Ausgabe 
5.11.1902
 
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sich ost Angelegenheiten der Diplomatie, entwickeln sich Lösungen der schwierigsten Probleme. Ter Tabak des Dich­ters und Künstlers hingegen trägt einen phantastischen Charakter. Er giebt dem Dichter und Künstler die Inspira­tion, er zaubert ihm die Bilder vor, die er dann darstellt. Namentlich unter den Schriftstellern und Dichtern ist das Rauchen zum unabweisbaren Bedürfnis geworden. Lenau war ein starker Raucher, es kam vor, daß er an Tagen, an denen er besonders viel arbeitete, 25 bis 30 Zigarren verbrauchte. Der Philosoph Friedrich Nietzsche, dessen Lehren ein Jahrhundert charakterisieren, legte die Zigarre kaum während der Mahlzeiten aus der Hand. Tie Be­deutung, welche die Zigarre im Leben des Hofpoeten Alfred Tennyson hatte, bezeichnet folgende kleine Anekdote: Ter englische Poet war von einer Reise durch Italien zurück­gekehrt, als er von seinen Freunden begrüßt wurde:

Wie haben Sie Ihre Zeit verbracht?" fragte ihn ein Lord.Müßig", war die Antwort-Aber <Äe haben doch alle Kunstschätze gesehen, waren Sie nicht

glücklich, in den Museen sein zu können Tag für Tag?"

Nicht besonders", entgegnete Tennyson.Und wa­rum nicht? Was störte Sie dort?"Man darf ja in

den Museen nicht rauchen", erwiderte der Dichter unzu­

frieden.

Rudyard Kipling nimmt erst dann die Feder zur Hand, ivenn aus seiner Pfeife, die er stets selbst stopft, die ersten Wolken aufsteigen. Dann kommt ihm die Inspiration, dann mehren sich seine Gedanken und Ideen.

Zu Beginn seiner litterarischen Laufbahn war Kipling gleich vielen anderen Litteraturgrößen Reporter an einer Zeitung. Von dem Verleger dieses Blattes wurde er als Berichterstatter auf eine Reise geschickt. Auf dieser Fahrt kam er auch zu Mark Twain, in dessen Arbeits­zimmer er einige Minuten allein warten mußte. Tas erste, was er in dem Zimmer entdeckte, waren die Pfeifen- köpfe und der Tabak. Nie in seinem Leben, behauptet der Tfchuugeldichter, habe er so den Hang zum Stehlen an sich bemerkt, wie in jenen Augenblicken.

Zum Glück wurde seine Sehnsucht bald gestillt, denn Mark Twain erschien, die Pfeife im Munde, und er, der leidenschaftliche Raucher, verstand die Sehnsucht des an­deren, die sich in dem Augenblicke nur auf den Tabak erstreckte.

Daß dies vielgepriesene Kraut nicht allein Monopol der Herren der Schöpfung ist, braucht nicht erst besonders betont zu werden.

Unter den Schriftstellerinnen und Künstlerinnen finden wir mindestens so enragierte Raucherinnen wie unter deren männlichen Kollegen. Auch sie holen sich Anregung und Lebendigkeit der Phantasie aus den Rauchgebilden. George Sand konnte das Rauchen nicht eine Stunde am Tage entbehren. Die schwersten und besten Havanna-Zigarren waren gut genug für sre. Liszt machte ihre Bekanntschaft, als sie eine mächtige Zigarre zwischen den Lippen hatte. Und Liszt, der bis zu zwanzig Zigarren am Tage rauchte, konnte lange Zeit den Eindruck nicht loswerden, den die schöne Frau mit der Zigarre zwischen den Rosenlippen machte.

, Rosa Bonheur bevorzugte die kurze Pfeife. Die Künst­lerinnen von heute sind fast durchweg Verehrerinnen der Zigarette.

Auch in der guten Gesellschaft ist es bereits Sitte geworden, daß nach Tisch den Damen der Tabak ebenso offeriert wird, wie den Herren. Und doch giebt es in Berlin noch Lokale, in denen eine rauchende Dame alsnicht voll" angesehen wird, wo das Rauchen bei Damen als etwas Anstößiges, Verletzendes gilt.

In Schweden und Dänemark rauchen Damen mit der gleichen Selbstverständlichkeit im Lokal und zu Hause, von Rußland gar nicht zu reden. Tie schönsten und vor­nehmsten Spanierinnen gehen mit brennender Zigarre spa­zieren, Einkäufe, Besorgungen machen usw. Und in der Weltstadt Berlin passierte es neulich, daß eine unserer be­rühmtesten Schriftstellerinnen in einem Cafs aufmerksam gemacht wurde, daß das Sittlichkeitsgefühl der anderen gröblich verletzt werde, wenn sie fortfahren würde, zu rauchen. ,

0 tempora, o mores. B. G.

