458
mal, wenn ich an Dich denke, mache ich mir beinaheVorwürfe, daß ich es noch Lin."
„Tu sollst nicht so reden —"
„Ich weih, das; Tu nicht meinen Tod willst. Ich weih, Otti, daß Ml mich aufrichtig betrauern, beweinen würdest. Wer ich werde früher sterben als Du. Sehr viel frühes, vielleicht schon sehr bald."
Ottilie fuhr mit Bestürzung auf.
„Wer sagt das? Der Arzt? Tas ist nicht wahr. Mir hat er gesagt, daß Tu noch viele Jahre leben kannst."
Er zwang sie wieder sanft nieder.
„Kannst! Otti, darin liegt es. Mir aber hat er noch etwas Anderes anvertraut, etwas, was er Dir auf meinen Wnnsch verschwiegen hat, weil ich es Dir selber sagen wollte. Gewiß, ich kann noch viele Jahre leben. Ein jeder Augenblick kann mich aber auch plötzlich hinraffen. In jedem Augenblicke kann mich ein Herzschlag treffen."
„Gott —"
Er sah ihr entsetztes Gesicht, und liebevoll griff er nun nach ihrer Hand.
„Tu muht ruhig sein, Otti, Du mußt tapfer sein. Du mußt vor allem daran denken, daß der Tod für mich eine Erlösung wäre. Du mußt mir ihn gönnen. Hat mir das Leben nicht das Beste geschenkt, was es zu vergeben hat? Es hat mir eine Frau geschenkt, wie Dich So lange ich noch lebe, kann ich Dir nicht danken. Ich kann Dir erst danken, wenn ich tot sein werde. Darum höre, was ich wenn ich Dich verlassen habe, von Dir will. Betraure mich aber nicht zu lange. Tu sollst dann Herwarth nicht länger warten lassen. Weshalb wäre er bis heute unverheiratet geblieben, wenn ihm eine Andere gefallen könnte, als Du! Wenn das Jahr nach meinem Tode um ist, sollst Du ihm Deine Hand reichen. Wirst Du mir das versprechen?"
Ein Wirrwarr von Empfindungen durchwogte Ottilie. Sie dachte nicht mehr an Herwarth. Sie hatte mit ihrem Manne, gut und glücklich gelebt. Ein festes, sicheres Band hatte sich um, sie beide geschlungen. War es von ihrer Seite auch niemals das Band der Leidenschaft gewesen, so war es doch das der Freundschaft und allermindestens das einer herzlichen Gewohnheit.
„Tu wirst nicht sterben. Ich glaube nicht dem Arzt. Was verstehen denn die Aerzte überhaupt? Mle Tage hört man davon, daß sich einer getäuscht hat."
Der. Geheimrat lächelte.
„Also gut! Und da Tu es willst, so werde ich alt werden wie Methusalem. Aber wenn ich einmal sterbe, denn am Ende wird es mir doch nicht erspart bleiben, dann denke an diese Stunde, dann denke an meinen Wunsch. Ich habe es Dir einmal sagen müssen, und nun i st es gesagt. Fortan wollen wir nicht mehr davon sprechen. Und nun laß A Ein, ich muß noch mein Pensum heute schaffen,
Auch Ottilie wünschte, daß er niemals wieder von solchen Einbildungen, wie sie es nannte, sprach Mles sollte unverändert bleiben, wie es war. Fühlte sich nicht Jedes wohl dabei — auch sie selbst, auch Herwarth? So war es gut. Besser konnte es gar nicht werden. Natürlich hatten Her- warth und sie sich lieb. Wer da man sich nun einmal nicht geheiratet Hatje, so freute man sich! seines Lebens zusammen auch so.
Ottilie ging und der Geheimrat !var allein.
Er öffnete in seinem Schreibtisch ein Schubfach und nahm, eine Cigarrenkiste heraus.
Es waren große, dicke, ganz schwarze Regalias. Der Arzt hatte sre ihm als äußerst schädlich! verboten. Gerade deshalb rauchte er sie.
Zweites Kapitel.
Man war in Westerland nun schon seit einer ganzen Woche.
An Wohnungen war keine große Auswahl, am Strande aab es überhaupt keine, in ein Hotel wollte Man nicht wegen des bis in die Nacht dauernden Spektakels, und so war man in eine Billa gezogen, die abseits von dem Geräusch des Badelebens Und ziemlich einsam in der Haide jag. Sonst wurde das Haus nur noch von dem Wirtspaar bewohnt, von dem man aber den ganzen Tag nichts sah, Und von einem Berliner Hernr, der sich gleich am ersten Tage vorgestellt hatte. Und feines Zeichens Bankier war, einem Herrn Westheim.
