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1902. — Nr. 148
Ssmslag den 4. Bktober.
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
27. Kapitel.
Bertha Rakenius ließ sich keineswegs so leicht von den Bernunftgründen überzeugen, die ihr Georg als die von der Gräfin Doroukoff entwickelten überbrachte. Es war ja allerdings richtig, daß sie dieselben nicht von der Gräfin persönlich hatte entwickeln hören. Wie oft liest man in den Zeitungen eine herrliche Verteidigungsrede vor Gericht. „Wie kann man nur den Angeklagten in so schwächlicher Weise verteidigen!" ruft man aus; denn die Rede läßt uns vollkommen kalt. Ja, die Richter erfuhren diese Rede nicht durch den kalten Buchstaben, sondern sie haben ihr voll Aufregung selbst gelauscht, sie hatten an den Lippen des Verteidigers, irgend eines Rechtsanwalts, gehangen. Seine Gesten, seine Ausrufe, seine Leidenschaftlichkeit hatten sie mehr beeinflußt, als alle Vernunftgründe. Sie wurden durch seine Beredsamkeit berauscht und hatten schließlich dem mächtigsten aller Ueberzengungsmittel nachgegeben, dem der Rede.
Wenn noch dazu eine Frau spricht, ein anbetungswürdiges Weib mit voller Leidenschaft spricht, ein Weib, dessen Anblick uns verwirrt, dessen Atem uns brennend streift, dann ist das Ueberzeugungsmittel nur noch größer, — der Rausch um so berauschender.
Aber da war noch Bertha, um den Zauber und Bann der Neberredung, worin Georg noch gefangen Ivar, zu brechen. Sie nahm einen Grund der Gräfin nach dem anderen durch und sagte:
„Was kümmert uns ihre soziale Stellung, ihr Rang, ihre Kaste? Hat Herr von Sempach seinen Namen nicht ebenso zu achten wie sie? Darf-er ihn vielleicht besudeln lassen? Er ist vielleicht weniger glänzend, als der der Gräfin Olga Doroukoff, geborenen Prinzessin Balaljewna, aber vielleicht ebenso alt, jedenfalls aber ebenso geachtet. Sie spricht uns von dem Ansehen, das sie genießt, von der Meinung der Welt, von ihrem Ruf! Was macht sie denn mit der Ehre unseres Freundes, mit seinem Ansehen, das er genießt — mit seiner Freiheit—. mit seinem Leben? Ah, sie wagt zu behaupten, daß sie zu viel zu verlieren hätte! Was verliert denn er? Verliert er etwa nicht mehr als sie, wenn er verurteilt wird?"
Er hörte ihr mit Ruhe zu und war erstaunt, daß er nicht selbst alles dies vor einer Stunde der Gräfin entgegnet hatte. In diesem wogenden Geiste, der von den Eindrücken der Gegenwart so ganz eingenommen war, folgte diesem ersten Erguß sofort em anderer, and schon fuhr sie fort:
>Ms weiteren Grund führt sie die Zwecklosigkeit ihrer
Aussagen und Geständnisse vor Gericht an. Sie behauptet^ daß man von ihr Wahrheitsbeweise verlangen würde, und daß sie solche nicht geben könnte. Ist sie denn dessen so gewiß? Soll sie denn niemals gesehen worden sein, wenn sie jenes Haus betrat oder dasselbe verließ! Sollte sie diese unsichtbare Wirtschafterin, von der Tu mir sprachst, denn niemals gesehen haben, und könnte nicht ihre Zeugenschaft angerufen werden? Sie behauptet, der Untersuchungsrichter würde ihr noch sagen: „Sie lieben den Herrn von Sempach. Sie wollen ihn retten. Ich igtaube Ihnen nicht." Ja, was für ein Bild macht sie sich denn eigentlich von der Geistesfähigkeit der Gerichtsbeamten? Was? Bildet sie sich denn etn, der Richter könnte atw nehmen, eine Gräfin Doroukoff, diese hochgestellte Frau, dieses Muster aller Tugenden, käme bloß daher, um sich zu entlößen, um die Ihrigen zu kompromittieren, sich Jo ins Unglück zu stürzen, wenn sie nicht schwerwiegende Gründe hätte zu reden, wenn es sich nicht darum handelte, gegenüber einem Unschuldigen und der Gerichtsbarkeit eine schwere Pflicht zu erfüllen? Nehmen wir selbst diesen unmöglichen Fall an: der Untersuchungsrichter in seinem Eigensinn, in seiner Verrücktheit, überzeugt, in Herrn von Sempach den Schuldigen zu sehen, glaubt ihr wirklich nicht; werden ihr dann nicht die Geschworenen glauben? Sie soll nur den Mut haben, aufzustehen und hinauszuschreien: „Er war mit mir, er war bei mir, ich schwöre es!" — Ich traue ihnen kaum zu, daß sie ihn verurterlen!'<
Er versuchte die Gräfin zu verteidigen, indem er einwarf:
„Sie glaubt nicht an seine Verurteilung. Sie nimmt sie nicht an."
„Weil es ihr bequemer ist, damit zu rechnen. —; Ihr Gewissen ist total in Ruhe! Ich habe nicht dieselben Gründe wie sie, es nicht zu glauben, und ich glaube es doch. Tie gegen Sempach gesammelten Beweise sind, glaube ich, immer schwerer und schwerer."
„Woher weißt Tu es?" fragte er rasch,
„Durch Wilhelm, den alten Diener des Herrn von Sempach, den ihm sein Vater sozusagen als Erbstück vermachte und als Erbe hinterließ. Der arme Mensch war vorhin da, gerade als Tu weg warst, um Dich zu sprechen. Ich habe ihn empfangen. Er ist schon dreimal vernommen worden, und er hat es wohl an den Fragen gemerkt,- die ihm gestellt wurden, an der ganzen Art und Weise,- wie man mit ihm sprach, daß der Untersuchungsrichter von der Schuld seines Herrn überzeugt sei. Von.Fragen überstürmt, eingeschüchtert und erschreckt, hatte er bekennen müssen, daß Herr von Sempach am Abend des Mordes erst um Mitternacht heimgekehrt sei, daß er gedankenvoll, besorgt und aufgeregt ausgesehen habe, und, ehe er zu Bett ging, noch lange in seinem Zimmer auf und ab gegangen war. Dann auch jener Riß, die an seinem Finger konstatierte Wunde, auch, diese hatte Wilhelm an demselben Abend, schon bemerkt, ebenso wie Blutstropfen auf den


