Nr. 51.
Samstag den 5. April.
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Fühle, greife, halte sie!
8. Jacobowski.
eg' Dein Trauern fest in Zügel, Schau empor in's frohe Licht; Denn des Frühlings gold'ncr Flügel Streift gefenkte Scheitel nicht!
Sanftes Glüh'n aus junger Sonne, Warmes Duften in der Früh, . , . Wo Du schaust, ist Segen, Wonne!
(Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen
von Mathilde Mann.
Im Dienste der Idee hatte der alte Redakteur Räbe seine Runzeln bekommen.
Eine lange, einförmige Arbeit mit Feder und Schere, ein ewiger Kampf mit einer Maschine, die alle Augenblicke stockte, Unannehmlichkeiten mit Setzern, nachlässigen Korrekturlesern und dann noch neben alledem diese lästigen Ratschläge wohlmeinender Freunde und die Angriffe gallig erbitterter Gegner, die seine Politik nicht verstehen wollten, oder zu schwachsinnig waren, sie verstehen zu können, — ein ewiges Leben unter einem Hagelschauer von Sticheleien und Spitzfindigkeiten, — das alles hatte die Furchen geschaffen und ihn gegen die Welt erbittert!
Auch in seinem Heim war er nicht glücklich gewesen. Nachdem er ungefähr zehn Jahre lang ein kaltes, trauriges Mitwerleben geführt, hatte er sich mit seiner Wirtschafterin, einem stillen, pflichttreuen Mädchen, verheiratet, das ihm während all dieser Jahre treu gedient hatte. Ihr Zusammenleben war aber freudenlos gewesen, nur aufrecht erhalten durch die Pfeiler der Pflicht und der Gewohnheit.
Ans seiner ersten Ehe hatte er einen Sohn, der nach einem langen, unsteten Umherflackern in verschiedenen Lebensbernfen in Valby,- einer kleinen Vorstadt von Kopenhagen, als Polizist in den Hafen gelaufen war. Seine jetzige Frau hatte ihm eine kleine Tochter, Helene, geschenkt, die mehrere Jahre von Hause gewesen, jetzt aber heimgekehrt war, um ihrer kränklichen Mutter in der Wirtschaft behilflich zu sein.
Der Redakteur erhob sich von seinem knarrenden Drehsessel, ging in die int Erdgeschoß gelegene Wohnung hinüber Und warf seiner Tochter einen Brief hin.
„Ach, von Thomas!" rie«- sie überrascht ans.
„Dummheiten!" murmelte der Alte und blickte flüchtig Mit seinen geröteten Augen nach dem Briefe hin.
„Ach, er kommt hierher! Und zwar schon heute, jetzt gleich muß er hier sein!"
Der Redakteur erwiderte nichts, nahm nur ein Buchs vom Bort und entfernte sich wieder.
Das junge Mädchen stand eine Weile regungslos da, schaute auf ihren Ring hinab und fühlte ein schmerzliches Zucken des Herzens.
Sie setzte sich und lehnte den Kopf gegen die Wand.
Ihre Gedanken durchflogen die Erlebnisse der letzten Jahre und gingen allmählich weiter und weiter zurück bis zu den flachen Umrissen ihrer frühesten Jugend, an die sie jetzt, wo sie wieder zu dem alten, stillen, grabt linigen Leben heimgekehrt war, so lebhaft erinnert wurde.
Es lag so wenig Sonnenschein über dieser einförmigen Landschaft, und doch empfand sie oft ein gewisses, mit Wehmut vermischtes Glück, wenn sie diese alten, lieben Tage wieder durchlebte. Wunderbar! — Das Leben, in dem wir mitten drinnen stehen, erscheint uns oft kahl und inhalts-i los, in dein Abstand der Jahre gesehen, zeigt es sich durch-, woben von den feinen Goldadern der Poesie.
Sie erinnerte sich noch, wie zurückhaltend sie als Kind gewesen war. Niemals hatte sie es gewagt, mit dem Vater zu sprechen, ohne sich vorher überzeugt zu haben, daß dis große Falte zwischen den Augen so weit ausgeglättet war, daß ein klein wenig Licht hineinfallen konnte. Auch der Rute hinter dem Spiegel im Schlafzimmer gedachte sie; sie wurde nicht oft benutzt, aber sie konnte grausam brennende Striemen schlagen, wenn der Vater sie mit seinen langen Fingern umschloß und durch die Luft sausen ließ.
Die Mutter war gut gegen sie gewesen; aber sie war so still und küßte so eigentümlich hart. „Du mußt Dich in Geduld üben, mein Kind", sagte sie oft, und strich ihr mit der Hand übers Haar, während aus der Tiefe einer; unglücklichen kleinen Welt in ihr ein Seufzer entstieg.
Der Vater war fast den ganzen Tag drüben im Hinter-, Hans, in der Druckerei. Jeden Mittag, wenn das Essen fertig war, trippelte sie in ihren roten Strümpfen und, kleinen blanken Stiefeln, glatt gekämmt und zierlich gekleidet, über den Hof, klopfte vorsichtig an die Kontorthür/ öffnete sie und meldete: „Angerichtet!" Immer dasselbe Wort, weder mehr noch weniger, so wollte der Vater es; haben. Wenn alle um den Tisch saßen, faltete der Vater die Hände, schloß die Augen und sprach das Tischgebet. Der kleine, dicke Faktor streckte immer die gefalteten Hände ganz weit von sich auf den Tisch, damit ihr Vater sehen könne, wie fromm er wäre, sie konnte es nie lassen, nach feinem- einen Zeigefinger hinüberzuschielen, der steif war und immer in der Richtung nach der Suppenschüssel zeigte. Wenn dann das Gebet beendet war, richteten sich all? auf und griffen nach den Löffeln. Der Faktor nahm den seinen stets mit einem Seufzer in die Hand, aber es war