Vermischtes.

Ein Abenteuer in der Kuppel von St. Peter. Vor einem halben Jahrhundert erzählten dieFliegenden Blätter von einem englischen Lord, der auf seinen Reisen allerhand ungewöhnliche Streiche auszuführen pflegte und seine Besteigung der Kuppel von St. Peter in Rom mit einem, reichlichen Frühstück feierte, das er m der kupfernen Kugel, dem höchsten erreichbaren Punkt, einnahm. Zu seinem größten Leidwesen habe er aber durch diesen Lunch so an Umfang zugenommen, daß er den Rückweg durch die enge Röhre, die zu der Kugel führt, nicht mehr antreten konnte und abwarten mußte, bis er sich etwas schlanker gehungert hatte. Se non e vero e ben tvovato, konnten die Römer von dieser Geschichte sagen, denn das ist wenigstens eine unerschütterliche Thatsache, daß sehr dicken Leuten der Zugang zu der Kugel einfach unmöglich ist. Am 14. Okt. hat nun ein fremder Romfahrer in der berühmten kupfernen Kugel ein Abenteuer erlebt, das weniger lustig als das jenes Lords, aber dafür desto wahrer ist. Während er, zusammengedrängt mit drei ihm unbekannten jungen Seilten, durch die Gucklöcher der Kugel die Aussicht be­trachtete, spielten die Burschen in liebenswürdigster Weise den Cicerone, sodaß er ihnen beim Wstieg angelegentlichst seinen Tank ausfprach. Wieder auf festem Boden angekom­men, machte er aber die betrübende Entdeckung, daß die gefälligen Italiener ihn auf dem luftigen Sitz, 130 Meter über dem Erdboden, um eine Brieftasche mit 1100 Lire erleichtert hatten. Demnach dürfte es auch in der Peters- kirche angebracht sein, wie z. B. im Kölner Dom, Tafeln anzubringen mit der Aufschrift:Vor Taschendieben wird gewarnt."

Unter dem TitelDas Rezept" erzählt derMil­waukee-Herold" die folgende hübsche Geschichte:Ter Bank­beamte war sterblich in einen Doktor verliebt. Der Doktor war weiblichen Geschlechts, hieß Lisbeth Meier, war bild­hübsch und wohnte Werner gerade gegenüber. Ta Werner äußerst schüchtern war, so hatte es Lisbeth nur ihrem Be­rufe zu verdanken, daß aus dem Fräulein Dr. Meier eine Frau Dr. Werner wurde, wie es de facto geschah. Und das kam folgendermaßen. Werner, der zeitlebens ein kern­gesunder Mensch war, spürte, nicht lange nachdem er das Fräulein Doktor kennen gelernt hatte, eine heftige innere Unruhe und intensives Herzklopfen. Ta sein Zustand nicht besser werden wollte, machte er, kurz entschlossen, dem Fräulein Tr. Meier einen Patientenbesuch. Dr. Lisbeth, untersuchte Werner, konnte aber keine beunruhigenden Symptome entdecken. Sie empfahl ihm Ruhe und ver­schrieb ihm einige unschädliche Mittelchen. Werner besuchte nun Fräulein Lisbeth täglich, und fast täglüch schrieb sie ihm ein neues Rezept, das er getreulich befolgte. Es vergingen einige Wochen. Werner's Zustand wollte nicht besser werden. Dia sagte ihm eines Tages Fräulein Lisbeth hold errötend, sie verschreibe ihm heute das letzte Rezept; wenn dies ihm auch nicht Hilfe bringe, dann stünde ihre Kunst machtlos da und sie drückte ihm das Rezept in die Hand. Als sich Werner auf der Straße das Rezept näher betrachtete, da las er groß und deutlich:Sprechen Sie mit meiner Mama! Tr. Lisbeth Meier." Werner, der das Rezept befolgte, ist wieder kerngesund geworden' und ein glücklicher Ehemann obendrein." -

Anagramm.

Nachdruck verboten.

Es sind 7 Wörter zu suchen von der unter a angegebenen Bedeu­tung. Von jedem Wort ist durch Umstellung der Buchstaben ein anderes Hauptwort zu bilden von der Bedeutung unter b. Sind die richtigen Wörter gefunden, so bezeichnen die Anfangsbuchstaben der Wörter unter b im Zusammenhang gelesen eine Kunst.

a. b.

1. Land in Asien Nutzpflanze

2. Befestignngsmittel Fanggerät

3. Vorname Klebstoff

4. Gabe des Winters Bäume

5. Reihe Märchen gestalt

6. Gedankenausdruck Planet

7. Bindemittel Flüßchen im Harz.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Jnfanteriekaserne. ;

Redaktion: Cnrt PlatH. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen.