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beinahe unheimlich zu sehen, wieviel er von den guten Gaben Gottes zu sich nahm.

Der Vater nie recht viel, die Mutter noch weniger, kein Wort wurde während der Mahlzeit ge­wechselt.

Jeden Mittwoch und Samstag ging der Vater in den Klub, an den anderen Abenden war er zu Hause, las in den großen Büchern und schrieb. Zuweilen konnte er wohl mit ihr über die Puppen scherzen oder sie erschrecken, indem er sie plötzlich in die Seite kniff. Dann wurde ihr ganz heiß um die Ohren vor Freude.

Gewöhnlich aber hatte er irgend etwas an ihrem Benehmen auszusetzen, und dann pflegte sich die große Falte zu zeigen. Dies und das dürfte die kleine Lene nicht sagen, dies und das müßte die kleine Lene niemals thun. Wenn sie löge, würde sie ganz schwarz im Magen, wenn sie zu viel Süßigkeiten äße, bekäme sie Würmer, die sich so schrecklich vermehrten, daß sie ihr schließlich aus Nase und Mund herauskröchen. Früh und spät wurde ihr vorgehalten, sie müsse Vater und Mutter gehorsam fein, ihr Zeug ordentlich halten, gerade gehen, die Füße aus­wärts setzen, hübsch die Hand geben undgesegnete Mahl­zeit' sagen, wenn sie gegessen hatte, höflich gegen Fremde sein, denr Pfarrer einen Knix machen, ehrlich gegen alle Menschen sein usw.

Eines Tages, als sie einen Groschen zu viel vom Bäcker herausbekommen hatte, schickte sie der Vater gleich wieder hinüber, obwohl sie am Wend doch noch einmal dahin mußte. Von dem Dienstmädchen und den welt­erfahrenen Spielgefährten wurde sie in die strengen Ge­setze eingeweiht, welche die menschliche Gesellschaft zu­sammenhalten. Die Köpfe schüttelnd und mit feierlichen Mienen standen sie da und erzählten ihr, daß, wenn jemand es wagte, einen fremden Brief zu öffnen, ihm die Hand abgeschlagen würde, und wenn jemals ein Haar zwischen die Speisen des Königs käme, so könnte der Koch nur gleich sein Haupt auf den Block legen, und was dergleichen mehr war. Alle guten und pflichttreuen Menschen aber das wußte sie sehr Wohl die erhielten ihren Lohn von Gott und von dem König und gingen zur ewigen Seligkeit in bas himmlische Reich ein.

In frühem Alter wurde sie in Mamsell Karlsens Schule geschickt, die sie bis zu ihrem zehnten Jahre be­suchte. Sie konnte noch die ganze Schar sehen, die mit geraden Rücken und gefalteten Händen den großen Tisch umstand und dem Morgengebet lauschte ein lieblicher Kreis kleiner stiller Mädchen mit glattgekämmten Köpfen. Mamsell Karlsen war gut und freundlich, sie hatten sie glle lieb, aber sie konnte schrecklich strenge sein, und sie hatte die schlimme Angewohnheit, sie zu züchtigen, wenn sie ihren Katechismus nicht gut genug wußten.Das hast Du Dir Nicht genügend angeeignet, mein liebes Kind", sagte sie, indem sie ihren dünnen Zeigefinger fest mit den Stirnhaaren umwickelte und ihre Opfer schüttelte. Das that ftrrchtbar weh, denn sie zog immer nach oben. Später übernahm der Hilfsprediger, Herr Tomsen, den Religionsunterricht. Gr war ein ungewöhnlich großer, hagerer Mann mit scharf- geschliffenen Brillengläsern, sehr ernst und erschrecklich gottesfürchtig; er verlangte, daß sie nickt allein die fünf Hauptstücke lernen sollten, sondern auch die Haustafel und alles, was hinten im Katechismus stand.Ich kann euch dies nicht zur Genüge einschärfen, meine lieben Kinder", sagte er Bet allem. Wenn er mit ihnen über das vierte Gebot sprach, hatte er ihnen stets so viel Schönes und Gutes einzuschärfen. Sie erinnerte sich noch, wie heilig und teuer Iie sich selber gelobt hatte, ihre Eltern in Ehren zu halten, hnen zu dienen, zu gehorchen, sie lieb und wert zu halten nicht allein, wetl sie gern lange auf Erden leben wollte, Iandern auch, weil es so recht war, und weil Gott es so erlangte. Dienen, gehorchen und achten, das konnte sie auch wohl, und die Mutter lieben, das konnte sie allen­falls, aber den Vater lieb haben so die Arme um seinen Hals geschlungen das war freilich schwerer; aber trotz­dem that sie es hin und wider einmal, z. B. am Weihnachts­abend, und sie fühlte sehr Wohl, daß es recht von ihr war; denn dann war er immer besonders freundlich gegen sie. Herr Tomsen schärfte ihnen auch ein, daß sie der Obrigkeit unterthan sein sollten, sowohl der geistlichen als der weltlichen, und daß sie ein ruhiges, stilles Leben führen sollten in Gottesfurcht und Ehrbarkeit. Er legte ein großes

