Ausgabe 
4.7.1902
 
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scharfe Spürnase, und gerade unter den obwaltenden Um­ständen Darf sie nichts von unserem Verhältnis ahnen." Er philosophierte dann weiter, wie vielen Land­wirten es heutzutage ebenso ergehe wie Herrn Velten, es sei eine niederträchtige Zeit, in der nur der Schacher prosperiere, und kein Kavalier existieren könne, ohne einen Fonds von ganz unverwüstlichen Kapitalien.

Aber", fiel Traute angstvoll ein,Papa braucht Hilfe sofort. Wenn er nicht in spätestens acht Tagen die nötige Summe hat, sind wir am Bettelstab. Es ist ent­setzlich! Weißt Du keinen Rat, keine Hilfe?"

Liebes Herz, er wird das Geld nirgends bekommen, und es ist besser, es kommt zu der Krisrs, die doch nicht mehr aufzuhalten ist."

Ach nein, nein! Es ist zu furchtbar Camill hilf mir, kannst Du nicht helfen?"

(Fortsetzung folgt.)

Alte Denkmäler auf dem Friedhöfe an der Licher Straße zu Gießen.

(Nachdruck verboten.)

Bei der bevorstehenden Eröffnung des neuen Fried­hofes am Rodberg dürfte es interessieren, einiges über das Alter des seither benutzten Friedhofs und seiner Grabdenk­mäler zu erfahren.

Der Friedhof an der Licher Straße wurde im Jahre 1530 von Philipp dem Großmütigen angelegt. Bor dieser Zeit wurden 'die Toten von Gießen zum Teil bei der Kirche zu Selters auf der Höhe an der Frankfurter Straße bestattest, zum Teil auf dem Kirchhofe bei der zu Anfang des 16. Jahrhunderts errichteten Kirche, die an den heutigen Glockenturm anschloh. Mit Erweiterung der Stadtbefesti­gung und Aufführung eines 40 Fuß hohen Erdwalls unter Philipps Regierung war die Benutzung der Kirche und des Friedhofs am Seltersberg für die Festung Gießen störend, weshalb der Landgraf die Kirche zu Selters abbrechen und den Friedhof an die Licher Straße verlegen ließ. Die Friedhofskapelle wurde später errichtet, und zwar, wie aus einemMlten Bilde auf der Gallerie hervorgeht,im Jar 1623 Johannis Baptistae von Johannes Ebelln zum Hirsch, der stat Gießen verordneten bauherrn." Sie wurde zu Anfang des 18. Jahrhunderts restauriert, verfiel aber! ganz mit der Zeit, bis sie vor etwa 50 Jahren wieder her­gestellt wurde.

Aus der ersten Zeit der Benutzung des Friedhofs ist kein Denkmal vorhanden. Aus Unverstand, Rohheit und Pietätlosigkeit find die ältesten Grabsteine zerschlagen und als Mauersteine benutzt worden. Das älteste vorhandene Denkmal dürfte ein beim Eingang rechts an der Mauer stehender kleiner Stein sein, der die Aufschrift trägt:Anno 15/9 12. Dez. ist die ehrsame Joh. Kempf Radis Frau zue Gißen sehglich entschlaffen, der Got genae, der Gerechten Selen sind in Gotes Händen." Die noch erhaltenen Grab­denkmäler sind meist von ihrer ursprünglichen Stelle ent­fernt worden und stammen zum größten Teil aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Die Grabschrift ist vielfach in lateinischer Sprache abgefaßt. Die Schrift der an der Umfassungsmauer befindlichen Steine ist meist verwittert und schwer zu entziffern. Hier ist beachtenswert das. Denk­mal des Professors der Theologie I o h. I a c ob Ram b a ch mit Porträt, der von 1693 bis 1735 lebte, sowie ferner das künstlerisch ausgeführte Epitaphium des Festungskomman­danten Wilh. Mich. Ludw. Langsdorf, geb. 1664. Daneben finden sich mehrere Grabsteine der Familie Tasche, so des Kauf- und Handelsmannes, auch Ratsherrn Job.

er h- Tas ch6, geb. 1695. Weiter sind hier noch zu er­wähnen die Grabdenkmäler des Prof, und Seniors der Phil. Fakultät Joh. Weiß, geb. 1620 in Eisenach, gest. 1685, des Grafen und Stadtpräsekten Phil. Nie. Aug. von Otten- X0 IJ' rchue Jahreszahl, des 1. Lehrers am Paedagvgium ^50v- Iac. Lud. Borcke, gest. 1784, der Frau Ivh. Staub, geb. Lottmann, Gemahlin des Dan. Staub,fürstk. Hess. Steuer Land Renovatur Kommissarius", errichtet 1691. Ferner findet sich an derselben Mauer der Rest eines Grab- Lenkmals für einen Edlen und seine Frau, wie die neben­stehenden Figuren zeigen, leider ohne Jahreszahl und Auf- schrift. In der Mitte des Steins sieht man eine Figur, die die 3 rechten Finger zum Schwur in die Höhe streckt, mit

