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erkannte sie an einem Hefte „Liszt", das sie unter dem Arme trug. Sie gefällt mir sehr. Sanfter Gesichtsausdruck, weiche Bewegungen und graublaue, strahlende Augen. Wenn sie mir das Feld räumen würde, würde ich sogar ihrer Pensionsmutter einen Besuch machen.
Lieber Doktor! Versuchen Sie meine Mittel. Unten geht es los! Auf in den Kampf! Es gilt die Ehre! In alter Freundschaft
Ihr
Schwarz.
III.
Königsberg, Hotel de Prusse, 3. 11. 00.
Lieber Schwarz! Heute nur eine Postkarte! Alles ist oergebens! Der Walzer lebt noch unentwegt. Ich habe soeben mit fünf Bekannten in meiner Wohnung auf geliehenen Blechinstrumenten eine gräßliche Katzenmusik vollführt. Weder Diskant, noch Baß ließen sich stören. Wir Sechs aber sind total erschöpft. Die anderen haben mich zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit zu drei Runden echten Bieres verdonnert.
Ich kann das vierhändige Ungeheuer nicht bändigen. Werde wohl ausziehen! Vielleicht auch Selbstmord! Besten Gruß Rose.
IV.
München, 25. 11. 00.
Doktor! M ensch! Leidensgenosse! Steg — Sieg auf der ganzen Linie! Staunen Sie in Ihrer gemarterten Seele! Vorgestern war die Schlacht wieder bis zu den Hanteln gekommen, als es bei mir klingelte.
Draußen stand eine resolut ausschauende Dame.
„Herr Kunstmaler Schwarz?"
„Womit kann ich dienen?", fragte ich sehr höflich.
„Ich bin die Inhaberin der Pension im zweiten Stock. Das Fräulein, das das Zimmer unter Ihnen bewohnt, kann seit einiger Zeit keine Minute ruhig üben, da hier oben dann sofort ein Skandal beginnt, der ihr den Aufenthalt im Zimmer unmöglich macht."
Jetzt galt es!
„So, gnädige Frau", sagte ich sehr ruhig, „das ist also unten zu hören? Das thut mir sehr leid, aber den Skandal, !vie Sie es nennen, kann ich nicht einstellen. Denn durch das anhaltende Klaviergeübe gerade unter mir feilt ich derartig nervös geworden, daß mein Arzt mir als einzige Rettung anstrengende Leibesübungen verordnet hat. Sie werden verstehen, gnädige Frau, daß meine Gesundheit mir das Wichtigste ist. Verzeihen Sie übrigens, daß ich Sie in diesem Kostüme empfange, aber ich mache gerade meine vorgeschriebenen Hebungen."
Lieber Doktor! Ich habe schon viel in meinem Leben schimpfen gehört, aber so---! Nun jedenfalls ging
sie doch einmal fort und seit diesem Gespräche habe ich unter mir keinen Ton mehr gehört. Die körperliche Bewegung der letzten Tage hat mir ausgezeichnet gut gethan; ich habe gestern und heute geschuftet, wie ein Kuli. Gruß Schwarz.
Königsberg, Pr., 1. 12. 00.
Lieber Schwarz! Ich gratuliere! Bei mir noch immer keine Aenderung. Ich habe mir einen Musikautomaten gemietet, der drei Stunden ununterbrochen spielen kann. Heute morgen habe ich ihn zum ersten Male in Thätigkeit gesetzt. Ich mußte aus meiner Wohnung; denn das Gedudel war gräßlich. Als ich zurückkam, war der Apparat noch unentwegt bei der Arbeit. Oben aber ertönte, wie stets, der bewußte Walzer. Die beiden Spielerinnen sind entweder taub oder leiden an einer Manie. Besten Gruß Ihr vollständig geknickter Rose.
VI.
München, 10. 12. 00.
Lieber Doktor! Das Leben treibt ein buntes Spiel. Kürzlich auf dem Kostümfeste des Künstler-Sänger-Vereins war ich die ganze Zeit mit einem reizenden Kinde, im Kostüme einer mittelalterlichen Bettlerin zusammen.
Wer ist es? Meine besiegte Klavierspielerin! Wir haben uns ausgesprochen; ich habe um Verzeihung gebeten; sie ist mir gewährt worden.