Gewicht darauf, daß jegliche Obrigkeit, sowohl die geist­liche als auch die weltliche, von Gott eingesetzt wäre, eine Ermahnung, die oft eine Reihe tiefer Gedanken in ihr erweckte; sie grübelte darüber nach, wie Gott doch nur einen Mann wie Mommesen zum Polizisten habe machen können, einen Mann mit einer so schrecklichen Karfunkel­nase, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Madam Svendsens Keller faß und pichelte; aber viel-, leicht war Mommesen ein sehr ordentlicher Mann gewesen, als der liebe Gott ihn einsetzte, dann war es ja freilich nicht Gottes Schuld. Wenn der junge Pfarrer über das Verhältnis der Eheleute zu einander sprach, betonte er stets sehr, daß der Mann das Haupt der Frau sei, das solle die Frau niemals außer acyt lassen.

Jetzt verstand es Helene, weshalb die Mutter daheim es stets so ängstlich vermied, dem Vater zuwider zu handeln; es stand ja in der Haustafel, daß sie unterthan sein sollet Die Weiber seien ihren Männern unterthan als dem Herrn, wie auch Sara Abraham gehorsam war und ihn Herr nannte, deren Töchter ihr geworden seid, falls ihr; das Gute thut und euch nicht schrecken lasset."

Jni Hause wurde nicht viel von Gott gesprochen, aber die Eltern gingen häufig in die Kirche. Sie begriff es schon früh, daß die Menschen am Sonntage am Tag des Herrn gottesfürchtig sein sollen und Gottes Wort gerne hören und lernen.

Jeden Wend, wenn sie ihre Sachen ordentlich ver-, wahrt und Vater und Mutter zur Gutenacht gekiißt hatte, kniete sie nach der Vorschrift der Haustafel an ihrem Bett und betete ein Vaterunser undDas kleine Gebet":Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesum Christum, deinen lieben Sohn, daß du mich an diesem Tage gnädig­lich bewahret hast. Denn ich befehle mich, meinen Körper und meine Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, so daß der böse Feind keine Macht über mich bekommt. Amen! Und darauf sofort und fröhlich ein­zuschlafen." Diese letzte Ermahnung bildete gleichsam einen Schwanz zu- dem Amen.

Nock lange, nachdem sie erwachsen war, konnte sie der alten Gewohnheit gemäß diese Worte der Haustafel dem Abendgebet anschließen, indem sie sich auf ihrem Lager reckte und die Augen schloß.

So lange ihre Erinnerung reichte, hatte ihr Vater in stetem Krieg mit den Bauernfreunden gelegen, die er als dumme, herrschsüchtige, unfeine Menschen bezeichnete. Namen wie Tscherning, Balthasar Christensen und viele andere wur­den wie mit Brandmalen des Unwillens in ihr kleines Herz eingeprägt. Wenn sie einen dickhalsigen Torfbauern nach ihren Fenstern herüberschielen sah, konnte es sw durch­schauern:Huh, das ist gewiß ein Bauernfreund!" Was oie Bauernfreunde irrt Schilde führten, war thr nebelhaft; das aber wußte sie, ihr Vater wollte das Rechte, und die Menschen, die nicht seine Wege wandelten, waren bös« Menschen.

Sie hatte einen so felsenfesten Glauben an die Tüchtig­keit und Rechtschaffenheit ihres Vaters. Er war für st« fast der liebe Gott; er wußte alles, konnte betnahe alles, that aber nur das, was recht war. Niemals nahm sie das frisch gedruckte Blatt seiner Zeitung in die Hand, ohne mit dem Duft der frischen Schwärze neue Ehrfurcht vor seiner Tüchtigkeit und neue Bestärkung für ihre Ueberzeugung einzusaugen, daß alles, was er in das Blatt setzte, gut und richtig sei, ebenso wie das, was Gott mit seinem Finger auf die steinernen Tafeln geschrieben hatte.

Von ihrem zehnten bis zum zwölften Jahre hielt sie sich bei einem Bruder ihrer Mutter auf, der Lehrer m einem benachbarten Städtchen war. Auck dort war viel die Rede von den Bauernfreunden. Aus urn Unterhaltungen, die sie dort hörte, erhielt sie den Eindruck, daßws dort eoenso wie in der Heimat eine Menge wilder Menschen g-b^ die umhergingen und aufrührerische Pläne im Schilde führten; die es darauf anlegten, Gott und der Obrigkeit die Reaieruna des Landes zu erschweren. Sie zürnte diesen Menschen, aber sie ließ der Welt ruhig ihren Lauf d en n ste wußte/ daß alles nach der Richtung hm gehen müsse, wo stch Gott, ihr Vater und die Obrigkeit befanden.

(Fortsetzung folgt.)