Mittwoch den 4. Juni.
Nr. 82.
1902.
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rei Dinge machen dm Mann: weiser Rat, festes Wort und
Sprichwort.
saubere Finger.
(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
Erstes Kapitel.
„Hör' mal, Tante, das ist stark!"
„Was ist denn los?"
„Tu schmökerst hier in aller Gemütsruhe Deine Rommee Und wir quälen uns unten mit diesen entsetzlichen Menschen!"
„Ja, warum quält Ihr Erich denn?"
„Du weißt doch, wie wichtig die Sache ist, wie dringend Papa wünscht, daß der alte Lehmigke auf das Geschäft eingeht. Wir müssen ihm alles im besten Lichte prüfen- iictcn."
„Aber .Halbe, Du sprichst ja wie ein alter Schacher- jude. Das ist nichts fiir mich anständigen Christenmenschen. .
Halde seufzte laut und vernehmlich. „Du hast recht. Es ist gräulich. Der arme Papa! mit solchen Leuten verhandeln zu müssen! Aberkomm nur, der alte Schirapsfabrikant wird Dir Spaß machen. Und sein Sohn Paulchen ist ein herrliches Exemplar von einem Kavalier. Und dazu der Agent! Ich . sage Dir, Du hast noch nie etwas Aehnliches erlebt!"
Tränkens Buch, flog in eine Fensterecke und sie selbst sprang wie elektrisiert aus dem tiefen Lehnsessel, in dem sie behaglich zusammengekauert gelegen.
„Ich komme gleich, Hulde. Aber warte, M). will mich schön machen. Ha, ha, ha! ich muß ein bischen Spaß mit diesen Schnapsrittern haben!"
Sie lief nach dem Spiegel in dem behaglich ausge- ■ takteten Mädchenstübchen, das trotz altmodischer Einfache seit eine gewisse Vornehmheit des Stils zeigte, und ordnete hr prächtiges dunkelblondes Haar. In einer Minute riß ie ihre Kleider herunter, holte ein helles, allerliebstes Kostiim aus einem großen Schrank, der mit seinem Schnitzwerk und eingelegten Thüren noch aus Urgroßvaters Zeiten stammen mochte, und hüllte hastig die schönen, jungenGlieder in die kleidsame Toilette. Ein paar frische purpurrote Rosen, aus einer Vase genommen und in die Halsschleife gesteckt, vervollständigten den Anzug.
„Komm nur", rief Hulde ungeduldig, „Tu bist schön genug für Baulchen."
Tie Schwestern sprangen zusammen die gewundene, eichengeschnitzte Treppe hinunter, mit kindlich lachendem Uebermut. Sie glichen großen Kindern mit ihren runden.
weichen Zügen, den frischen, rosigen Wangen und dem hellen, sorgenlosen Lachen der Augen, die noch nie eine Thränenspur getrübt zu haben schien. Hulde, die ältere, neunzehnjährige, ein wenig kleiner, zarter und blonder als Traute,, zeigte bereits die Reife der Mädchenjahre in ihrer anmutig geformten Gestalt, während Traute mit ihren achtzehn Jahren, mit der schwellenden Kraft ihrer gesundheitsstrotzenden Glieder noch einen letzten Rest vom unausi- geformten Backfisch an sich hatte.
Unten im Salon der Mama war eine sehr ernsthafte Gesellschaft beisammen.
Fran Velten, geborene von Lodenstein, die Hausfrau, eine Dame in den' Fünfzigern, saß mit etwas gezwungen freundlichem Lächeln auf dem Sofa, unter dem in Oel gemalten Porträt eines alten Herrn in Generalsuniform mit vielen Orden, und bemühte sich, einen jungen Mann zu unterhalten, der ihr die Arbeit ziemlich schwer zu machen schien. Sie erzählte ihm soeben mit gewinnender Liebenswürdigkeit von den Reizen des Landlebens, aber er sah wortlos vor sich nieder. Er mochte siebenundzwanzig Jahre alt sein und war mittelgroß und kräftig gebaut. Seine ganze Erscheinung war di eines gesunden, kräftigen Mannes, dem ernste Arbeit früh den Stempel der Reife aufgedrückt hat. Er war großstädtisch, doch ohne viel Rücksicht auf das Acußere gekleidet, er hatte nichts von einem Kavalier, doch alles von einem Arbeitsmenschen an sich.
In einer Fensterecke standen drei Männer beisammen. Der Rittergutsbesitzer Belten, der Hausherr, ein großer, stattlicher Herr, dem man auf den ersten Blick den Preußen, den Landmann .und den gewesenen Offizier ansah, mit gesenktem Kopf und sehr nachdenklich seinen graublondeu Schnurrbart streichend, lauschte den beiden anderen Herren, die eifrig auf ihn einsprachen.
Der eine, klein und ungeheuer korpulent, war der Besitzer einer Spritfabrik in Leipzig, Herr Lehmigke, wie man sagte, ein Millionär. Er war gekommen, um ein Tausch? ge'schäft mit dem Rittergutsbesitzer Velten zu machen. Er wünschte dessen Gut Brantikow, in der Mark gelegen, für seinen Sohn Paul zu erwerben gegen ein großes Mietsß haus in Leipzig, das Velten übernehmen wollte.
Velten war in der Lage, das ererbte Familiengut Brantikow nicht länger halten zu können. Er war ein Landwirt vom alten Schlage, der sein Metier nür kavaliermäßig betrieben hatte. Tie neue Zeit mit ihren Anforderungen an Tüchtigkeit und Intelligenz wuchs ihm über den Kopf, seine Verhältnisse gingen von Jahr zu Jahr rückwärts. Einer Zeitströmung folgend, glaubte er sich zu verbessern, indem er die Landwirtschaft aufgab und Besitzer eines jener großen, städtischen Mietshäuser wurde, die man gerade als sehr einträglich rühmte. Ein Bekannter von ihm hatte auf diese Weise ein sehr gutes Geschäft gemacht.
Und so bitter schwer es ihm wurde, dem Tauschgeschäft lag ein Zwang zu Grunde. Der alte Lehmjann hatte eure letzte. Hypothek auf Brantikow zu stehen.


