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Siebzehntes Kapitel.
Als Traute am folgenden Tage im Däinp-fzug in bas weite, freie Land hineinflog, ließ sie Kummer und Sorgen in den beengenden Stadtmanern, weit hinter sich zurück. Die Jugend machte ihr Recht geltend, und die Freude auf das Wiedersehen mit dem Geliebten. Bei ihnl wird sie Hilfe und Trost finden. Gr liebte sie, und weil er sie liebt, wird er sie vor Demütigung, vor Ar- ttutt und Elend schützen. Sie hat ihn in den vier Jahren der Trennung selten gesehen, und er hat nicht offen geschrieben. Er war in ein schlesisches Kavallerie-Regiment eingetrete», und hatte mit einjährigem Urlaub mit einem österreichischen Prinzen eine Reise um die Welt gemacht, von der er vor kurzem heimgekehrt war. Traute hatte ihn seitdem nicht gesehen, aber früher war er bei jedem ihrer kurzen und seltenen Wiedersehen der alte, feurige Liebhaber gewesen, und in seinen Briefen hoffte er immer noch aus Tante Camillas Tod, und versicherte sie, daß Lori Drachenberg ihm ebenso unausstehlich sei wie früher.
Sie hatte in all diesen Jahren über das wachsende Elend in ihrer Familie geschwiegen. Sie war zu stolz zum Klagen. Sic hatte ihn nur zwischen den Zeilen ahnen lassen, wie es um sie stehe, und sie glaubte, seine Liebe müsse alles verstehen. Es war so schwer, so bitter, das ganze Unglück zu bekennen. Er hätte ihr natürlich sofort seine Hilfe angeboten, und ihr Stolz sträubte sich so lange als möglich gegen die Unfreiheit einer solchen Verpflichtung. Sie hatte sich tapfer bemüht, sich aus eigener Kraft zu helfen, aber sie war im Begriff, daran zu verzagen. Es war entsetzlich schwer, zu arbeiten und Geld zu verdienen, wenn man nicht dazu erzogen ist. Alles, was sie mühselig mit ihren Malereien und mit Stuudengeben erwarb, ivar in ihrer Notlage wie ein Tropfen auf einen heißen Stein.
Und nun kam das große Unglück, dessen Wogen ihr Über dem Kopf zusammenzuschlagen drohten. Jetzt gab es keine Hilfe mehr aus eigener Kraft, und der Augenblick war gekommen, wo der Geliebte das erste Recht auf ihr Vertrauen hatte. Sie durste sich vor keinem andern demütigen als Bittende, so lange er sie schützen und ihr helfen konnte. Und schon im voraus kostete sie das süße Gefühl des Geborgenseins im Schutz der Liebe. Wie eine strahlende Vision steigt das Bild eines solchen Glückes vor ihrem inneren Auge aus, als sie die sonnige Land- schast durchflog. Und das ganze Land steht in der ersten Pracht des Sommers, selbst die weite, monotone Ebene Mit den großen Korn- und Wiesenflächen, den schnurgeraden Pappel- und Obstalleen, und den graugrünen Kieferheiden entzückt fie: denn die Felder sind grün, und wogen schon hoch in Aehren, auf den Wiesen hat die Heuernte begonnen, die kleinen Städte und Dörfer am Wege sind alle in Blüten begraben, und der blaue Junihimmel hat sein leuchtendes Zelt über die lachende Welt gespannt.
Trautens Herz klopfte zuiu Zerspringen, als sie schon von fern Stausfens stattliche Gestalt aus dem Bahnsteig der großen, rußigen Einfahrtshalle in Berlin erkannte.
Sein Anblick überraschte sie, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Er war noch schöner geworden, reifer und Männlicher, die Uniform klerdete ihn prächtig. Er war seit kurzem nach Berlin kommandiert mit der Aussicht, dort mindestens ein Jahr zu bleiben.
„Das ist mal eine vernünftige Idee von Dir! Tu »leibst natürlich ein paar Tage hier", sagte er sreude- trahlend, als er Traute aus denr Wagen hob. „Und wie wächttg Du aussiehst, beim Zeus! Du wirst mit jedem Jahr^ schöner!"
Traute lächelte glückselig. Tas ganze Jahr mit seinen Mengsten und Sorgen, seinen Zweifeln und Schmerzen, mit der ost brennenden Sehnsuchtspein war wie ausgelöscht durch die große, überwältigende Freude des Wiedersehens.
'/Ich muß heute abend wieder zurück, ich komme nur, nm Wichtiges mit Dir zu besprechen. Giebt es hier aus dem Bahnhof kein Plätzchen, wo wir ungestört zusammen Hetzen können?"
„Hier aus dem Bahnhof? Welch eine Idee! Du kommst doch nicht nach Berlin, um m dieser alten Bude zu bleiben! Vor allen Dingen müssen wir jetzt zu Mittag essen. Ich weiß ein nettes Lokal, wo wir möglichst ungestört sind."'
