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Tie Thür en öffneten iftd), und das, Gerichtskollegium trat wieder in den Saat. Ein allgemeines, langes „Ah der Befriedigung ließ sich vernehmen. Man hatte me^e Pause für viel zu lang erachtet. Man war nun begierig, die Lösung zu erfahren. Tie ihren Platz verlassen hatten, beeilten sich, wieder dahin zurückzukehren.
Ter Gerichtshof", meldete der Gerrchtsdrener nut wert- MtnSMÄS’"te M d-- «MM «*«• ihre früheren Plätze wieder ein, — die Geschworenen saßen bereis auf ihren Bänken. , . , .
Ter Angellagte trat wieder herern, rmmer von fernen ^"^Tani^ergriff der Staatsanwalt auf eine Aufforderung des Präsidenten das Wort. Derselbe war noch em lunger Mann von vollendeter Distinktion und von einnehmenden Gesichtszügen. Er drückte sich leicht faßlich aus, manchmal mit Eleganz, ohne große Leidenschaft, ohne Heftigkeit, ohne Effekthascherei: Er schien sich mehr auf dre Gewichtrgkert des Stoffes zu verlassen, r- versuchte mehr zum Verstand zu sprechen, — und verschmähte es, dre Herzen zu rühren.
Er griff mitten ins Thema, führte die verschiedenen Zeugenaussagen an, betrachtete sre von verWedenster erkannte ihre Wichtigkeit voll an und stellte fest, wre pe untereinander und gegenseitig übereinstimmten., SXmn entwickelte er den ganzen Gang des Verbrechens,.wreier esauffaßte, wie er es sah, wre er glaubte, daß es l«h zugetvageni f)tittec<err von Sempach, feiner bisherigen Braut überdrüssig, ist entschlossen, sie aufzugeben. Er hat ihr das schon oster | erkläÄ manchmal sogar vielleicht etwas derb. Frau von Sanden kann sich an den Gedanken nicht gewöhnen, fleht ihn an, zu ihr zurückzure^en und ?chr»btrhm en-en Brwf, den der Portier Peters besorgt. Treser Brref, oen o^r an aeklaate verschwinden zu lassen vorsichtig genug war, ent-
I rebenfalls nicht nur Bitten, sondern auch Drohungen, und rwar von jener schrecklichen Art, deren sich die erfer- sückitiae leidenschaftliche Frau in ihrer Halbraferei zu Ä Ä W«Wef erregt'ihn, macht, hn zornrg
I und erschreckt ihn auch. Frauen, dre «ich mit dem Revolver rächen, sind in unserer Zeit gerade keurei Selten- beit mehr — Er geht dann etwas in Berlin bummeln und ißt bei Kempinski zu Abend. . ^r. spech gut. Sem
I e,_hf prftiht — sein Zorn und seine Angst vermeyren I und steigern sich in gleichem Grade. Er verläßt das Restau- I rant voll Aufregung und Nervosität,. ohne daß e^ ihm I „pfKrtrip ibrer Herr zu werden. Plötzlich gegen zehn llhr gelange, ihrer H 8 * bisherigen Braut zu
zu antworten, ein Ende zu machen und ihre Drohungen mit gleichen Drohungen zu erwchern. Er ist im »S. KlÄß
herauszulassen. Dieser Zeuge macht ihm höflich Platz unv
I erkennen können, so wie er ihn auch heute unverzüglich werten Menschen als Luge verdächtigen konnte. Ter Aw I npffrrrttp aebet M Frau von Sanden, sie ist allein. MN furchtbarer Streit e?hebt sich Mischen den beiden; es war dies nicht der erste Streit. Minna hat schon mehrere nnt- I erlebt Dieser aber ist heftiger als alle vorhergegangenen.
Jene verlassene Frau beschimpft ihn, droht chm abMnals, 1 erhebt vielleicht sogar die Hand gegen ihn, — die Anklage
verlassen dürfen." r, r, , j
Nachdem sie miteinander gesprochen, lauschen sie aus die Gespräche rings um sich: „Was denkt man denn — was spricht man darüber? — Sind ihm diese Leute hier wohlgesinnt oder feindlich? Interessieren sie sich für ihn? I Möchten sie lieber, daß er freigesprochen, oder daß er ver- 1 urteilt wird?" I
Oft aber ist es gar nicht mehr die Person des Angeklagten, über die man sich unterhält. Man hat sich schon lange genug mit ihm beschäftigt, und dann wird man ihn noch mehrere Stunden sehen, hören und genießen müssen: das ist reichlich genug, das ist schon zu viel. Es ist daher gut, sich etwas zu zerstreuen, und die verschiedensten Gespräche berühren die verschiedensten Tinge. Die Mutter oder die Gattin nähert sich angstvoll einer Bank, in der Hoffnung, irgend ein Wort des Mitleidens oder der Sympathie für ihren Sohn oder Gatten zu erhaschen. Ta hören sie die gleichgiltige Phrase: „Gehen Sie morgen in die Premiere von Hauptmann?" Augen voll bitterer Thrä- nen stellen die Frage; Lächeln oder Lachen giebt ihnen grausame Antwort.
