Ausgabe 
5.11.1902
 
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Mittwoch den 5. November.

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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-

(Fortsetzung.)

Ein Zeuge nach dem andern wurde aufgerufen. Ihre Angaben vor dem Gerichtshof waren gleichbedeutend mit denen, die der Untersuchungsrichter bereits erhoben und zu Protokoll gegeben hatte. Keßler, der Mieter in der fünften Etage des Hauses in der Augsburger Straße, be­hauptete, nachdem er Herrn von Sempach aufmerksam be­trachtet hatte, vielleicht noch entschiedener, als er es bisher gethan, daß der Angeklagte zum Verkennen jener Person ähnlich sehe, die er um zehn Uhr abends vor dem Haupt- thor getroffen, und die sich damals in das Haus hinein­gedrängt hätte.

Tie Freunde des Herrn von Sempach behaupteten, daß er sich täuschen müsse. Mer auch keinem einzigen kam auch nur der Gedanke, den guten Glauben dieses so überzeugt redenden Zeugen von würdigem Aussehen, über den sich im Protokoll die vorzüglichsten Leumundsnoten befanden, nur im geringsten zu verdächtigen.

Nur das Kammermädchen Minna zeigte sich in der öffentlichen Verhandlung etwas zurückhaltender und we­niger sicher in ihren Auslassungen, als sie in den früheren Verhören ausgesagt hatte. Ohne sich zu widersprechen oder zu widerrufen, milderte und beschnitt sie sozusagen ihre Antworten. Sie schien zu bedauern, etwa zu weit gegangen zu sein, dem Angeklagten vielleicht geschadet zu haben. Als der Verteidiger den Präsidenten ersuchte, der Zeugin zu bemerken, daß der bei dem Leichnam vorgefundene Hemd- kuopf von Herrn von Sempach bereits einige Tage vorher verloren worden war, und daß sie hätte davon Kenntnis haben müssen, antwortete sie, anstatt wie das erste Mal zu leugnen, daß man sie von dem Verlust in Kenntnis gesetzt und beauftragt hatte, diesen Knopf zu suchen:Es ist möglich. Ich kann mich nicht daran erinnern. Tas ist auch nicht zu verwundern. Tie große Erschütterung, die ich überstanden habe, und eine Krankheit, von der ich erst kürz­lich genesen bin, haben mein Gedächtnis geschwächt."

Tiefer neue Standpunkt Julie Farkas', den dieselbe jedenfalls im Einverständnis mit Paul Querzewski ver­trat, war überaus geschickt und schlau von ihr. Sie ent­waffnete dadurch in mancher Hinsicht den Angeklagten, sowie den Verteidiger, die, beide bereit waren, sie anzugreifen, falls sie zu feindselig, zu auffallend und zu erregt aus­gefallen wäre. Jetzt aber erkannten sie sofort, daß sie sich selbst, nur schaden könnten, wenn sie sich als Gegner dieser Zeugrn entpuppten, die gegen dieselben voll Rücksicht vor­ging und.» die sich durch ihre Zurückhaltung, durch ihr leidendes Aussehen, ihre matte Stimme und auch durch den Reiz ihres Gesichtchens die Sympathie des Auditoriums .erworben hatte.

Unsere letzte Hoffnung entschwindet", murmelteBerthch als sie sah, daß der Rechtsanwalt des Herrn von Sempach auf die Aussagen Minnas nichts zu bemerken oder zu er­widern hatte.

Auf diese ersten Zeugen kamen dann Freunde und Kameraden des Herrn von Sempach Sie bekräftigten seine vollkommene Ehrenhaftigkeit, seine Rechtschaffenheit und den! Edelmut seines Charakters. Georg Rakenius wollte un­bedingt als erster Zeuge auf gerufen werden, kam aber als, letzter dran. Trotz der heftigen Bewegung, die ihn manchj- mal zwang, seine Rede zu unterbrechen, erzählte er in aller. Ausführlichkeit, was der Angeklagte alles für ihn gethan, wie ihn Franz von Sempach! dem Elend entrissen, ihn vor Verzweiflung gerettet hatte, und daß er es wäre, deut er, Rakenius- alles zu verdanken habe. Tann mit erhobenem! Haupte und mit erhobener Hand wies er auf das ent­schiedenste die Anschuldigung zurück, die man gegen seinen Freund, gegen seinen Bruder geschleudert hatte. <Ä er* zielte,.einen gewaltigen Eindruck aus die Zuhörerschaft. Unk ein Haar, und man hätte ihm heftig applaudiert. Tie große Masse läßt sich leicht durch körperliche Schönheit beein­flussen, und Georg, dessen Antlitz in diesem Augenblick von Ueberzeugung und Tankbarkeit leuchtete, war noch nie so schön gewesen.

Tvch was nützte das afles, daß man ihm solche Freund­schaftsbeweise bewies, daß man derart Sempachs Ehren­haftigkeit bekräftigte? Mau beschuldigte ihn ja keines schmachvollen, gemeinen oder niedrigen Verbrechens, wo­gegen sein ganzer Lebenswandel hätte den Gegenbeweis bringen können. Man hatte ihn der Justiz wegen eines Gewaltaktes ausgeliefert, den die Gesetze ein Verbrechen nannten und den zu bestrafen sie gezwungen waren.

57. Kapitel.

Tiefe Unterbrechung der Verhandlung gliche einem Zwischenakt. Kaum war der Vorhang gefallen, das heißt, kaum hatte sich der Gerichtshof entfernt, um eine kleine Unterbrechung Eintreten zu lassen, und sich in das Be- ratungszimmer zurückgezogen, als das Publikum, Rechts­anwälte, Zeugen, Neugierige beiderlei Geschlechts, Zuschauer, der Logen im ersten Rang und der Plätze in der Saalmitte, gleichsam die Zuschauer des Parterres, groß und klein, Männer und Frauen, zu streiten und zu kritisieren begann.

Man rächte sich für eine derartig lange Zurückhaltung, für ein so in die Länge gezogenes Schjweigen, für eine zu große Aufmerksamkeit. Tie Nerven waren abgespannt, man streckte die Beine von sich, die verschiedenen Mäuler, die lange genug geschlossen geblieben waren, öffneten sich zu einem Gähnen. Ta grüßte der eine plötzlich! einen an­deren mit einer graziösen Handbewegung:,,Sieh da, sieh da. Sie sind auch hier? Ich hatte Sie noch gar nicht gesehen« Na nu, wie g'eht's denn immer?". Andere, die schon mehr Mut zeigten, verließen ihre Logenplätze, will sagen ihre Tribünenbank, und machten in den Nachbarbäukev ihre