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RaritätenfSlschung.
Eine Mahnung zur Vorsicht für alle, die sammeln. Von Karl Rudolfi.
Nachdruck verboten.
In einer, seinerzeit viel belachten, heute aber fast vergessenen Lokalposse, tritt als eine der komischsten Figuren ein alter Winkelantiguar auf, der im Besitze der seltsamsten Raritäten ist. Eine alte verrostete Haarnadel, Sie er einem Sammler als die berühmte „Nadel der Kleopatra" anempfiehlt, der Trinkbecher, den Diogenes wegwarf, als er einen Knaben aus der hohlen Hand trinken fah, und das Feuerzeug des Prometheus, find nur einige feiner unschätzbaren Raritäten, für die er schließlich doch einen gutgläubigen Käufer findet.
Trotz der dem Zwecke der Posse entsprechenden Ueber- treibungen steckt in den dargestellten Gestalten ein großes Stück Wahrheit; denn im Handel mit Kunstsachen aus früherer Zeit, und überhaupt mit allen denjenigen Gegenständen, welche selten sind, blüht heute die Fälschung in einer Weise, wie es nie zuvor dagewesen ist. Der Briefmarken sammelnde Schüler, der um billiges Geld seine Markenschätze zusammenbringt, wird in seinem Album gewiß nicht minder Falsifikate besitzen, wie der Philatelist, der seiner Liebhaberei mit beträchtlichen Mitteln fröhnt, und auf seine Sachkenntnis vielleicht sehr stolz, ist. Die meisten, die vor einer Reihe von Jahren echte Tanagra- sigureu fast mit Gold aufwogen, sind inzwischen zu der Erkenntnis gekommen, daß sie eine Nachahmung besitzen, und sie können sich damit trösten, daß auch die Berliner Museen um schweres Geld in den 70er Jahren eine Sammlung moabitischer Altertümer erwarben, die ganz und gar neuen Ursprungs waren. Ebenso üppig gedeiht die Nachahmung alter Drucke, Handschriften, Inkunabeln, alter Stiche und Oelgemälde, alter Broncen, Elfenbeinschnitzereien, Prunkgefäße, Gemmen, Kameen, Münzen und Medaillen, alter Möbel und kostbarer Stoffe, Waffen, Uhren, Goldschmiedearbeiten und aller andern Tinge, welche, ivenn sie echt, schon wegen ihres Alters zumeist selten find, und deswegen hoch bezahlt werden.
Wollte man über die einzelnen Arten der Fälschung sich eingehender äußern, so müßte man dicke Bücher schreiben, von der Art der höchst lesenswerten Broschüre, welche Professor Hanns Groß in Czernowitz vor kurzem veröffentlicht hat, und in welcher er mitteilt, daß allein der mit alten Bildern verübte Betrug jedes Jahr die Käufer und Sammler um Millionen schädigt. Sicher ist aber das eine, daß der bescheidene Kunstliebhaber, der einmal einige hundert Mark in einer Antiquität anlegen will, ebenso Gefahr läuft, fürchterlich betrogen zu werden, wie der vielfache Millionär und Milliardär, welcher oft Hunderttausende für einen einzigen, gar nicht einmal umfangreichen, alten Kunstgegenstand ausgiebt, oder löte öffentliche Sammlungen, von denen, um ein Beispiel zu nennen, das berühmte Louvremuseum in Paris den gefälschten goldenen Helm des Saitaphernes, eines skytischen Königs aus der vorchristlichen Zeit Südrußlands mit 200 000 Francs bezahlte.
Daß der Antiquitätenmarkt von Fälschungen geradezu wimmelt, beruht auf verschiedenen Gründen. Erstens ist der Vorrat an wirklich echten Sachen nun doch einmal ein beschränkter. Während man noch vor 30 bis 50 Jahren gute Stücke oft durch Zufall in vielen alten Schlössern und auch in Bürgerfamilien aufstöbern, und ihren nicht sachverständigen Besitzern um den 10., 20. und noch geringeren Teil des Preises abjagen konnte, den sie heute kosten, ist jetzt von reisenden Händlern und deren Agenten jeder Ort von Spanien bis tief nach Rußland hinein, und von Schweden bis zur Südspitze Italiens durchstöbert, und die Zufuhren auf den Kunstmarkt versiegen. Tie^Nachfrage ist dagegen auf das vielfache der früheren gestiegen. Jede mittlere Provinzialstadt besitzt heute ihr Museum, welches mit allen verfügbaren und manchmal recht bedeutenden Mitteln Antiquitäten in ihren Räumen aufhäuft, in denen sie selbstverständlich für alle Zeit festgelegt bleiben. Mit dem bedeutenden Steigen des Wohlstandes seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, hat sich auch der Kreis der Privaten außerordentlich erweitert, die entweder aus reiner Freude am Schönen oder um fictji dadurch vor ihren Bekannten ein Relief zu geben, Altfachen kaufen. Nngemessene Mengen davon nimmt be
sonders Amerika auf, welches wegen seiner geschichtlichen Entwickelung natürlich Gegenstände eigener Provenienz nicht besitzt und die Hauptschuld am Treiben der Preise trägt. Außerdem geht auch ein nicht geringer Prozentsatz von Antiquitäten, als unersetzlicher Verlust, alljährlich durch Brand, ungeschickte und unverständige Behandlung zu Grunde. Hierzu kotnmt uoch, daß zahllose auf Treu und Glauben kaufende Private von den begehrten Gegenständen nichts verstehen, während die Kunstfertigkeit der Fälscher durch die Behelfe, welche die technischen Wissenschaften und besonders die Chemie zum Zwecke des Altmachens neuer Produkte bieten, und durch die in öffentlichen Sammlungen zu Studienzwecken bereitstehenden echten Vorbilder, nach denen sie sich richten können, die höchste Ausbildung erfahren hat.
