Crumbach und nach ihnen die von Rodenstein gewesen. Zu ihrem Gerichtsbezirke haben freilich nur wenige Ortschaften, wie Fränkisch-Crumbäch selbst, Lützelbach, Brandau, Steinau, Laudenau, Neunkirchen U. a. gehört.
Die edlen Herren von Rodenstein und Crumbach waren den anderen Geschlechtern des hohen und höchsten Wels u. a. auch ihren Nachbarn und späteren Dienstherren, den Grafen von Katzenelnbogen, vollkommen ebenbürtig. Auf die Dauer hatten sie freilich gegenüber der immer mehr aUwiachsenden Macht der benachbarten Fürsten und Grafen einen schlimmen Stand. Auf den weniger bemittelten Edelfreien lastete immer schwerer der von ihnen geforderte persönliche Reichskriegsdienst. In den vielen Feldzügen der deutschen Könige Und Kaiser hat sich manches stolze Geschlecht verblutet, ist die Zahl der Edehfreien dezimiert worden? Viele Familien sind schon früh aUsgestorben, viele sind verarmt und zuletzt gezwungen worden, dem hohen Güte der Freiheit zu entsagen und dienstbar zu werden, um nur das Leben zu fristen. Andere wieder sind durch Mißheiraten in den Stand des Unfreien Dienstadels hinabgestttgen, sind aus Herren (nobiles) Ministerialen geworden. Diese absteigende Entwickelung haben sehr viele ehedem' edelfreie Herrengeschlechter durchgemacht. Wir können sie auch bei der Familie der Herren von Crumbach-Rodenstein verfolgen.
Die älteste Familie beider Familien ist seht schwer zu verfolgen. Es hat mehrere Familien des Namens Rodenstein in Bayern, Schwaben, Westfalen, Hessen Und im Odenwald gegeben. Es ist deshalb sehr schwer, manchmal ganz UuchögliK dis einzelnen Familien anseiNanderLnhaften,
Auch der Name des älteren Geschlechts derer von Crumbachs ist weit verbreitet. Nicht weniger als drei reichsfreie Geschlechter von Crumbach (Grumbach, Grömbach) haben in unserer Gegend gehaust. Um die Ehre, der Stammsitz unseres hessischen edelsreien Geschlechts von Crumbach zu fein, das ticfi, in denen von Rodenstein fortgepflanzt hat, konnten! sich nicht weniger als drei im Bereiche des Odenwaldesl gelegene Ortschaften streiten. Archtvdirettor Frhr. Schenk hat alle diese Fragen, soweit es das lückenhafte Material zuließ, geklärt. Er hat Fränkisch-Crumbäch als den Stammsitz derer von Crumbach nachgewiesen und aus einer Menge Gleichnamiger alle die Persönlichkeiten ausgeschieden, die mit voller Sicherheit unserem Odenwälder Herrengeschlecht zuzuweisen sind.
Wenig genug ist es, was wir über das einst so angesehene und vornehme Geschlecht derer von Crumbach wissen. Seine Geschichte, die fast ganz aus bloßen Namen und trockenen Jahreszissern besteht, hebt an mit einem Magenes von Crumbach!, der 1148 und 1150 vorkommt. Mehr als einen dürren, vielfach noch unsicheren Stamm-- baum vermögen wir aus den dürsttgen Notizen, aus dem Vorkommen einzelner Herren von Crumbach als Zeuge/ Bürger oder Siegler und aus untergeordneten Rechtsgeschäften, die von dem oder jenem aus der Familie beurkundet wurden, nicht zusammenzustellen. Von dem Leben und Treiben der Träger des Namens, von ihren Thaten und Schicksalen, Tugenden und Fehlern erfahren wir nichts.
Wir wissen nur, daß die Edelherren von Crumbach Vögte des Klosters Höchst im Odenwald gewesen sind. Schön dieser Umstand allein würde uns die Vornehmheit ihres Stammes verbürgen. Zu Klostervögten wurden nur Vollfreie (nobiles) genommen. Außerdem begegnen uns die Crumbach öfters in der Umgebung ihrer späteren Dienstherren, der Grafen von Katzenelnbogen, die wohl schptt seit dem Anfänge des dreizehnten Jahrhunderts aus der benachbarten Burg Lichtenberg saßen. Graf Tiether II. von Katzenelnbogen hat u. a. einmal in einem Streite zwischen dem Kloster Eberbach im Rheingau und denen von Crumbach^.— es handelte sich um den von Klosterleuten begangenen Totschlag eines Crumbacher Leibeigenen — den Schiedsrichter gespielt. ,_ , . ,
Im Anfänge des vierzehnten Jahrhunderts verschwendet der Name von Crumbach aus der Gefchichte, im Anfänge desselben Jahrhunderts — die Zugehörigkeit einer Anzahl von Geistlichen des Namens von Rodensteinn, die früher vorkommen, zu dieser Familie ist zweifelhaft «- treten die ersten Odenwälder Rodensteiner auf. Seltsam erscheint es, daß eine so vornehme Familie nicht früher beglaubigt ist. Woher ist sie gekommen? Solange die von Crumbach existierten, war neben diesen kein Raum mehr auf, dem engen Bezirke um die Neunkircher Höhe für ein zweites Herrengeschlecht, es fei denn, daß es mit denen von Crumbach identisch oder eilte Seitenlinie von ihnen gewesen wäre. Daß dies in der Thät der Fall war, geht aus dem Um- staiide hervor, daß die von Crumbäch mit denen von Rodenstein gleichen Standes, daß beide Stämme die, Gerichts- Herren in Fränkischf-Crumbach find, daß sie vielfach^ die gleichen Vornamen und vor allem das gleiche Wappen führen. Tie Rodensteiner sind demnach ein Zweig derer von Crumbach gewesen. Sie sind aus dem Thale, wv die Thalburg der Crumbacher gestanden hat, hinauf an den Berg gezogen, haben die Burg erbaut und sich selbst nach dieser „von Rooenstem" genannt. Dieser Zweig des alten tzerrengeschlechts hat dann später, nach deren Aussterben, die Fränkisch-Crumbacher Linie beerbt und so den ganzen Besitz des Hauses wieder in eine Hand gebracht.
Der Bau der Burg wäre nach Lieser Annahme etwa in die Zeit des ersten Auskommens des Namens Rodenstein, jedenfalls nicht früher zU fetzen, d. h. in den Beginn des 14. Jahrhunderts. Allerdings scheint gegen diesen Ansatz der Befund der Burgruine selbst zu sprechen. An mehreren Stellen finden sich Bauteile, die in die Zett des Ueberganges vom romanischen Mw gotischen Stile zu verweisen sind. Die Möglichkeit ist deswegen nicht abzulehnen, daß einzelne Teile schon vor 1300 erbaut wurden, daß hier eine Zufluchtsburg der Crumbacher gestanden hat, die bei der Nebersiedelung eines Zweiges des Geschlechtes hierher um- und ausgebaut und wohl auch erweitert wurde.
Aus den ältesten Urkunden der Rodensteiner 7- wir sehen hier ab von bloßen Namensändernngen *- geht hervor, daß 1346 die Burg, ein Lehen des Grafen von Katzen-.