Von Bell war ein Brief angelaugt, daß sie mit Ottiliens Vorschlags einverstanden war. Den Tag Wes Kommens
wollte sie von Cuxhaven aus, sobald sie dort eingetroffen war, noch telegraphieren.
Es war bis jetzt sehr schönes Wetter gewesen. Den größten Teil des Tages' verbrachte Man müßig am Strande, wo man ein Zelt gemietet hatte. Für den Geheimrat und seinen Rollstuhl war ein Diener mitgenommen worden.
Seit gestern abend war das Wetter umgeschlagen. Es regnete, und dabei wehte ein sehr heftiger West. Den Kaffee! hatte man an diesem Morgen nicht draußen im Garten in ber Berauba, sondern im Zimmer eingenommen und Ottilie und Herwarth überlegten, ob sie an den Strand gehen sollten oder nicht.
„Es ist Euch doch blos um m i ch zu thtzn", sagte der Geheimrat, „weil Ihr mich zu Hause lassen müßt. Wor dem bischen Wind Urrd Regen fürchtet Ihr Euch doch nicht. Ich behalte mir die Zeitungen hier — also macht, daß Ihr sortkommt."
Damit war die Frage entschieden. Ottilie steckte sich ihren roten Strandfilzhut fest ins Haar, nahm Regenmantel und Plaid nm, und Herwarth wappnete sich ebenfalls. Ter rote Strandhut lleidete sie ganz besonders gut.
Als man das Haus verlassen wollte, kam der Depeschen!-! bote.
Es war ein Telegramm an Ottilie, das erivartete Telegramm von Bell.
„Komme heute mit der Cobra", lautete es.
Die „Cobra" war das Dampfschiff, das jeden zweiten Tag von Hamburg abfuhr. Außer der langen Dampfschiff-, fahrt von Hamburg gab es nach der Insel auch eine Route über das Festland, von dem aus man in einer nur dreiviertelstündigen Fahrt durch das ruhige Wattenmeer die Insel erreichte.
„Mit dem Schiff kommt sie! Bei einem solchen Wetter!"
„Wer weiß, wann sie das Telegramm aufgegeben hat"- sagte der Geheimrat, „denn ich glaube, bei dem Wetter- es scheint doch! geradezu Sturm, wird es gar nicht abge-i gangen sein."
Und Herwarth bemerkte abfällig:
„Es ist eben eine Dame aus Amerika. Sie will uns imponieren."
„Nein", nahm Ottilie ihre Freundin in Schutz, „so ist sie nicht. Hermann wird Recht haben. Das Schiff wird gar nicht abgegangen sein, und ich bekomme noch ein zweites Telegramm von chr, daß sie mit der Eisenbahn kommt."
Won den Dünen her, auf die sie jetzt zugingen, brauste! ein wahrer Orkan. Aus den grauen Wolken peitschte den Regen herab. Hinter den Dünen führte zum Strande eine große Treppe hinunter. Die breite weiße Sandfläche mit den hunderten von bunt bewimpelten Burgen und Strandk körben war verschwunden. Donnernd mit weißen Kämmen stürzten die Wogen darüber heran, bis dicht an die Wandel bahn, in der, durch die hier geborgenen Körbe und Stühle! noch mehr verengt, der Promenadenstvom der Kurgäste sich jetzt zusammendrängte. Man sah die lustigsten Bernium- mungen, man lachte und schrie, das Wetter war ein Ber-, gnügen. Manchmal spritzte das Wasser mit den hellen- gelbweißen Schaumslocken, die bis zu den Dünen hinaufflogen, bis über die Bahn hinweg und durchnäßte Kleider und Schuhe, dann fchrie und lachte man erst recht. Alles sah hinaus in baS tobende Element und freute sich, hiev so hübsch in Sicherheit zu sein. „Wer heute auf dem Meere! ist!" Wenn die Cobra oder das andere Schiff kam — des immer zu starken Wellenschlages halber legten die Schiffe! nicht in Westerland direkt, sondern an der Spitze der Insel an, die mit dem Orte durch eine Dampfbahn verbunden war — so konnte man es am Horizonte deutlich sehen. „Wird' die Cobra kommen oder nicht?" Das war die allgemeine- saft leidenschaftlich gespannte Erwartung. Man schloß sogar Wetten darauf ab.
„Käme sie wirklich! mit dem Schiff", sagte Ottilie, „es wäre von ihr unverantwortlich."
„Ich glaube- mir wird diese Dame nicht sehr sympathisch werden", erwiderte Herwarth.
„Du kennst sie doch gar nicht." ,
„Exzentrische Weiber sind mir fürchterlich. Eine Frau' die exzentrisch ist, ist keine Lady. Jede Fratz sollte sich ein Beispiel nehmen 1— an Dir." < ”
(Fortsetzung folgt.)


