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beängstigend nah die erste Katastrophe ihres jungen Lebens der Verlust der Heimat.

Sie verstanden noch nicht recht, was das für sie be­deute, aber die Ahnung bevorstehenden Herzeleids fiel wie ein Wolkenschatten über ihre sonnige Heiterkeit.

Im Laufe des Vormittags wurden Traute und der alte, langjährige Diener Graumann gefunden, wie sie schluchzend zusammen auf einer Treppenstufe saßen.

Graumann hatte Traute, seinen Liebling, die er ein­mal auf den Armen getragen, gefragt, ob denn das wahr ser, daß der gnädige Herr sein Gut an den Schnapsfabri- kanten verkaufen wolle. Tas würde er nicht überleben.

Als Trante weinerlich entgegnete:Graumann, wenn wrr Weggehen, ziehen Sie mit uns", sagte der alte Mann: "Ach, Kind, ich kann ja nicht, ich habe ja mein Haus und meine Familie im Dorf."

Und dann hatten sie sich beide ihrem ausbrechenden Schrnerz überlassen. Eine Stunde vor Mittag kam Herr- Belten aus dem Konferenzzimmer. Er sank ganz erschöpft rn eine Sofaecke int Salon seiner Frau und behauptete, er habe rasende Kopfschmerzen. Er halte es nicht länger aus, dreEsel" könnten nun allein sehen, wie sie fertig würden. Es sei nichts wie Schererei nm unwesentliche Kleinigkeiten beim Aufsehen des Tauschkontraktes. Seine Frau mußte ihm- homöopathische Tsopfen und einige Stärkungsmittel, wie eine Tasse Bouillon und ein herzhaftes Schinkenbröt­chen, reichen. Als er sich etwas erholt hatte, machte eq einen Spaziergang durch den Garteit und holte selbst einige Pfirsiche vom Spalier, um schnell von seinen Töchtern eine kleine Pfirsichbowle zur Mittagstafel 'zubereiten zu lassen.

Seine Frau fragte ängstlich, ob denn das ginge, daß der Tauschkontrakt ohne ihn fertig gemacht würde.

Es muß gehen. Tu siehst ja, ich kann nicht mehr. Die Kerls find unerträglich mit ihrer Umständlichkeit!"

Fran Velten schickte einen Seufzer zum lieben Gott um Erleuchtung ihres Gatten in dieser Geschäftsangelegeit- yeit . Und dann war sie ängstlich um seine körperliche Pflege bemüht. Tie ungewohnte Anstrengung des Vormittags konnte ihn ja krank machen. Und wenn der Kontrakt ab­geschlossen wurde, mußte er doch noch heute mit den Herren aufs Gericht fahren, um ihn rechtsgiltig zu machen.

Als die Suppe schon auf der Mittagstafel stand, rief Herr Lehmigke senior nach Herrn Belten. Der Kontrakt konnte nicht ganz ohne ihn zu Ende gebracht werden, es handelte sich noch um einige wichtige Punkte. Herr Velten protestierte. Die Suppe werde kalt, man wolle das bis nach Tisch anfschieben.

Mein bester Herr, lassen Sie man die Suppe kält werden", sagte Lehmigke sehr entschieden.Ich gehe hier nicht vom Tische weg, bis wir mit dem letzten Pfennig ins reine gekommen ftnb. Hernach schmeckts um so besser."

Tie drei verbündeten Herren schienen weder rasende Kopfschmerzen zu haben, noch irgend eine Anstrengung von der Arbeit des Vormittags zu spüren. Sie arbeiteten mit eiserner Energie und Gründlichkeit weiter. Velten über­hastete alles so sehr, daß Lehmigke ihn einige Mal selbst auf seinen Vorteil aufnterksam machen mußte. Es war ein Frevel, die gute Suppe und die Pfirsichbowle länger- warten zu lassen, und weil ihm diese geschäftliche Arbeit so verhaßt und langweilig war, gab er in einigen Punkten gegen seine bessere Ueberzeugung nach, nur um endlich zu Ende zu kommen.

Dem Mittagsmahl wurde heute nicht die gehörige Aufmerksamkeit geschenkt, denn dre Leipziger Herren hatten es eilig, nach der Stadt zu kommen, zum Abschluß des Geschäfts, sie wollten gleich mit dem Nachmittagszug weiter nach Leipzig.

So folgte nach ausgehobener Tafel ein eiliger Aus­bruch.

Paul Lehmigke hatte aber trotzdem Trautens ver­weintes, betrübtes Gesicht bemerkt, und er bemühte sich bei Tisch, gegen die Gewohnheit seiner Schweigsamkeit, freundlich und herzlich mit ihr zu sprechen.

Er fand wenig Anklang, und beim Abschied sah er sich vergeblich nach ihr um, sie hatte sich nach Tisch mit einer kühlen Verneigung empfohlen und wurde nicht wieder sichtbar.

