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Der blaue Brief.

Novellette von I. von Keyserlingk.

(Nachdruck verboten.)

Seit Tagen, nein seit Monaten hatte er ihn befürchtet, und nun war er da. Ganz harmlos war er angekommen. Es hatte nur der Empfangsbestätigung bedurft, und dann hielt ihn der Offizier als sein unanfechtbares Eigentum in Händen. So ganz wohl war ihm dabei nicht zu Mute. Er sah sich hilflos in seinem einfachen Schlafzimmer, wo er sich noch in den Anfängen seiner Toilette befand, um, ehe er den blauen Brief erbrach. Er wußte ja, wie er lauten würdeDem Oberst rc. Franz Borries der Abschied mit Pension rc. bewilligt."

Ach! Bewilligt. Er hatte ihn ja gar nicht haben wollen, nicht nach dem ersten kurzen Jahr seiner Regiments- führung. Die Vorgesetzten waren eifriger gewesen. Er galt Ihnen als unpraktisch, als zu nachsichtig, und seit der letzten mißglückten Regimentsvorstellung

Papa", rief draußen die kleine Hertha,bist Du noch nicht fertig? Wir warten schon alle mit dem Frühstück."

Er seufzte, beendete schnell seinen Anzug, bürstete die kurzgeschorenen dunklen Haare einmal über und ging dann in das Eßzimmer.

Guten Morgen", tönte es ihm aus drei jugendlichen Kehlen entgegen, und die Kinderfrau, die neben der kleinsten Vierjährigen saß, stand auf. Hertha war schon beschäftigt, ihre Schulbücher zusammenzusuchen, wobei ihr die um zwei Jahre jüngere Hilda half, während die Kleine behaglich ihre Milch schlürfte.

Tante Ernestine.kommt heute", sprach Hilda wichtig.

So", sagte , der Vater gleichgiltig, weil er fühlte, wie ihn die Kinderfrau beobachtete.

Ja, sie hat es versprochen", ergänzte Hertha.Sie wollte mein neues Lesebuch sehen. Ach. Papa, Du glaubst nicht, wie schön es in der neuen Klasse ist, und wie viele Freundinnen ich schon habe."

Ein wehmütiges Lächeln konnte der Vater nicht unter­drücken.

Vielleicht wirst Du bald Abschied nehmen müssen, Hertha", meinte er.

Die Kinderfrau horchte auf.

Denken der Herr Oberst bald versetzt zu werden?" fragte sie vorsichtig. Das bedeutete auch für sie eine Lebens­frage in ihrem großen Bekanntenkreise.

Vielleicht."

Du wirft Dir nicht wieder die Zunge verbrennen", dachte die Wärterin ungehalten, und erhob sich etwas gewaltsam.

Ich denke die Kleine heute morgen mit an die Lust zu nehmen."

Thun Sie das nur", erwiderte der Oberst freundlich, der ihr Gekränktsein durchfühlte. Das that ihm leid. Sie hatte so treu für seine Knder seit dem Tode der Mutter gesorgt.

Mir kommen aber gewiß in eine noch viel schönere Stadt", sagte Hertha hoffnungsvoll, und bepackte sich mit ihrem Ranzen.Adieu Papa. Glaubst Du nicht auch?"

Er nickte und lächelte. Dabei knitterte der Brief in seiner Tasche.

Soll ich Fräulein Ernestine bitten, zum Mittagessen zu bleiben?" fragte die Wärterin.

Ja nein besser nicht. Es paßt wohl heute nicht", entschied er in dem bedrückten Gefühl seiner Lage und verließ das Zimmer.

Er hörte, wie seine kleinen Mädchen singend die Treppe hinuntersprangen. Im Korridor hingen sein Paletot, seine Mütze, sein Säbel. Er legte alles an und verließ seine Wohnung.

Gott sei Dank, auf der Straße fah's ihm doch niemand an. Keiner wußte um den Bries, den er heute morgen erhalten. Den Straßenkehren: war er ein glcichgiltiger Mensch, und ebenso den Milchfuhrwerken, die an ihm in der frühen Morgenstunde vorbeirasselten. Er schritt an dem Kanal entlang, über die kleine Brücke nach der jenseitigen Straße. Ein paar Postbeamte begegneten ihm und grüßten ihn. Er dankte. Ach ja, er trug ja noch die Uniform, die ihm nicht mehr gehörte. Da wurde er noch erkannt und mußte grüßen. Später würde das alles anders werden.

Eine schlanke, adrett gekleidete Dame ging an ihm vor-- über und schaute ihn lächelnd an.

