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sehr neugierig, wie sie sich enlwicreit hat. Schon damals in der Pension hatte sie etwas Merkwürdiges an sich. Sie war immer sehr ernst und nachdenklich. Ich war ihre einzige Freundin, obwohl ich noch heute nicht weiß, was sie an mir so Besonderes gesunden hat."

Sie hat eben Deinen Wert erkannt wie ichch

D u machst Dich natürlich lustig. Und dabei hat sie mir ihre Freundschaft, ihre Anhänglichkeit bewahrt, diese ganzen zehn Jahre hindurch, obwohl uns ein Ozean trennt und obioohl es ihr drüben an Freundschaften gewiß nicht fehlen wird."

Das beweist, sie hat ein festes, treues Gemüt, dem der Reichtum nichts geschadet hat. Je mehr Du mir von ihr erzählst, desto sympathischer wird sie mir. Eins, das hast Du mir niemals gesagt ob sie hübsch ist."

Hübsch? Nein. Das konnte man nicht von ihr sagen. Wenigstens damals nicht. Aber wer ist denn schließlich überhaupt als Pensionsmädchen hübsch? Ich glaube, ich war es auch nicht- Wir hatten alle das gleiche schreckliche Peusiouskleid an. Im Sommer, wenn wir wie eine kleine Herde Schafe in den Großen Garten getrieben wurden, war es ein braunes Wollkleid, im Winter ein fürchterlicher blauer Loublemantel. Wir mußten wie die Vogelscheuchen ausft'hen. Unsere gute Sanderson schwebte in einer ewigen Angst, es könnte sich auf unfern Spaziergängen mal ein junges Herr in eine von uns verlieben. Aber davon ab­gesehen, ich glaube, hübsch war Bell doch nicht. Vielleicht aber hat sie sich geändert. Wenn man hundert Millionen hat und sich die schönsten Diamanten kaufen kann, dann ist das immerhin mögliche"

Nun müßte Dir jemand zuhören, der Dich nicht kennt. Weißt Du, was der von Dir denken würde? Daß Du eine böse Zunge hast oder daß Du Deiner Freundin ihreMillionen nicht gönnst."

Wer mich nicht kennt. Aber Du kennst mich doch! Viel­leicht beneide ich sie au<ch wirkliche ein bischen. Wer wird aus sich selbst ganz klug. Jedenfalls freue ich mich, daß ich sie Wiedersehen werde. Aber da fällt mir ja etwas ein. Bevor sie meine Antw'ort erhält und bevor sie herüber kommen kann, wird es August werden. Im August wollen wir auf die Reise. Sie schreibt, daß sie so bald wie möglich kommen möchte. Das geht also nicht, dann muß sie sich also gedulden."

Das kann ich nun nicht einsehen. Du schreibst ihr einfach, wohin wir gehen nach Sylt. Ob sie nach Berlin oder nach Sylt kommt, das wird ihr ganz gleichj- giltig sein. Tie Hauptsache für sie bist doch Du selbst. Ueberdies sind wir im September wieder hier, dann bleibt uns noch Gelegenheit genug, ihr unsere Gastfreundschaft zu zeigen."

Das ist wahr. Ich werde ihr also noch heute schreiben."

Und vergiß dabei nicht, sie in dem einen Punkt zu beruhigen, nämlich daß ihr Geheimnis bei uns in sicheren Händen ruhen soll."

Ich werde es nicht vergessen."

Nach dem Frühstück ließ sich der Geheimrat von einem Diener in sein Arbeitszimmer schieben, wo er, feit er aus dem Amt geschieden war, an einem großen wissenschaftlichen Werk arbeitete, und Ottilie begab sich in ihr reizendes! Boudoir, setzte sich dort an den Schreibtisch und schrieb au Mell.

Die Geheimrat Angernsche Villa lag am westlichen Ende der Tiergartenstraße. Sie war eine der wenigen in dieser Gegend, die. um diese Jahreszeit von ihren Besitzern noch nicht verlassen waren. Tie ganze Straße war wie ausge­storben. Nur der vereinzelte Hufschlag eines Taxameters oder ein fernes Teppichklopfen unterbrach zuweilen die tiefe Stille. An den Häusern waren die Jalousien herabgelassen, durch die offen gebliebenen Fenster sah man auf tiillver- hüllte Kronleuchter und in den Gitterthüren standen die Dienstboten und plauderten mit Freunden und Verwandten, welche die günstige Gelegenheit benützten, um ihre Besuche abzustatten.

Wäre es nach dem Geheimrat ganz allein gegangen, er hätte sich überhaupt das ganze Jahr hindurch nicht aus seinem Bequemen Hause und seinem schönen Garten heraiisgerührt. Auch Ottilie liebte eigentlich nicht die Reise- Umständlichkeiten, aber erstens war man es, wenn nicht sich selbst, so doch der lieben Mitwelt schldig, daß man für einige Wochen verschwand, und zweitens.... Zweitens, seit Herwarth, Ottiliens Vetter, wieder in Berlin war, ging

er als ihr Paladin immer regelmäßig auf ihre Sommer­reisen mit. Man war bann den ganzen Tag miteinander zusammen, und so hatte man an der Reise ein wirkliches Vergnügen. Vor zwei Jahren war man in Binz gewesen, im vorigen in Tirol und so wollte man in diesem wieder an die See nach Sylt, nach Westerland.