Herr Belten konnte im letzten Augenblick, als die andern Herren schon im Wagen saßen, seine wichtigste Brieftasche

ich habe ganz andere Gedanken. Mer man muß alles dem liebelt Gott überlassen. Wie der es fügt, wird es am besten für uns f ein. Betet nur für Papa, daß der liebe Gott ihm hilft."

Iknd mit einem Gutenachtkuß schied sie von den Töchtern.

Paulchen", sagte zur selben Zeit Papa Lehntigke zu fernem Sohn in dem gemeinschaftlichen Logierzimmer,das Gut ist ein schöner Besitz. Da steckt was drin.Wer was ist das für eine Wirtschaft? Siehfte, die Leute verstehen nichts und arbeiten nichts und dann klagen sie über die schlechten Zetten. Sie leben wie die Fürsten, mit Wagen und Pferden, mit Bedienten, Wein und Braten aber wo svll's Herkommen?"

Tas ist nicht unsere Sache", erwiderte der Sohn kurz, der noch am offenen Fenster eine Cigarre rauchte.

Der alte Lehmigke rechnete eine Weile an den Fingern. Man könnte die Einnahmen schon im ersten Jahre ver­doppeln und in fünf Jahren verzehnfachen. Wir bauen natürlich eine Brennerei. Auf der Höhenseite ist leichter Boden alles Kartoffelland. Der Kuhstall wird ver­doppelt wenn die Niederungen drainiert werden, ge­winnen wir ein paar hundert Morgen Wiesen und Klee­schläge, was jetzt alles Sumpfland ist."

Paul fetzte sich zu seinem Vater an den Tisch und beide rechneten eifrig. Sie hatten bereits am ersten Tage das ganze Gut übersehen und wußten genau Bescheid.

Wo der Vater einen Irrtum beging, korrigierte ihn der Sohn mit scharfer Sachkenntnis, ihm schien nichts ent­gangen zu sein. Er hatte jeden Schlag Holz und jede Scholle Acker int Kops.

Auch in der Wirtschaft hatte er alles beobachtet. Er wußte, daß der Inspektor das Pferdesutter nicht beauf­sichtigte und daß die Knechte Korn veruntreuten. Daß unverantivortlich mit den neuen Kartoffeln gewirtschaftet wurde, und daß die Wirtschafterin den Milchkeller nicht verschloß. Als Traute ihn aus dem Hofe umherführte, hatte er mehr gesehen als diese ahnte.

Aber weißt Du, Paul, was das Beste hier in Bran- tikow ist?" fragte Papa Lehmigke plötzlich.

Paul wußte es ganz genau.

Tas Beste find die Töchter. Die sind prima Qualität!" Er sah den Sohn scharf an.

Dieser schwieg und that einen langen Zug aus seiner Cigarre.

Ueberleg's Dir, Paulchen, überleg's Dir, mein Sohn. Die jüngste, das ist was Rares, ein Kernmädel. Au mir sollst Du keinen Unmenschen finden wollen nicht auf die Groschen sehen haben ja selber genug. Mir auch leid, die hübschen Kinder die Eltern sind ja unklug mau könnte den alten Leuten ein bischen aufhelfen. Denn, mein Gott, der Mann und Hausbesitzer in Leipzig! Der bringt feine Familie noch tiefer ins Unglück. Ich würde ihm helfen, das Haus wieder an den Mann zu bringen und ein Geschäft dabei zu machen. Dann kann er sich in Ruhe auf den Stuhl setzen und weiter Baron spielen. Wer es ist was schönes um so eine vornehme Bildung und mit so einer Frau stichst Tu alle in Leipzig aus. Aber schlaf erst mal eine Nacht darüber, mein Sohn, schlaf erst drüber."

Vater und Sohn Lehmigke begaben sich darauf zur I Ruhe. |

Zweites Kapitel.

Am folgenden Vormittag lag eine gelvisse Schwüle, der I Druck einer bangen Spannung über dem Herrenhaus von Brantikow.

Zuerst zogen sich sämtliche Herren in das Arbeitszimmer toe^rb $UrÜct unb beanspruchten, nicht gestört zu

Tie dichten blauen Rauchivolken, in die sie sich hüllten, I Utto das ernste, geschäftsmäßige Gemurmel ihrer Stimmen i hatten etwas bedrückend Feierliches für diejenigen, welche j wußten, daß die Würfel ihres Schicksals dort unter ihnen I geworfen wurden.

8bau Veltens bange Unruhe bewies, daß sie kein unbe- I dingtes Vertrauen in die GeschäststüchtigLeit ihres Gatten setzte, aber sie tröstete sich mit dem lieben Gott und stärkte sich sichtlich au einer Morgenandacht, die sie mit den

Töchtern hielt.

Hulde und Traute konnten ihre fröhliche Laune nicht recht wiederfinden.

Was gestern noch in weiter Ferne schien, lag heute so I