Aus diesen Gründen sind die Preise zu einer unglaublichen, schwindelerregenden Höhe gestiegen. Daß auf einer im Herbst 1901 in Berlin ab gehaltenen Versteigerung eines durch seine strenge Reellität jedem Sammler bekannten Berliner Auktionshauses eine Statue der büßenden Magdalena mit mehr als 10 000 Mark, Rheinische Krüge mit 3000 bis 4000 Mark und Schweizer und Gotische Glasscheiben ebenfalls mit vielen 1000 Mark bezahlt wurden, kann nur beim Nichtkenner Staunen erregen. Wenn aber ein Reliquienschrein mit mehreren 100 000 Mark abgeht, wenn 10 alte Florentiner Bilder, die vor 25 Jahren utn 70 000 Lire nicht Käufer fanden, vor kurzem mit 700 000 Mark bezahlt wurden, wenn ein geradezu verwüsteter Dürer um 130 000 Mark verkauft wurde, und eine Madonna von Botticelli aus dem Besitze des Fürsten Chigi an einen Antiquar um mehr als 300 000 Lire abgelasseu wurde, um von diesem für 500 000 Lire sofort nach Amerika weiterveräußert zu werden, begreift inan, daß der Reiz, solche Sachen uachzumachen, ein ungeheurer sein muß^ und da der betrogene Private ebenso wie der angeführte Händler über den an ihnen verübten Betrug meistens schweigen, um neben Schaden nicht auch; noch Spott zu ernten, oder ihren Ruf als Sachverständige zu gefähreu, so blüht die Imitation lustig fort, ganz gleich, ob es sich um eine ter seltenen Briefmarken von Mauritius oder um einen Hirschvogelkrug oder um die Gemälde eines alten deutschen, italienischen oder niederländischen Meisters handelt.
Bei manchen Gegenständen ist es allerdings schwer, von einer Fälschung zu reden, so wird z. B. niemanbj eine solche behaupten können, wenn die berühmte Königl. Sächsische Porzellanfabrik Meißen ihr mit blau und gold bemaltes Vieux Saxe-Geschirr, und die noch höher geschätzten Porzellanpuppen noch immer nach den Modellen des 18. Jahrhundert weiterfabriziert und bemalt. Menn dann aber vom Händler die Figur mit Absicht verletzt oder angeschliffen ttnd neuerlich repariert wird, um ihr ein Ansehen zu geben, als ob sie mindestens 150 Jahre auf dem Rücken, und dementsprechend mindestens den fünffachen Wert ihres eigentlichen Preises hätte, so wird man über die juristische Qualifikation dieses Thuns kaum im Zweifel fei» können.
Um fein Haar anders steht es mit den Verschönerungen und Ansflickuiigen wirklich echter, aber einfacher oder beschädigter Antiquitäten. Da wird zu einer Saufeder (Saufänger) von origineller ober seltener Form, deren Holz- stange zertrümmert wurde, die Stange einer andern ebenfalls echten, aber minderwertigen genommen; eine zweifellos echte Rüstung, ein Helm, ein Schwert, eine Partisane, und andere echte Waffen, welche glatt sind und deshalb zur Dutzendware gehören, werden kunstgerecht geätzt nnd erhalten dadurch einen vielfach höheren Wert. Aus einer einfachen, 200 Jahre alten Küchentrnhe wird durch Aubriuguug von Schnitzerei eine kostbare Nürnberger Sitz- truhe über eine Renaissancetruhe; ein alter, recht ordinärer Speiseschrank wird auf dieselbe Weise zu einem gotischen Ciborium; oder man baut aus zwei ober brei defekten Möbelstücken ein viertes, aber vollständiges zusammen, flickt Teile von gemalten Hochzeitsscheibcn aneinander, und macht überhaupt aus einem unansehnlichen echten Gegenstand durch Reparatur mit echtem Material einen solchen von bestechender Schönheit.
Weit schwerer ist es natürlich, eine Antiquität gänzliH neu herzustellen; denn der Fälscher muß ein Material' dazu haben, das jenem einer fern liegenden Vergangenheit möglichst genau entspricht, er muß ein großes Kunst-,


