Ausgabe 
4.4.1902
 
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Na, wenn man solche Briese bekommt, da! muß man doch gesund werden, nicht wahr?"

Ter Bauer, der zu Hause war, begleitete Tobias aus der Thür.So'u Dager drei mag er's noch machen, seggt de Doktor, denn geiht he ut as'n Licht. Moorowark in so'n Hütt'. Wi hebbtt beter."

Jo", sagte Tobias,wi hebbt 't beter."

Er dachte an Jan Jürgens, der in vier Jahren baum­stark und nichtsnutzig wie je aus der Strafanstalt hervor­gehen würde, ein Schrecken für alle ruhigen, rechtschaffenen Menschen. Wenn dessen Arbeitskraft wenigstens in solcher Pesthöhle Verwendung fände, daß er sein verfallenes Leben hingeben müßte für das eines braven Familienvaters, wie hier einem vorzeitigen Tode entgegensiechte!

Er wandte sich imb ging zur Stadt zurück. Die Ge­danken waren ihm nicht klarer geworden und das Herz nicht leichter.

Als er in seine Kammer trat, horte er nebenan laut sprechen. Dort, nur durch eine dünne Bretterwand von ihrem Landsmann geschieden, wohnte Mutter Marinka mit ihrer Tochter.

Tobias horchte.

Geh", sagte Ebba mit seltsam schneidender Stimme, das muß sein. Siehst Du nicht, wie das Blut aus meinen Händen fließt. Ich vermoort», was ich lieb hab'. Ich bin wie die roten Beeren im Wald. Wer davon ißt, muß sterben--Du sollst nicht sterben. Geh" Und auf

einmal schrie sie herzzerreißend auf.Wilm! Wilm!"

Er gab ihr hundert zärtliche Namen. Er versuchte sie zufrieden zu sprechen.

Wien lütt Mövtje! Komm, komm, sei klug. Warum bist Du nur so bang? Jan Jürgens sitzt ja fest. Der stört uns nicht. Bier und ein halbes Jahr lang sitzt er fest. Tas ist eine lange Zeit, nicht? Und nachher Nachher, hat er uns vergessen. Natürlich! Vielleicht macht er auch übers Wasser. Wir wünschen ihm glückliche Reise. Ja, ich werd' ihm sogar auf den Weg helfen, damit Du nur Frieden kriegst, mien Muusche. Kam' Jan Jürgens mir aber doch in die Qnere, ei nun! Wir haben uns schon einmal gerungen, und ich wars nicht, der unten zu liegen kam. Hab' ich erst so'n lüttche liebe Frau zu .Haus, wehr' ich mich meiner Haut! Vier Jahr', vier lauge Fahr', mien Deern! Un unser alter Herrgott lebt ja wohl auch noch."

Ja", sagte Ebbba,nu darf ich Dich lieb haben. Nu thu' ich Dir damit nich zu nah. O, Wilm, mien feilte Schatz! Du weißt nich, weißt nich, wie viel ich geweint hab! Still! Nun ist es gut ganz gut. Vergessen mein Wilm! Laß mich Dich halten! Laß mich Deine Augen küssen. Mien Jong! Mien eenzige Jong! Nun werd' ich froh werden wie eine Lerche! Mir ist so leicht! so leicht! Wir müssen tanzen tanzen--Was war's doch mit

dem Tanzen?" Und plötzlich ein schriller, verzweifelter Aufschrei.

Ebba! Ebba!"

t is dohn niet di, Wilm! Siehst nich, wie er glotzt! Wie ihm die Augen glühen! Siehst nich, wie er seine Axt aushebt--Ich will Dir sagen: Jan Jürgens ist der

Teufel. Der Teufel Asmodi!--Was er will, thut

er. Sie können ihm nicht wehren, nicht das Schwurgericht und wir nicht.--Wir müssen zu Bett gehen Moder

zu Bett. Wat lauerst noch? Das Glück ist tot. Der Rahm is ab vom Leben. Nun bleibt nichts als weinen weinen weinen!--"

Laß sie zufrieden", sagte Mutter Marinka zu Wilm. Du machst es schlimmer. Dar is keen Salbe mihr an- tostrrken. De Deern hett keen Glück. Wat help't dargegen ansparteln?" d b

D, Moder Marinka!"

Ja, Du kannst es wohl machen. Du sitzest in der Molle. Ick hebb ook vör gewiß dacht: as Jan Jürgens fiert -^eel mau ierst afkregeu harr, würr mien Ebba weddev torecht kamen un as Fru von 'n riken Koopmann kunn set AE uthvllen. _ Ick weet jo, Du meenst't redlik mit mien

Wer sie haben ja den dreihaarigen Schelm mit Handschuhen angefaßt! Un nu wird fe wohl so'n arme Twaskopp bleiben. Wi mutt nüms vorutdenken.t kamt all anners."

