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Jetzt war Velten eine andere große Hypothek gekündigt, die er nicht wieder aufzutreiben vermochte. Um sein Kapital zu retten, wollte Lehmigke das Gut übernehmen, das sonst unter den Hammer gekommen wäre, und seine Hypothek sollte auf das Haus übertragen werden, das Velten als Tauschobjekt erhielt mit einem ganz kleinen Rest von Baranzahlung.
Ter dritte Herr in der Fensterecke war ein Agent, den Lehmigke mitgebracht hatte, und um die Höhe der Baranzahlung drehte sich soeben das Gespräch. Velten wollte gern das doppelte haben von dem, was ihm geboten wurde, doch Lehmigke und Sedelmaier, der Agent, machten ihm klar, welch ein glänzendes Geschäft es für ihn sei, wenn er die Hälfte bekäme .
Sie erörterten dabei mit der Schonungslosigkeit, die den Geschäftsmann kennzeichnet, seine Lage und weil er sich ihrer Routine und Rücksichtslosigkeit nicht gewachsen fühlte, biß er ingrimmig schweigsam in seine Schnurr- bartzipfel.
In diesem Augenblick traten Hulde und Traute ein, und weil mit ihnen durch die geöffnete Thür ein Strom von Sonnenlicht drang, wurde das ganze, von außenstehenden Bäumen beschattete Gemach hell.
„Ei, mein bester Herr", rief der alte Lehmigke, über das ganze breite, rote Gesicht schmunzelnd, „noch ein Fräulein Tochter? Wie viel solche Töchter haben Sie denn noch?" Und er ging mit einer gewissen tänzelnden Grandezza Traute entgegen, ihr die Hand zu bieten zum Gruß, während sein Sohn Paul eine schweigende, nur sehr kleine Verbeugung machte.
„9citr diese beiden", entgegnete Velten zerstreut, indem er seine jüngste Tochter formell vorstellte.
„Hören Sie, mit zwei solchen Töchtern sollte Ihnen doch nicht bange werden", flüsterte Lehniigke mit seiner fetten, quäkenden Stimme laut genug, daß 'alle int Zimmer es hören konnten. „Mit solchen Töchtern macht man heutzutage ein besseres Geschäft als mit verschuldeten Rittergütern!"
Frau Velten auf dem Sofa zuckte erschrocken zusammen, als habe ihr jemand einen Schlag gegeben und blickte peinlich' verlegen erst auf den Gatten und dann auf ihre Töchter.
Tie beiden Mädchen waren glühendrot geworden, aber in Trauteus dunklen Äugen blitzte der Uebermut.
Velten richtete sich auf. Er sah in diesem Augenblicke sehr würdig und liebenswürdig aus- als er mit einem seinen Lächeln sagte: „Dazu sind uns unsere Kinder zu gut. Aber sag mal, liebe Frau, ist das Mittagessen noch nicht fertig?" wandte er fich an seine Frau, indem die nervöse Falte sich zwischen den Augen vertiefte.
„Wir wollten eben zu Tisch rufen", erwiderten seine Töchter.
Der Aufruf ins Eßzimmer erfolgte. Herr Lehmigke folgte dem Impuls seines Gefühls und nicht den Regeln oer Etikette, indem er :d-er bübschen blonden Hulde den Arm reichte und es Herrn Sedelmaier überließ, die Hausfrau und Mutter zu führen. Als sein Sohn Paul, der Traute wortlos angeblickt hatte, mit dieser Kavalierspflicht ihr gegenüber zögerte, gab er ihm einen kräftigen Stoß im Vorübergehen und lebhaft mit den Augen blinzelnd, rief er im gequetschten Flüsterton: „Aber Paulchen! nicht so bange!"
Hulde und Traute sahen sich an, Hulde wurde ganz blaurot im Gesicht vor unterdrücktem Lachen, aber Traute mißglückte die Selbstbeherrschung und sie quiekte leise, um endlich herauszuplatzen.
Ter junge Herr Lehmigke nahm indessen diese Heiterkeit nicht übel, er blickte mit einem herzlichen Wohlwollen und etwas wie ehrlichem Staunen aus die beiden großen Kinder Und schien besonders von Traute nicht den Blick wenden zu können.
Tas Mittagessen verlief heiter. Der alte Lehmigke ließ das Geschäft ruhen und widmete sich mit sichtlichem Behagen den Tafelfreuden und der Aufmerksamkeit gegen die Töchter des Hauses. Er lobte alles und sagte der Hausfrau eine Schmeichelei no»ch der anderen. Der stattliche Echaal mit seinem altväterisch vornehmen Hausrat, mit seinen weitgeöffneten Glasthüren, die einen Blick in den bereits herbstlich gefärbten Park gestatteten, die mit Silber |uni) Kry st all hübsch geschmückte Tafel, die Aufwartung eines alten, grauköpfigen T-teners in einfacher dunkler Livree
und die Liebenswürdigkeit, mit der die Hausfrau die Honneurs machte, — dieses ganze Ensemble eines ver-, feinerten, harmonischen Familienlebens in bevorzugter Lebensstellung — verfehlte seine Wirkung nicht auf den alten Spritfabrikanten, der klug genug war ,zu wissen, daß er sich diese höhere Kultur der Erziehung nicht mit seinem Geld erkaufen konnte, aber nichts brennender wünschte, als seinen Sohn einmal in ähnlicher Stellung zu sehen.
