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fisch" reizte ihren Uebermut gar zu sehr. Sie führte ihn auf den Hof und kroch mit ihm in alle SLälke. Er mußte ihre Hunde streicheln, ihren Pony bewundern und ihre Lieblingskatze auf den Arm nehmen. Ja, sie ersparte ihm nicht den Hühnerstall und wollte sich totlachen, als ihm die Hühner gackernd auf den Kopf flogen. Er wurde allen Kühen und Kälbern vorgestellt und dann ging es in den Garten zu den Lieblingsplätzen und auf die Kegelbahn. Paul Lehmigke schien seiner Führerin nicht ungern zu folgen, und als man schließliche in zwei Wagen eine Spazierfahrt auf das Feld unternahm, zu einer weiteren Besichtige ung des Gutes, saß er neben Traute, die ihre beiden schwarzen Ponys mit sicherer Hand selbst kutschierte.
Tie Leipziger Gäste blieben zur Nacht in Brantikow, und nach dem Abendessen saß man noch lange bei offenen Glasthüren im Gartensaal und auf dem Balkon.
Ter alte Lehmigke hatte sich mit Herrn Kelten in das Innere zurückgezogen, wo beide eifrig rechneten und Grundbücher und Akten studierten, während Herr Sedel- maier sich an das Klavier gesetzt hatte Md sich mit allen modernen Opernmelodien ebenso vertrant zeigte wie mit Taschenspielerstückchen. Ter junge Lehmigke saß mit Hulde Und Traute auf dem Balkon. Im Tämmerdnnkel des herrlichen Spätsommeräbends taute er auf und wurde etwas! mitteilsamer. Auf das Befragen der jungen Mädchen erzählte er von Leipzig, vom Rosenthal und von Wasserfahrten nach Connewitz, von Leipziger Gose und Auerbachs Keller.
Der Lampenschein aus dem Saal fiel weit hinaus auf das Rasenrondell und wob einen zitternden, ungewissen Schein nm Trantens Scheitel, sodaß ihre Stirnlöckchen goldig flimmerten. Sie lag in prächtiger, kerngesunder Faulheit auf einem Klappstuhl ausgestreckt und dehnte die jungen Glieder behaglich in der lauen Nachtluft.
Schwarz und feierlich standen die alten Baumriesen im Park. Nur zuweilen ging ein leises Rauschen durch ihre Kronen. Paul Lehmigke war plötzlich verstummt, seineAugen hingen mit einem seltsamen Ausdruck an Trante.
(Fortsetzung folgt.)
Die Macht der Musik.
Humoreske von Ernst Adolf Herbst.
(Nachdruck verboten.)
I.
K ö n i g s b e r g i. Pr., 16. Oktober 00.
Lieber, kleiner Schwarz! Endlich komme ich dazu, Ihnen den versprochenen Brief aus meiner neuen Wohnung zu schreiben. — Der Umzug, dieses gräßliche Durcheinander mit Gepäckträgern, zerbrochenen Glassachen und unsagbar viel Trinkgeldern liegt hinter mir. Alles ist vorüber und glücklich! überstanden.
Ich war sehr froh, als ich mein neues Arbeitszimmer fertig eingerichtet hatte. Es schien mir alles das zu geben, was ich in meiner alten Wohnung so sehr vermißt hatte: Luft, Licht, Sonne und Fröhlichkeit. Alles aber war nur Blendwerk; denn hier giebt es etwas, was fürchterlicher ist, als sämtliche Mängel meiner alten Wohnung, was mir das Leben vergällt und mich sicher bald wieder Von dannen treiben wird.
Hören Sie!! Arbeitsfroh setzte ich mich ant ersten Tage an meinen Schreibtisch, den Kopf voll von brausenden Gedanken über eine geharnischte Abhandlung: „Die Kunst dem Volke!" Plötzlich höre ich Musik. — Gerade über meinem Kopfe ein Klavier!
Erst greift jemand eine Walzermelodie in die Diskanttasten, dann eine andere Hand die dazu gehörige Begleitung in den Baß, und dann donnern vier Hände im Walzertakt los.
Ich lege die Feder fort, stecke mir eine Beruhigungszigarette an und höre zu.
Die Melodie fällt angenehm leicht ins Ohr. Ich fühle, daß ich sie sofort genau in der Erinnerung sitzen habe.
Oben ist Ruhe eingetreten.--
„Die Kunst dem Volke!" so verkünden flammende Lettern den Beginn meines Arfikels. Da — Himmel, Herrgott! — geht es oben ivieder los. Wieder derselbe Walzer!