der linken Hand' die Kreuzessahne hält. Neben bemerkt man die 3 Frauen, die am Ostermorgen zum Grabe des Erlösers wandern. Ringsum an dem Stein sind die Wappen eingehauen der Herren von Hausen, Schmalbach Stauer, Urff, Wettersborck, Lewstein, Grifste, Döringeberg, Dak- wigk, Breidenstein, Kinzebach, Hadtenbach mit denen die Verblichenen in näherer Beziehung gestanden haben müssen. Ein kleiner Sandstein au der Mauer weist auf die Ruhe­stätte des Hänrich Stumpff, gew. Leudtenant zu Roß und Gasthaber im Weißen Roß", gest. 1663. Besser erhalten sind die ringsum an der Kapelle ausgestellten Grabsteine. Sie enthalten meistens Namen von Gelehrten und ihren Angehörigen; daneben finden sich auch Namen von ange­sehenen Bürgern und Ratsherrn, die heute noch in Gießen vertreten sind. Ans der Seite am Eingänge zur Kapelle nach Norden hin sind 16 Gedenksteine aufgestellt. Wir er­wähnen unter anderen das Denkinal des Apothekers und Ratsschöffen Joh. Conrad Scipio, geb. 1653, ferner des Rats und Gerichtsschöfsen, auch Kirchen-Seniors und Wahlwebers Joh. Conr. Wormser, des tz e inr. Jo h. B a st aus Herborn, gewesenen Nachrichters (Scharfrichters), gest. 1713. Daneben findet sich das Denkmal des Universi­täts-Buchhändlers und Buchdruckers Nie. Hampel, ohne Jahreszahl. Darauf folgen die Grabsteine der Cath. Elis. Liebknecht, Ehefrau des Pros, theol. Joh. Georg Lieb?, knecht, die 1687 starb, des Ioh. Melchior Weitich, Bürgers und Metzgers, geb. 1653, gest. 1702, des I o h. Kemp ff, Mitglied desSechs zehenden Rats", geb. 1647, gest. 1701, des Bürgers I o h. Dan. Löb er, der 1648 ge­boren wurde und mit einer geborenen Sack verheiratet war, ferner das Denkmal der Frau Schenck, Ehefrau des Syndikus und Gerichtsschöffen Dan. Joh. Jeremias Schenck, einer Tochter des Pharmakologen Stvckhaus und zuletzt die Gedenktafel für den 1691 geborenen und 1765 verstor­benen Rats- und Gerichtsschöfsen Feuerbach und seine Gemahlin.

Auf der Westseite der Kapelle find 8 Denkmäler aus­gestellt. Als erster Grabstein ist hier zu erwähnen der der Ehefrau Sophie Marte Balser, geb. Möller, Ge­mahlin des Joh. Balchaser Balser,Hess, fürstl. Mit Ober Einnehmer und Stattschreiber zu Giesen", errichtet 1708. Hieran schließen sich folgende Gedenksteine, der des Prof, Heinr. Möllenbeck, geb. 1622 in Rinteln, gest. 1693; der des Metzgers Conr. Bogt, errichtet 1676 für seine Vorfahren, das Epitaphium des Joh. Wo t s ch e n do r s f,- Buchbinders, Ratsverwandten und Kirchen-Seniors, er­richtet 1685vor mich und meine verstorbenen Eheweiber und Kinder zum Gedächtnis des Todes", das Denkmal derwey- laud viel Ehr und Tugendsamen treuen Frauen Ger- trautt Buschen, geb. Röderin, des weyland Edlen und wohlachtbarcn und wohlgelehrten Herrn Georg Buschen, geives. Psennigmeisters und Tranksteuerrevisors allhir Hinter­bliebenen Witwe, geb. 1618, gest. 1703. Als letztes auf dieser Seite ist zu nennen dasimhoffische Epitaphium", errichtet von demehrenfesten und kirnstverständigeu Baumeister Andreas im ho ff en zu Ehren seiner ,/Blutssreunde"! des Praeceptors und Organisten Joh. Fak. Buff und des Bürgers und Messerschmieds Simon Ritsche, sowie zum Gedächtnis an sein achtjähriges Töchterlein (1656).

Auf der Südseite der Kapelle finden sich 9 Grab­denkmäler. Hier sei zuerst erwähnt das des 1. Rats, Ge­richtsschöfsen, Kirchenältesten und Inspektors deslöblichen geistlichen Landkastens, Herrn I o h. Balth a s a r Ke mpff', geb. 1645, gest. 1716. Hierauf folgen die künstlerisch aus­geführten Epitaphien ehemaliger Professoren, das des Prof, und Kanzlers Joh. Nicol, v. Hert, gest. 1710, das des Prof. med. Nicol. Dill en ins, gest. 1720, das des Ora­tors, Polyhistors und 1. Prof, der Mathematik Frieds Nitz sch ins, gch. 1640, gest. 1702, das des Prof. med. et rer. nat. und Rektors Joh. Melchior Verdrieß, geb. 1679. Außerdem seien noch genannt die Grabsteine des Schulinspektors Phil. WolpertSeltzer, geb. 1609, gest. 1660, und des ehemaligen Bürgermeisters, Rats und Ge- ric^tsschöffen Joh. Christ. Berdrieß, geb. 1652, gest

Die östliche Außenwand der Kapelle enthält 9 Denk­mäler. Wir verweilen zuerst bei dem Grabstein deswey­land Edel-Gros achtbar- und Manvesten Herrn Eberhard Ströhen in Giesen bürdig gewesenen fürstl. Hess.Darmst. bestverdienten Zeughauptmanus".Nach dem derselbe am 5. May 1663 hey einem unvermütlichen entzündeten Feuer-