Er hatte stets ein suhlendes Herz für das weibliche Geschlecht g'ehabt, aber diese beiden Töchter des Hauses versetzten ihn geradezu in Ekstase. Ihre bloße Gegenwart gab seinem Wesen einen höheren Schwung, denn trotz allen materiellen Geschäftssinns, trotz allen Krämergeistes und aller Leidenschaft für Zahlen und Pfennigsucherei, — den Frauen gegenüber war er ein Schwärmer und weich wie Butter in der Sottnennähe eines schönen Kindes.
Das war es ja gerade, was er für feinen Sohn wünschte und ersehnte, ein Mädchen wie Traute, so jung, so kernig gesund und frisch wie ein Apfel, fo mollig und fidel und dabei doch wie eine große Dame, mit jenem Wesen, wie es ihm stets so unbeschreiblich imponierte, wenn er es auch nicht definieren konnte.
Er vergaß ganz die Nichtachtung für den verschuldeten Gutsbesitzer, mit der er hergekommen war, und wurde fast sentimental in seiner Bewunderung für alles, was ihn umgab.
Diese Huldigung verfehlte nicht ganz ihre Wirkung auf seine Wirte, Herrn und Frau Velten, die für den Weihrauch der Bewunderung durchaus nicht unempfänglich waren "und ihn wie einen Heuten Trost in ihrer sorgenvollen Lage empfanden.
Trautens Uebermut wuchs mit den Huldigungen der Gäste, ÜB er die sie sich ganz ungeheuer amüsierte. Während Hulde zurückhaltender blieb, unterhielt sie alle drei Herrett zu gleicher Zeit.
Sie sprach von ihren Hunden und Pferden, von ihrenl Lieblingshühnern und Gänsen, sie erzählte Anekdoten aus dem Pferde- und Gänsestall, die förmlichen Jubel bei ihren Zuhörern erregten, und schilderte das Landleben von einer sehr amüsanten Seite. Sie renommierte ein bischen und schnitt auf, besonders dem alten Lehmigke machte sie allerlei .weiß und ließ sich von ihm necken. Ihr Nachbar, Paul Lehmigke, hörte meist schweigend zu, aber ein heiteres/ wohlgefälliges Lächeln verklärte ihn förmlich.
Herr Sedelmaier, der etwas schäbig aussah und äbge- nttigert war, entfaltete einen riesengroßen Appetit und teilte seine Begeisterung zwischen Traute und der Schüssel mit saftigen jungen Rebhühnern und dem guten Rotwein. Gegen Ende der Tafel, nachdem er einen soliden Grund gelegt hatte, wurde er ungeheuer redselig, er erzählte eine Anekdote nach. der andern, die sämtlich neu waren, und außerdem gab er mit Flaschenpfropfen, Messern und Gabeln, einem Geldstück und einem Stück Bindfaden Daschen- spielerÄmststücke znm besten, die fast auf eine Blutsverwandtschaft mit Bosko schließen ließen.
Nach aufgehobener Tafel trat man in sehr aufgeräumter Stimmung auf den großen, steinernen Balkon hinaus/ dessen Freitreppe, in den Park führte.
Der alte Lehmigke sagte eben Traute zum dritten Mal „gesegnete Mahlzeit" und hielt immer noch ihre Hand fest. „Wie Milch und Blut! tote Milch und Blut!" schwärmte er sie an. „Sagen Sie, mein schönes, bestes Fräulein, Sie waschen sich wohl immer mit Milch?"
Traute lachte. „Mit Sahne, Herr Lehmigke."
„Thun Sie mir die Liebe", flehte Lehmigke in weichen Tönen, „holen Sie Ihren Pony aus dem Stall, von dem Sie uns fo schön erzählt haben, und reiten Sie mal uns hier was vor. So um das Rasenvondell herum — das wäre zu schön!"
Tas war zu viel für Traute. Sie machte sich hastig los und lehnte energisch ab.
„Quelle impertiuenee!" flüsterte sie Hulde zu.
„Preuez garde avee ces gens la!" flüsterte diese zurück.
„Na, Paul, und Tu sagst gar nichts?" wandte sich Papa Lehmigke au den Sohn, der ruhig seine Cigarre rauchend, an dem Balkongeländer lehnte. „Wenn ich Yente ein junger Mann wäre wie Tu, ich würde nicht so dastehen wie ein Stockfisch!"
Ter Sohn erwiderte nichts, aber als Hulde und Traute jetzt in den Garten Hinunterliesen, ging er ihnen nach.
lind Traute vergaß das kleine SturÄad. denn der „Stock-