Es war nicht blos die Verwandtschaft, auf die es im Leben ja ohnehin nicht viel ankommt, welche Ottilie so innig mit ihrem Vetter verband, sondern eine alte Kinder­freundschaft. In den elterlichen Häusern hatten sie mit einander gespielt, bis nach dem frühzeitig erfolgten Tode der beiden Elternpaare Ottilie in die Pension und Herwarths aufs Gymnasium kam. Won neuem begegneten sie sich, als Ottilie, nun ein herangereiftes Mädchen, die Pension ver­ließ und Herwarth nach den gut bestandenen Examina in seine Carriere eintrat. Damals hieß es unter ihren Be­kannten allgemein, daß ein Paar aus ihnen werden würde. Wer Herwarth ging ins Ausland, es gefiel ihm dort sehr, wenigstens machte er keine Miene zur Rückkehr und Ottilie wurde älter. Sie war von Hause aus arm und deshalb! zögerte fje nicht, als ein Mann von Stellung, Reichtum und den besten persönlichen Eigenschaften sich in sie ver­liebte und ihr seine Hand anbot, diese anzunehmen. Nie­mals hatte Ottilie ihre Wahl bereut. Tie Krankheit, irt die nach wenigen Jahren ihr Mann verfiel es war ein kompliziertes Nervenleiden war eben ein nicht vorher zu sehendes Unglück, für das der wesentlichste Trost aber darin bestand, daß gerade unt diese Zeit Herwarth nach Berlin zurückkam. Der Konsulatsdienst war, wie Herwarth jetzt herausgefunden hatte, eine Sackgasse, aus der sichnicht weiter vorwärts kommen ließ und Herwarth war ehr­geizig geworden. Unfreundliche Menschen nannten ihn einen Streber. So hatte er sich der Gesandtschaft zuteilen lassen. Tie dazu notwendigen Mittel besaß er, er sprach und schrieb ein tadelloses Französisch und er besaß auch ein ziemliches Vermögen, das jetzt bei einer Bankfirma stand, mit der sein Konsulat in Rio in Verkehr gestanden hatte. Herwarth, besaß noch eine Schwester Carla. Carla mochte jetzt sechszehn sein, niemand bekümmerte sich eigentlich um ste. Sie war in Dessau in einer vornehmen Pension, war dort gut aufgehoben und Herwarth leitete für sie die Wormund- fchaftsgeschstfte.

Tas Wiedersehen zwischen ihm und Ottilie war von feiner Seite froh und herzlich gewesen, von der ihrigen beinahe erregt. ,

Dem Geheimrat kam Herwarth nur gelegen und will­kommen. Er empfanb' seine Krankheit gegen Ottilie wie eine Schuld. Er sah, mit welcher verwandtschaftlichen Liebe Ottilie an dem jungen Manne hing und darum freute er sich uun eine Gelegenheit gesunden zu haben, sie für die beginnenden Entbehrungen, die ihr seine Krankheit, auf­erlegte, entschädigen zu können. So war es der Geheimrat selber, welcher wünschte, daß Herwarth seinen verwandt­schaftlichen Verkehr mit ihnen so eng als möglich gestaltete. Herwarth hatte dicht in der Nähe, in der Rauchstraße, eine Wohnung gemietet und täglich sprach er in der Villa vor. Dieses wahrhaft freundschaftliche und nie getrübte Verhält­nis denn auch zwischen den beiden Männern bestand das beste Einvernehmen dauerte nun schon einige Jahre. Herwarth war unverheiratet geblieben. Er brauchte keinen häuslichen Herd, er hatte den seinen in der Tiergarten­straße.

Es war ein heißer Tag.

Ottilie hatte der Dienerschaft Befehl gegeben, überall im Hause die Marquisen herabzulassen. Ihr Brief an Bell war geschrieben und schon im Kasten. Sie war nicht mehr im Schlafrock, sondern hatte ein elegantes sandfarbenes Strandkleid an, das von Gerson vorhin abgegeben worden war. Herwarth sollte sein Urteil darüber fällen. Einsts weilen blätterte sie in einem Roman. Es schlug halb Zwölf und mit dem Glockenschlage trat der Diener ein und meldete:

Der Herr Baron!"

Sie ging ihrem Vetter entgegen.

Er war drei, vier Jahre älter als sie eine elegante männliche Erscheinung, zum Repräsentieren wie geschaffen. Nur stand in seinem Gesicht ein Zug von Blasiertheit, von Apathie, der es älter erscheinen ließ, als es war.

Er küßte seiner Cousine die Hand.

Nun, wie gefalle ich Dir?"

Fortsetzung folgt,)