Gestern habe ich. unten Besuch gemacht. Schelmisch fragte sie mich gleich beim Eintreten, ob sie nur ntchr etwas Vorspielen sollte. Ich bat darum als Zeichen ihrer vollständigen Vergebung. Das Klavier befindet sich jetzt in einem anderen Zimmer. Sie spielte entzückend. Ihre Hände sind wunderbar zart und schmal. Uebrigens heißt sie Eva Terner und ist Waise.
Doktor! Machen Sie oben schleunigst einen Besuch! Unter vier Händen wird doch eine schöne Besitzerin seiiw
VII.
München, 24. 12. 00.
Lieber Doktor! Ich habe mich soeben mit Fräulein Eva Terner verlobt und bin unsagbar glücklich Meine Braut will durchaus ein paar Worte aufügen.
In alter Freundschaft
Schwarz.
Sehr geehrter Herr Doktor! Als altem Freunde meines Bräutigams reiche ich Ihnen die Hand. Ich hoffe, daß auch wir zwei gute Freundschaft halten werden. Willy hat mir von Ihrem Unglücke erzählt. Hören Sie einen guten Rat: Heiraten Sie doch Eine, entweder den Baß oder den Diskant. Der Diskant ist meist zarter besaitet.
Mit fröhlichem Gruße Ihre
Eva Terner.
VIII.
Telegramm — Kunstmaler Schwarz, München, Giselastr.
Viele herzliche Glückwünsche! — Heiraten unmöglich. Baß und Diskant zusammen gerade 120 Jahre. Ziehe am 1. Januar. Rose.,
Velhagen & Klasings Monatshefte.
Das Juniheft (Heft 10 des laufenden Jahrgangs) bringt einen sehr interessanten Aufsatz von Hanns von Zabeltitz: „Bauern-Töpfereien", der in Verbindung mit den zahlreichen kolorierten Abbildungen, die ihm beigegeben sind, uns ein sehr anschauliches Bild von diesem Kunstgewerbe in Vergangenheit und Gegenwart gewährt. Hier kann in der That die Kunst ins Volk getragen werden; alle Bestrebungen, auf dem Gebiete der Bauern-Töpfereien einem geläuterten Geschmack zur Herrschaft zu verhelfen, sind deshalb auf das freudigste zu begrüßen. Von anderen illustrierten Artikeln des Heftes seien noch „D as G e rm anisch e Mus eum" von Professor Heyck und „Pilsen a l s B i e r st a d t" erwähnt. Mit lebhaftem Interesse haben wir den Aufsatz „Hof- leben am Goldenen Horn" gelesen. Ein Eingeweihter oder wahrscheinlicher wohl eine Eingeweihte erzählt uns in ihm von den Geheimnissen des Harems. Jeder Sultan hat vier rechtmäßige Frauen (Kadinen), vier Jkbals (Odalisken und vier Gösdss (Favoritinnen). Stirbt eine Kadine, so avanciert eine Jkbal zu ihrem Range, an die Stelle einer ausscheidenden Jkbal tritt eine Gösdö. Die übrigen Frauen, die in der Zahl von etwa 1500 Köpfen den Harem füllen, sind entweder gekaufte Sklavinnen (Jssirs) oder junge Mädchen, die schon als Kinder von ihren Eltern dem Harem übergeben und in ihm erzogen werden (Beslemss). Da diese Bestelltes später an Beamte verheiratet werden, ist der Zudrang ein großer. Die Aufsicht über den ganzen Harem führen vier oder fünf sich im Range gleichstehende Palastdamen (Hasinedar Ustas). Der ganze komplizierte Organismus ist wohl der eigenartigste, den es in Europa giebt.
Scherzrätsel.
(Nachdruck verboten.)
Du siehst, ich lieg zu Füßen dir.
Doch fällt von selbst ein Teil aus mir, So bin ich dir erst recht bekannt, Denn so wird ja dein Freund genannt. (Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung der Geheimschrift in vor. Nur
Der Mensch bleibt immer Mensch, Was auch die Weisen sagen!
In jedem Alter wird des Staubes schwacher Sohn
Den Stempel einer Thorheit tragen. (Goethe.)
Redaktion: I. V,: N. Dittmann. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße».


