Ausgabe 
4.7.1902
 
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(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marte Stahl.

(Fortsetzung.)

Traute machte eine ungeduldige Bewegung, während Hulde in Thränen ausbrach.

Papa muß noch einmal zum alten Lehmigke gehen, und ihm die Sache persönlich vorstellen."

Das nützt ja nicht. Der alte. Lehmigke läßt ihn immer abweisen, er nimmt ihn nie an. Wozu soll er sich dieser Kränkung noch einmal aussetzen? Tu kennst Papa, wie niedergedrückt er schon ist. Ich hin in entsetz­licher Angst um ihn. Hast Tu den Schlüssel Hulde, zu dem Kabinett, in welchem der Pistolenkasten steht? Ja? Tann halte ihn gut in Verwahrung. Daß nur um Gottes willen Papa nicht in einem unbewachten Augenblick hinein- kommt."

Ein trauriges Lächeln flog über Trautens Zuge.Wie ost haben wir nun schon die Pistolen, und sogar die Papierscheeren versteckt! Ist denn keine Hoffnung, je aus dieser Misere herauszukommen?"

Wenn nur Onkel Lothar oder Tante Emmeline Papa noch einmal geholfen hätten!" seufzte Frau Velten.Tie Häuser steigen jetzt wieder im Wert, und wenn wir uns noch eine (teilte Weile halten könnten, würden wir wahr­scheinlich durch Verkauf oder Tausch ein vorteilhaftes Geschäft machen, und die Sorgen los werden. Es ist ein Unglück, 'daß niemand mehr Kredit geben will."

Aber Papa hat jedesmal gesagt:Wenn mir nur dieses eine Mal noch geholfen wird, dann kann ich mir selbst helfen." Es ist kein Wunder, daß es niemand mehr glauben will", warf Traute ein, indem sie finster vor sich fiiitj'tctTttß*

Es hat ihm eben niemand durchgreifend geholfen", entschuldigte Frau Velten.

Ach, daß wir uns doch selbst helfen könnten, statt von anderer Gnade abhängig zu sein!" stöhnte Traute, indem sie beide Hände an die Stirn preßte.Wie beneide _ ich die kleine Schneiderin, die da oben bei uns vier Treppen Ml -)vch wohnt. Sie arbeitet die Woche hindurch^ Sonntags

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Freitag den 4. Juli.

1902. Nr. 98.

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Friedrich Ratzel.

Staub kehrt zum Staub zurück.

JägÄscr Wachstum in Geist und Kultur, alles, waS wir zivilisatori- scheu Fortschritt nennen, ist eher dem Aufsprießen einer Pflanze c,lz dem unbeengten Aufschwung eines BogclS zu vergleichen. Immer bleiben wir an die Erde gebunden, und den Zweig kann immer nur der Stamm tragen. Die Menschheit vermag ihr Haupt in dcn reinen Aether zu erheben: ihre Füße müssen immer an der Erde hasten, und der

geht sie mit ihrem Schatz aus, und ist unabhängig tote ein König. Die verdient das Brot selbst, das sie ißt. das ist die einzige Freiheit, die es aus Erden gießt und das Ehrenvollste, was es gießt! Wie nichtig erscheint mir alles das, was wir Ehre nennen, und wofür wir soviel opfern. Es ist alles gemacht."

Aber, liebes Kind, eines schickt sich nicht für alle- und die verschiedenen Gesellschaftsklassen haben auch ver­schiedene Ehrbegriffe. Du würdest Dich doch wahrscheinlich nicht mit der Ehre begnügen, für Geld schneidern."

Frau Velten sprach mit einer gewrssen Gereiztheit., Doch, Mama, doch. Ich würde mir jede Arbeit hur Ehre anrechnen, die mich unabhängig machte! fltur nrcht von anderer Gnade leben in ewiger Unfreiheit."

Frau Velten sah aus, als wäre ihr sehr unbehaglich zu Mute.Du hast zuweilen sonderbare Ansichten, ich weiß nicht recht, was Camill Stauffen dazu sagen würde.

Als Hulde und Traute an diesem Wend ihr gemein­schaftliches Schlafzimmer aufsuchteu, sagte Traute, aus ihrem Bette sitzend, nachdem sich die Schwestern in trübem Schweigen entkleidet hatten:

Es muh sein, Hulde, ich fahre morgen nach Berlin." Zu wem?"

Zu Camill. Gr must mir helfen." Hulde schwieg nachdenklich.Es muß sein", wiederholte Traute.

Könntest Du nicht deswegen an ihn schreiben?"

Nein, erstens ist das Zeitverlust, und zweitens kann man so etwas nicht schreiben. Ich muß ihn sprechen. Und sollte er mir durchaus nicht helfen können, so muh ich direkt nach Brantikow zu Paul Lehmigke fahren und sehen, was ich dort ausrichte. Ich habe mir bereits alles überlegt."

Soll ich Dich begleiten? Oder vielleicht Armin?"

Nein, auf keinen Fall. Der Kosten wegen."

Aber eigentlich ist es doch nicht passend Du allein"

Ich dächte in unserer Lage hören konventionell« Rücksichten auf. Wenn es gilt, Vater und Mutter Existenz und Leben zu retten, ist alles passend. Ich bestelle Camill auf deu Bahnhof, und werde dort mit ihm bleiben. Mit dem Abendzug komme ich zurück, wenn ich nicht weiter nach Brantikow muß."

Egon wird entsetzt sein, wenn er das hört!" warf Hulde ein. Traute zuckte die Achseln.

Ich kann ihm nicht helfen, ich weiß keinen anderes Ausweg, und Egon wahrscheinlich auch nicht."

Als Trautens Eltern am folgenden Morgen von ihrem Entschluß hörten, gaben sie mit schwerem Herzen ihre Einwilligung. Herr Velten kostete in vollen Zügen die Tragik der Situation aus.

Aber er besah nicht nrehr die Kraft, seine Tochter von diesem Opfer zurückzuhalten, und sich selbst zu helfen. Er war es sich selbst nicht bewußt, wie tief ihn die Not von einem früheren idealen Standpunkt herabgedrückt hatte.