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1902. — Nr. 181.
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(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original-Roman von Georg Buß.
(Fortsetzung.)
Der Weg war weit, und Tatiana Godunow hatte genügende Zeit, sich ihren Gedanken hinzugeben.
Sie glaubte Timitry Kalussoff aufrichtig zu lieben. Schon seit ihrer Pcnsionszeit kannten sie sich. Im vergangenen Jahre, als sie bei Praksins in Moskau zum Besuche geweilt, war sie sich über ihre Empfindungen klar geworden. Sie hielt ihn für die Personifikation aller Tugenden, seinen Charakter für vornehm, sein Wissen für außerordentlich und den Reichtum seiner Gedanken für unerschöpflich. Tie Schilderungen seiner Reisen dünkten ihr fesselnde Bilder in glänzenden Farben. Berichtete er von Paris, ließ er originelle Schriftsteller, geistvolle Gelehrte, leuchtende Sterne der Bühne, witzige, prickelnde Bonmots, elegante Toiletten, Kunstwerke und kostbare Brillanten im bunten Zuge voriiberwirbeln, lobte er das lachende, lustige wechselvolle Leben auf den Boulevards, in den Restaurants und Salons, pries er die Grazie der Frauen und die sonnige Heiterkeit am User der Seine, dann zogen ihr die Stunden im Fluge dahin. Manchen Abend hatte sie beim prasselnden Kaminfeuer solchen Erzählungen gelauscht und das temperamentvolle Mienenspiel des Plauderers beobachtet. Zuweilen sprach er auch von seinen sozialen und politischen Idealen, die sie außerordentlich hoch und kühn fand. Seine schönen Augen blitzten bei diesen Reden so begeistert, und seine wohlgepflegten Hände mit den langen Nägeln beschrieben so energische Gesten, daß man fühlte, wie er aus tiefster, heiligster Ueberzeugung sprach. Meist schloß er mit dem Rezitieren passender Strophen, bei denen seine wohlklingende Stimme voll zur Geltung gelangte. Puschkin, Lermonkoff und viele andere Dichter kannte er auswendig. Sie erinnerte sich noch der herrlichen Verse Nikolai Nekrassows aus dem Gedicht „Tie Muse"; so hinreißend hatte er sie vorgetragen, daß jeder im Salon er- ?rissen wurde. Nur einer der Anwesenden, der Prokurist es Hauses Sinowjew & Co., der sich am liebsten über das Geschäft in Leder- und Schilfthee unterhielt, war mit ironischen Worten in die feierliche Stimmung taktlos hineingefahren. Aber zum Aerger des Spötters hatte man Timitry Kalussoff für seine Ideen und seinen meisterlichen Vortrag bei schäumendem Champagner stürmische Huldigungen dargebracht.
Am folgenden Morgen war sie mit ihm in der Tret- fakowschen Bildergalerie zusammengetroffen. Vor dem Gemälde „Ungleiche Ehe" von Pukirew hatte Timitry mit leiser, vibrierender Stimme geredet: „Ich denke mir nichts Schöneres in der Welt, Fräulein Tatiana, als wenn zwei gleich gestimmte Menschen eine Ehe eingehen," Sie war bei
diesen Worten zusammengeschauert und tief errötet, er aber hatte kühn ihre Hand ergriffen und innig gestanden: ,Jch bin überzeugt, daß eine solche harmonische Ehe entstehen würde, wenn Sie die Meine werden wollten." Tie Worte waren ihr im Munde erstorben, aber sie hatte mit einem Blick tiefster Liebe geantwortet. Er hatte sie verstanden und einen feurigen Kuß auf ihre Hand gedrückt. Tiefer Kuß war zum Siegel ihres neuen Bundes geworden: seit jenem Tage waren sie im Stillen verlobt.
„Im Stillen" — hartes, grausames Wort, das zur Verzweiflung bringen kann! Aber ihre Eltern durften nicht eher etwas erfahren, bis ihr Vorurteil gegen Timitry beseitigt war. Wenn der Vater bei Tisch zuweilen von dem Leichtsinn und der Verschwendung des jungen Kalussoff sprach und einen Rückgang der früher so angesehenen Firma prophezeite, wenn die Mutter ihn geradezu als Typus jener ungläubigen Modernen hinstellte, die den geheiligten Satzungen der Kirche Hohn sprechen und sogar während der strengen Fasten Fleisch essen, wenn ihre Schwester Wera lachend ihn einen Kleiderfex nannte, der in Moskau jeden Tag mit einer anderen Kravatte erschienen sei, dann krampfte sich ihr Herz zusammen, und sie gestand sich, daß eine Offenbarung ihrer Verlobung gleichbedeutend mit ihrer Verstoßung aus dem Elternhause sei.
Wie gern hätte sie dieses furchtbare Opfer gebracht, wenn Timitry nicht immer in seinen Briefen abgeraten hätte. „Tie Zeit besiegt alle Vorurteile", waren seine Worte. „Warten Sie nur eine Weile, Fräulein Tatiana, der Moment wird kommen, da ich vor Ihren Papa hintreten und Sie fordern werde. Zunächst habe ich noch die Ergebnisse bedeutender geschäftlicher Unternehmungen abzuwarten, und sind sie eingetroffen, dann wird Ihr Papa erkennen, wie ungerechtfertigt sein Vorurteil gegen mich ist."
Ja, sie wollte ihm vertrauen, ihn nicht quälen, sondern warten, wie schrecklich auch die Rolle war, die sie vorläufig spielen mußte. Anderen Mädchen war es doch auch so ergangen wie ihr. Sie dachte an gewisse Romauheldinnen Tolstois und Zolas, die charakterstark ihren Schmerz und ihr Unglück getragen, bis sie endlich zum Lohn für ihrs Beharrlichkeit von der Sonne des Glückes bestrahlt wurden. Welche Bewunderung ernteten diese Heldinnen! Wie angenehm mußte das Gefühl sein, Gegenstand der Bewunderung zu sein!
Und doch wäre es besser, der Komödie, die sie zu Hause spielte, ein Ende zu bereiten. Ter Verdacht gegen sie, das konnte sie sich nicht verhehlen, war rege geivorden. Tas eigentümliche Benehmen des Vaters ging ihr durch den Smn. „Ter arme Papa", flüsterte sie, „er leidet, und ich — lüge."
Em plötzlicher Ruck entriß sie der Welt der Gedanken; sie schaute auf — der Schlitten hielt an der von ihr bezeichn neten Stelle.
Während des Aussteigens suchte sie mit ihren Blicken die Finsternis- aus der nur wenige Laternen gespenstisch


