Freitag den 6. Juni.
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1902. — Nr. 83.
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iinm diesen Rat mit auf die Levensrcise: Vor Männern rede immer laut und klar, Mit Frauen sprich bedeutsam leise,
Und vor den Narren — schweige ganz und gar!
Franz v. Schönthan.
(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marte Stahl.
(Fortsetzung.)
„Wird es Ihnen schwer, Fräulein, wenn — wenn Ihr Herr Vater das Gut vertauscht — hier fortzugehen, in die Stadt — nach Leipzig?"
Seine Stimme klang so verändert, etwas gedämpft und so weich und teilnehmend.
Traute fuhr erstaunt mit dem Kopfe herum. Solche Töne hatte sie ihm nicht zugetraut — dem Stockfisch. Da bemerkte sie, daß sie mit ihm allein auf dem Balkon geblieben war, Hulde war in den Saal gegangen.
Herr Sedelmaier spielte eben schmelzend: „Mein lieber Schwan." t
Paul Lehmigke kam einen Schritt näher und lehnte all dem sandsteinernen Pfeiler der Ballustrade dicht neben Traute. Mit einem Ruck war diese aus ihrer lässigen Haltung emporgeschnellt lind saß steif und verlegen aus ihrem Stuhl.
„Es thut mir so leid — Sie sind so glücklich hrer — das Stadtleben wird Ihnen schwer ankommen — aber — aber — vielleicht —"
In dem Toir seiner Stimme lag etwas, was Traute blitzschnell verstand, obgleich es ihr ganz neu war. Und sie ging sofort in die Defensive über.
„O, was sein muß, muß sein", erlviderte sie, ihn unterbrechend, in frostigem Ton, indem sie immer steifer und gerader wurde. „Das Stadtleben wird auch seilie Reize haben."
„Ich möchte Ihnen nicht die Heimat. rauben", fuhr Paul Lehmigke herzlich und warm fort,, „ich werde nicht immer in Brantikow wohnen — wenn Sie wollen, können Sie jeden Sommer monatelang Herkommen — mit Ihren Eltern und Geschwistern."
„Sie sind sehr freundlich", sagte Traute mit steifer Höflichkeit, und da sie dem so plötzlich seelenvoll werdenden „Stockfisch" gegenüber nicht die rechte Haltung finden konnte, stand sie auf und ging mit der Entschuldigung „es werde kühl" ins Haus.
Der junge Mann nahm den Platz ein, den sie verlassen Und blickte sinnend und tief nachdenklich vor sich nieder. Er sah aus, als denke er an etwas Liebes und der Schimmer
einer warmen, frohen Hoffnung verjüngte und verschönte förmlich seine ernsten, arbeitsharten Züge.
„O Himmel, Hulde!" sagte Traute gähnend, spät am Abend, als sich beide junge Mädchen in ihrem gemeinschast- lichen Schlafzimmer zur Ruhe begaben, „diese Leipziger sind gottvoll!"
Sie saß in ihrem weißen Nachtkleid auf der Betk- kante und reckte die runden, rosigen Arme über dem
„Sagte ich Dir nicht, daß Du Deinen Spaß haben würdest?" entgegnete Hulde, die vor dem Toilettenspiegel das lange, üschblonde Haar bürstete. Traute lachte auf.
„Mer Paulchen, nicht bange!" machte sie mit täuschender Mimik nach und beide Schwestern lachten, bis ihnen die Thränen herunterliefen, da Traute das „Mer Paulchen", in allen Tonarten variierte.
„Ja, der dicke Papa Lehmigke mit seinem hell karierten Anzug und der breiten Kutscher-Uhrkette könnte sich ausstopfen und für Geld sehen lassen", behauptete Hulde. Traute tänzelte durch das Zimmer und machte seinen Gang nach, was in dem langen Nachtkleid sehr komisch wirkte.
„Wenn er gefühlvoll wird, sehen seine guten grünen Augen gerade aus wie gekochte Stachelbeeren", sagte sie, indem sie selbst die Augen verdrehte. „Welche Unverschämtheit, zu verlangen, ich soll ihm Reiterkunststückchen vormachen!"
„Weißt Tu, Traute, ich glaube, Du hast Paulchens Herz verwundet!" ries Hulde lachend.
„Ha, ha, ha!" Traute schüttelte sich, „der verliebte Stockfisch! schönes Tableau!"
„Ueberlegs Dir", neckte Hulde, „er wird mal Millionär, und bctmt bist Du Herrin von Brantikow!"
„Brrrr!" machte Traute, „und außerdem Frau Schnapsfabrikant Lehmigke. Das wäre überwältigend!"
„Tu kannst ihn ja erziehen", fuhr Hulde neckend fort, „er muß seine Hände besser pflegen und etwas geschmackvollere Krawatten tragen."
„Hu! die Quadratfäuste — er trägt wenigstens Nummer
„Sein Schneider scheint ein seltenes Genie zu sein."
„Und hast Du Papa Lehmigke und Herrn Sedelmaier beim Essen beobachtet? Mir wurde ganz schlimm!"
„Mir auch. Papa Lehmigke war ganz mit Fett einbalsamiert und Sedelmaier aß wie ein Krokodil in der Menagerie, das acht Tage gehungert hat."
Es klopfte an die Thür. Traute schlüpfte schnell unter die Bettdecke.
Frau Belte« trat ein.
„Mer Kinder, was schwatzt Ihr denn xtoiy? Es ist ja Mitternacht." , __-.
„Mama, Traute soll Paulchen heiraten, dann mußt Tu mit Papa Lehmigke auf der Hochzeit dre Pownacse tanzen", kicherte Hulde. ... ,
„Ach, Kinder, es ist güt, daß Ihr noch lachen könnt.