Bertha Rakenius hatte sich von ihrem Platze nicht erhoben. Sie kehrte diesem ganzen Publikum von Neugierigen und Gleichgiltigen den Rücken und ließ ihren Schleier herab, weil man sie von der gegenüberliegenden Tribüne beobachtete und fixierte. Ja, einige nehmen in die Gerichtsverhandlungen sogar ihren Operngucker mit, genau so wie im Theater.
Sie besprach sich mit ihrem Bruder, mit dem Verteidiger des Herrn von Sempach und mit noch zwei oder drei Rechtsanwälten, die an sie herangetreten waren. Letztere wußten genau, wie eng Bertha und Georg Rakenius mit dem Angeklagten verkettet waren, aber sie wußten nicht, welche Kraft, welche Innigkeit diese Bande beseelte. Tie Tiefe ihrer Liebe konnten sie nicht ermessen. Auch redeten sie frei, mit aller Offenheit, wie unter Amtskollegen.
„Heute sind die Geschworenen harte Patrone", sagte einer von ihnen zu dem Verteidiger. „Wir werden einen Ihrer größten Triumphe feiern, mein Lieber, wenn Sie den Sieg über jene davontragen. Ter böse Zufall hat ge- wollt, daß es heute nur Spießbürger, große und kleine Handwerker, sind. Solche Leute können eine Zurückhaltung, wi: die Ihres Klienten, ein solch delikates Stillschweigen in dem gewissen Punkte nicht fassen, — besonders nicht, wie er sonst hätte anders den Abend zubringen können. Tie Ansichten eines Edelmannes und Kavaliers taugen nicht für ihren Jdeengang. Sie können nicht begreifen, tote man sich, um die Ehre einer Frau zu retten, ins Zuchthaus schicken lassen kann. Wenn ihre Handwerkerfrauen oder
Fa ick> komme heute, Geschäftsfrauen in ihrer Jugend einmal einen Fehltritt ”^a' fch.Ec"! ;/;u„. I r,pafmzieTt gaben dann hatten die kern solches Opfer ver-
durchgeführt", bemerkte ein anderer. „Tie Zeugen er,cheinen alle glaubwürdig. Glücklicherweise giebt es für Sie nichts Unmögliches, mein lieber Herr Doktor. Sie haben schon schwierigere Prozesse gewonnen, als der hier ist.
Ja, aber bei einer anders zusammengesetzten Kommission. Ich habe feit Beginn der Verhandlungen genau dasselbe bemerkt und gefolgert wie Sie und habe absolut feine 85’0ffmittfi
Rechtsanwalt Grünbaum hatte diese Worte zu seinem Amtsbruder gesprochen, ohne aus Fräulein Rakentus zu achten, die aber diese Worte deutlich vernommen hatte. „Er wird verurteilt werden", sagte sie sich selbst.
Besuche. „Jnkeressiert Sie das?" „I . ,
» ersten Male hierher. Hören Sie mal, ist das eigen- I v-• x. i// (Xi _r. Vixl-vtAx* ni'wtirto« McpfnnttnllTTTfl. . VLll
kenne schon alle Sitzungspräsidenten. Sie heben mir schon , immer einen Platz auf. Ich habe schon Munzig Ver- | urteilungeii miterlebt. Aber alle waren viel aufregender als die heutige langweilige Sache." „Finden Sie? „Aber gar kein Vergleich, meine Liebste. Tiefe Geschichte heute ist von einer Langeweile, einer Kälte! In der ganzen Ber- handlung noch nicht ein Zwischenfall. Es ist einem wirllrch beinahe ums Geld leid. — Sagen Sie mir, haben Sie schon gefrühstückt?" „Nein, ich hatte Angst, zu spat zu kommen und keinen Platz zu erhalten, "harten Sie. ^ch habe in meiner Tasche Cakes mit und etwas Chowlade, wir wollen redlich teilen." „Wie, Sie getrauen sich hier zu essen?" „Warum denn nicht? Sehen Sie doch um sich! Geniert sich denn da einer? Wenn der Gerichtshof weg ist, ist alles gestattet." ■ ..
Allerdings ist der Gerichtshof nicht mehr da, aber die Freunde des Angellagten sind noch da, oft auch seine Frau, seine Mutter, seine Kinder, die sich scheu in eine Ecke des Saales zurückziehen, sich eins an das andere pressend, bleich, voll Angst und Auftegung. Dieser Aufschub der Verhandlung, der anderen zur Erholung, Ruhe und zum Vergnügen bient, bedeutet für sie ein qualvoll furchtbares Warten, eine Verlängerung der Agonie. Sie sehen sich gegenseitig an und fragen sich voll Angst: „Welcheii Eindruck hat diese Aussage auf die Geschworenen gemacht? Meint Ihr, daß sie ihm gut gesonnen sind? Hat der Verteidiger Hoffnung? Mein Gott, wie lange das dauert, und was er leiden muß! — Wo ist er denn? Dort oben tu einem kleinen Zimmer mit seinen Wächtern, ine ihn nicht