Ach, guten Morgen, Fräulein Ernestine."

Guten Morgen, Herr Oberst! Schon so früh zum Dienst?"

Gewiß", stotterte er beinahe,wie ich höre, wollen Sie heute zu den Kindern kommen. Hertha spricht schon nichts anderes. Da sehen wir uns ja wohl noch."

Auf Wiedersehen."

Sie ging weiter. Er drehte sich halb um und warf noch einen Blick auf ihre entschwindende Gestalt. Dabei fühlte er, wie ihm wieder eine neue, bittere Seite des blauen Briefes klar wurde.

Ernestine war eine intime Freundin seiner verstorbenen Frau gewesen. Nicht mehr ganz jung, lebte sie mit einer alten Tante, die vor kurzem gestorben war und sie nicht unbe­trächtlich bedacht hatte. Das war dem Oberst ein Hindernis geworden in der Ausführung eines Entschlusses. Schon manchmal hatte er daran gedacht, Ernestine zu heiraten. Die Kinder liebten sie, sie schien alle Eigenschaften zu be­sitzen, die ihn bei einer zweiten Heirat glücklich machen könnten. So war alles in Ordnung. Nun sie aber eine Erbin geworden, hatte er gezögert und sich damit getröstet, wertere Karriere zu machen und dann um sie anzuhalten. Das war nun für immer vorbei. Denn wie konnte er es wagen, an seine zerbrochene Existenz eine lebensfrische zu knüpfen.

Am liebsten hätte er geweint. Er fühlte sich so unglück­lich und jeglichen Halts beraubt. Was sollte ihm denn nun noch das Leben. Einen anderen Beruf konnte er nicht mehr ergreifen. Da hieß es denn ohne Vermögen mit der schmalen Pension haushalten und darben. ®te. Mädchen würden heranwachsen, tüchtig lernen müssen.

Ja, wenn die Kinder nicyt wären", dachte er, und es focht ihn so etwas wie Selbstmordgedanken an.

Aber das war feige und sündhaft. Ein Glück, daß er höhere Pflichten hatte. Uebrigens war es besser, jetzt nach Hause zu gehen. Ernestine war da, und er wollte ihr lieber alles erzählen. Vielleicht erriete sie dann auch, warum

Tie kleinen Mädchen waren heut früher aus der Schule nach Haufe gekommen, und in der Kinderstube herrschte Lachen und Jubel, als der Vater die Thür öffnete. Man merkte ihn nicht gleich. Fräulein Ernestine kniete am Boden, und das kleine Gretchen machte eben Miene, sich ihr auf den Rücken zu schwingen. Dabei hatte sich der Haarknoten des Mädchens bedenklich verschoben, und sie sah ganz zerzaust aus.

Aber ihr Lachen klang so frisch und heiter mit der Harmlosigkeit einer Sechszehnjährigen.

Sie sollten dem Unband nicht erlauben, so mit Ihnen umzugehen, Fräulein Tinchen", warnte die Wär­terin, die beschäftigt ^lvar, Hilda einen frischen Zopf zu flechten.

Lassen Sie nur. Sie wissen ja selbst, wie gern ich das habe", rief das Mädchen.

In diesem Augenblick trat der Oberst vollends ein. Ernestine schnellte ordentlich vom Boden auf, und Gretchen wäre beinah hingefallen. Die Kinderfrau hustete etwas verlegen, und Hertha rief:

Papa, Du erlaubst doch-, daß Tante Tinchen zum Essen bleibt?"

Gewiß, das wäre uns eine große Freude."

Nein, danke schön",wehrte Ernestine ab, und griff schnell nach ihrer schwarzen Jacke,ich habe noch viel zu besorgen."

Ach, bleiben Sie doch", sagte der Oberst in einem Ton, der wie eine unweigerliche Bitte klang.

Die Wärterin ging mit ihrem undurchdringlichsten Gesicht zur Thür hinaus und nahm die Kleine mit sich. Tie beiden anderen ergriffen Tante Tinchens Hut, Hilda entriß ihr die Jacke, und kichernd stürmten sie damit zum Zimmer hinaus. , , ,

Sehen Sie, nun müssen Sie bleiben", meinte der Oberst und lächelte. Er that das indem er ihre zer­zausten Haare anschaute. Sie strich sie mit beiden Händen zurück, und sagte etwas beklommen:

Ja, nun muh ich -wohl bleiben."

Tie Kinder kamen wieder herein.

Papa, es ist so schön draußen. Geh doch mit uns spazieren nach dem Stadtpark. Tante Türchen geht ge-

Ersatz sie an, und die Idee behagte ihm. Sein