Lieber Kleiner! Dieser Walzer ist wie eine fürchterliche Furie. Unentrinnbar bricht er plötzlich über meine
Gedanken her und zerstreut sie in alle Winde. Mindestens zwanzig Male am Tage dudeln sie oben dieselbe Melodie. Erst der Diskant, dann der Baß und endlich vier Hände! Dabei im Rythmus nie eine Einigung zwischen den beiden Stimmen!
„Die Kamst dem Volke!" — mein Gehirn degeneriert, Stumpfsinn umhüllt mein Denken! Wenn das da oben die Kunst ist, dann will ich einen Artikel schreiben; „Die Kunst, ein neues Hinrichtungs-Instrument!" — Soeben geht es wieder los. Die Baßnoten fallen wie Kenlen- schläge auf mein Haupt, das Quietschen des Diskants kriecht spinnenartig über meine Nerven. Gleich kommt im Basse eine falsche Stelle. — Richtig! Wieder daneben gegriffen.
Das Schlimmste aber ist, daß diese verdammte Walzer- melodie sich fest in meinem Hirne eingenistet hat. Wenn nach zehn Uhr abends eine gütige Hausordnung das Klavierpauken verbietet — ich finde doch keine Rühe. Es ist dann, als ob die finstere Gewalt da droben weiter wirkt und mich zwingt, den gräßlichen Walzer leise vor mich hin zu summen.
Lieber Schwarz! Ich brauche Ihren Rat. Ich weiß, Sie sind ein schlauer Kopf, erfahren in allen Ränken des Lebens. Sagen Sie mir, wie ich das Ungetüm bändigen soll!
Ein Abwehrmittel habe ich schon — leider ohne Erfolg — angewandt. Ich kaufte mir zwei Topfdeckel, stieg auf eine Leiter und schlug, dicht unter der Decke, wie rasend das Blech gegeneinander. Die Wütenden ließen sich nicht stören. Mir aber nahm der Lärm den Rest meines einst so herrlichen Verstandes.
Raten Sie mir, lieber Schwarz, aber umgehend! Die Welt verliert die herrlichsten Werke. Ich grüße "" mein liebes München sehr.
Ihr
II.
Mün ch en, 20.
Lieber Doktor! Ihr Brief traf mich in meinem neuen Atelier; denn ich bin wieder einmal umgezogen. Ich habe herzlich lachen müssen über die sonderbare Duplizität der Fälle. Auch ich werde von einem Klaviere gemartert. Doch einige Unterschiede: Erstens — spielt es unter mir; zweitens — nur Liszt; drittens — zweihändig ; viertens — ich kämpfe und hoffe auf Sieg.
Sie würden in all Ihrer Bedrängnis lachen, Doktor, wenn Sie jetzt gleich einen Blick in mein Atelier werfen könnten.
Mitten im Raume steht ein Tisch; darauf ein Stuhl; meine alte Staffelei, an der ich einen langen Strick befestigt habe, liegt auf .beut Fußboden; daneben sonnen sich meine schwere Hanteln. Ich selbst habe mein Tiroler Touristengewand an, die eisenbeschlagenen Bergstiefeln an den Füßen. Das schwere Geschütz ist aufgefahren; die Schlacht kann beginnen. Sobald sie nämlich unten mit ihrem Liszt beginnt, klettere ich auf den Stuhl, erfasse den Strick zur Stasfelei und lasse diese nun rythmisch auf dem Fußboden tanzen. Doktor! Das ist ein famoses Geklapper. Ein Skelett könnte es auch nicht besser machen.
Wenn das aber nicht hilft, so beginne ich, gerade über dem Kopfe der Spielerin, zu schuhplatteln — immer mit nägelbeschlagenen Bergschuhen. Es tanzt sich auch nach Lisztscher Musik ganz ausgezeichnet. Das Getrampel verschafft mir fast stets den Sieg. Unten wird es still. Der Gegner hat das Feld geräumt. — Aber immer wieder schöpft er neuen Mut, und spätestens nach einer halben Stunde hat der Kampf wieder begonnen.
Ich bewundere die Energie der Spielerin. Sie muß Nerven von Eisendraht haben.
Einmal glaubte sie mich mit chromatischen, Tonleitern über den Haufen rennen zu können. Weit, gefehlt! Ich ließ als schwerstes Geschütz meine zehnpfündigen Hanteln ins Gefecht eingreifen. Ich rollte sie über den Boden und sprang mit meinen Bergschuhen immer hmter- her. Das muß sich unten furchtbar angehört haben; denn ich hatte einen ganzen Vormittag lang Ruhe.
Das arme Ding thut mir fast leid; aber fie zollte eben nicht den ganzen Tag über Liszt spielen oder wenigstens das Klavier in ein anderes Zimmer bringen Iaf?eeteftent habe ich sie auf der Treppe getroffen. Ich
jöte ur
Rose.
10. 00.