Es' schien Traute ein Zaubertraum', als sie an Staufsens Seite in einem offenen Wagen durch das
Straßengetümmel Berlins fuhr. Es wär nur ein gewöhnlicher Wochentag, aber Berlin sah aus, als feiere es ein Fest. So viel Glanz, so viel Pracht, so viel heiter bewegtes Leben, so viel fröhlich brausender Lärm überall. Ueberall Eleganz und Luxus, lockender, üppiger Lebensgenuß, auf offener Straße, in den Schaufenstern, und von allen Mauern der Steinpaläste lachend. Und all dies nur der glänzende Rahmen für die herrliche Gestalt des Geliebten.
In einem eleganten Lokal Unter den Linden bestellte Stausfen ein Mittagsmahl. Die auserlesensten Leckerbissen, welche die Speisekarte bietet. Ter Tisch ist in einer der separierten Nischen gedeckt, in der sie ziemlich ungestört sind, und ungestört plaudern können. Durch die gelbseidenen Fenstervorhänge fällt ein warmes, goldenes Licht rn das üppig ausgestattete Gemach. Ueberall schwellende Polster, blitzende Vergoldung, Spiegelglas und farbenprächtige Wandgemälde, die blühende Landschaften und erotische Szenen darstellen.
Stauffen nimmt Traute Hut und Mantel ab-, streift ihr selbst die Handschuh von den Händen, und sagt immer wieder: „Wie froh bin ich, daß ich Dich da habe! Jetzt lasse ich Dich sobald nicht wieder fort!"
Traute lächelt, sie macht sich den Sinn seiner Worte nicht ganz klar, sie hört nur die Freude des Wiedersehens heraus. Wie betäubt von Glück lehnt sie in den Sammet- polstern, und Camill beugt sich über den Tisch, und küßt ihre Fingerspitzen, alle zehn nach der Reihe. Er hat Sekt bestellt, und spricht dem Mahl mit kräftigem Appetit zu, während Traute nur an den guten Dingen nascht, und an dem Kelchglas nippt. Camill vergißt ganz, nach Trautens Anliegen zu fragen, er plaudert und scherzt in dem Ton, der auf dem Parkett und Turf gebräuchlich ist, sein ganzes Wesen ist eine stete Champagnerlaune, die Quintessenz raffinierten Lebensgenusses. Und wie er jetzt mit heißem, geröteten Gesicht nach beendetem Mahl die Uniform lockert, und sich behaglich eine duftende Havanna anzündet, ist er das Bild strotzender Lebensfülle, und jenes Frohmuts,' der nur unter den günstigsten Lebensbedingungen gedeiht. Gr sieht Traute mit heißen Blicken an, er legt die Zigarre weg, setzt sich zu ihr, und zieht sie zärtlich in seine Arme. Sie sind ja allein hinter der seidenen Portiere, allein mit dem Sommersonnenschein, und den süß duftenden, dunkelrvten Rosen, die er Traute an die Bahn gebracht hat. Wer wie er fte küßt, fühlt er etwas Feuchtes auf seinen Wangen, und er sieht, daß die Thränen unaufhaltsam aus ihren Augen stürzen.
Das Bewußtsein ihres Unglücks ist ihr plötzlich mit verdoppelter Schärfe zurückgekehrt, der ganze Kontrast ihrer lläglichen Lage, und der glänzenden Lebensstellung des Geliebten drängt sich ihr unabweisbar auf. In der Welt, in der Camill lebt, ist der Erfolg Gott, für Unterliegende hat sie keinen Platz. Ach, und wie wunderbar schön ist diese Welt im Sonnenschein irdischen Glücks! Der Gedanke an ihr Elend erfüllt Traute mit Schauder. Und wie Camill jetzt zärtlich besorgt, wenn auch etwas ernüchtert, nach der Ursache ihrer Thränen fragt, denn Thränen und Traurigkeit sind ein schlechtes Dessert nach einem guten Mittagbrot — klammert sie sich hilfeflehend an ihn, und stammelt das Bekenntnis ihres Unglücks heraus.
Camill sieht etwas bestürzt aus, aber weniger als sie befürchtete.
„Das habe ich mir längst gedacht, daß es so kommen würde. Schon damals in Leipzig. Die schlechten Verhältnisse Deines Vaters waren stadtbekannt, und Deine Eltern sind ja beide unklug in praktischen Dingen. Das konnte jedes Kind sehen, wohin es kommen mußte."
Traute sah ihn sprachlos an. Also Camill wußte längst, was sie immer ängstlich wie ein Geheimnis vor ihm gehütet hatte.
„Dein Vater muß sehen, die alte Bude los zu werden, und eine standesgemäße Anstellung suchen", fuhr Camill fort. „Er hatja viele Freunde und Konnexionen von früher her, einem Mann von seiner Persönlichkeit, einem gewesenen Offizier kann es nicht schwer fallen, eine Stellung und etwas Passendes zu finden. Ich werde mir die Sache überlegen, vielleicht kann ich einige meiner Verwandten dafür interessieren. Ich muß natürlich vorsichtig sein, damit nicht mein Name zur Unzeit mit dem Euren in Verhindung gebracht wird. Meine Familie hat eine hölliscb