Tann ging eine Thür. Zögernde, schwere Schritte ver­loren sich die Treppe hinab. In Mutter Marinkas Zimmer ward's ganZ still. Nur das herzbrechende Schluchzen des Mädchens ritz nicht ab.

Tobias Breeden hob ingrimmig die Hände zum Himmek. Un dit ook noch! Dit ook! Herrgott, ick verstah dien Welt mch mchr!"

Am nächsten Morgen war er zeitig auf den Füßen. Seine Augen glänzten, seine Bewegungen hatten die alte Spannkraft. Jedem seiner Landsleute bot er die Hand. Nur von dem Pastor verabschiedete er sich nicht.Den sek,' ich noch," '

Mutter Marinka tröstete er.Laut Se't fiert, Nah- oersch. Ihr Ebba soll ihr' roten Backen wieder kriegen. Unser Herrgott will nich, daß so'n Bube von Keerl ihm fierte Welt verwüstet."

Wer die Frau meinte.Jo, dat seggt he woll, un Wilm Jansen, der nu en riken Keerl is, hett uns'n Doktor up'n Hals geschickt. De will de Deern in 'n Krankenhuus stoppen. He rneent, se kunn da Webber to Verstand kamen. Un denn will Wilm se frijen. Wat de Lüe sick all tosam denkt!"

Sie wird zu Verstand kommen", versicherte Tobias. Und ich Helf ihr dazu."

Woso denn? Womit denn?" fragte die Frau, die Augen! weit aufreißend.

Aber Tobias wehrte ihr.Snaken könn' wi all, man dohu is'n Ding."

Er ging allein in die Stadt und kaufte verschiedenes ein. Dann ließ er sich beim Gefängnisbirektor melden und verlangte Jan Jürgens zu sprechen.

Tem Bruder des Gemordeten wurde die Erlaubnis nicht verweigert. Ein Beamter führte, ihn in die Zelle und blieb mit dem Wärter zugegen. Zehn Minuten sollte die Unterredung dauern.

Ich brauch' nich so viel", versicherte Tobias.

Jan Jürgens fuhr bei seinem Eintritt übellaunig vom Sitz.

Tobias Breeden! Oll Mann, heft dien Will kregen: wat wuttst nu noch?"

Hebb ick mien Will kregen?"

Bier Jahre, fünf Monate! Langt's Dir noch nich? Wolltest mich lieber auf'm Block sehen? Moje Trigen! Moje Landslüe beut Ji! Aber ich werd's Euch gedenken! Tövt man! Ich sitz' hier nich vier Jahre, darauf könnt Ihr Euch begraben lassen! Ick weet, toot matt ward, un denn"

Jan Jürgens, toeetft Du, bat Ebba unklook wor'n is vör Schrick un Angst över Di?"

Jan zuckte bie Achseln.Se wull't jo nich beter hebben. Dwatsche Deern!" Dann wandte er sich ab und begann einen Marsch zu pfeifen. Wer Plötzlich fuhr er zornig herum. Bor den beiden Beamten genierte er sich nicht. Sein Schauspielern hatte nur den Geschworenen gegolten.

Schuuv af! Ick will Di nich länger Red' un Antwort stahn! Ick hab' der Gerechtigkeit genug gethan, wie der Herr Verteidiger sagt. Un wer mich nu noch 'n langen Senf macht über Niklas Breeden seinen Tod, mag sich vorsehen! Ich zeig' beit Schuft an, UN denn muß er brummen. Schuuv av, oll Spörnäs'! Wi sind quitt."

Nockr nich", sagte Tobias. Unb blitzschnell in die Brusttasche greifend, trat er einen Schritt näher zu Fan Jürgens heran und feuerte, ehe einer der beiden Beamten ihn hindern konnte, seinen Revolver auf ihn ab.

Tie Kugel ging mitten durchs Herz. Ohne einen Laut stürzte Jan Jürgens vornüber zu Boden.

Aewer nu", vollendete der Schiffer gleichmütig seinen angefangenen Satz,nu füttb wi quitt." Herrens, ji hebbt nich nödig, mi so an oe Armens to rieten. Wat ick bahn hebb, hebb ick bahn mit Ueberlegung und Bewußtsein, as set heeten. Un as ick't nich vört Schwurgericht to Em den verantworten kann, vör ufe Herrgott will ickt verantworten. Sien Wort liggt open in miene Kamer un do steiht't:Und ihr sollt keine Versöhnung nehmen über bie Seele des Totschlägers. Tenn er ist bes Todes schuldig, und er soll des Todes sterben.---Malet mit mi,

wat ji believd. An en ollen stümperigen Keerl as mi is nix gelegen. Man: Recht mutt bestahn. Un ick fegg ji: as ji rechtschapne Lüe van ehr Recht afbreekt/ Totsleegers to leev, so ward't kamen, dat rechtschapene Lüe sich nach Gottes Willen ihr Recht nehmen mit eigener Hand so as ick hebb dohn."