(Nachdruck verboten.)
' Tobias Breeden.
Bon Luise W e st k i r ch.
(Schluß.)
Mährend fein Verteidiger also sprach, stand Jan Jürgens wie ein Bild der Zerknirschung da. Einmal, als der Rechtsanwalt von seiner liebearmen Kindheit redete, drückte er laut schluchzend die Mütze vors Gesicht. _
Tie Beratung der Geschworenen war kurz, ihr Urteil einstimmig. Die erste Frage des Präsidenten, ob Mord vorliege, verneinten sie.
Die Unterfrage, ob auf Totschlag zu erkennen sei, wurde bejaht.
Mar die That inr Zustand besinnungsloser Trunkenheit begangen worden?
„Ja."
Waren dem Angeklagten mildernde Umstände zuzubilligen?
„Ja." Demgemäß mußte das Urteil gefunden werden.
Es lautete unter Berücksichtigung von Jan Jürgens einmaliger Vorbestrafung wegen Körperverletzung und mit Anrechnung der erlittenen Untersuchungshaft: vier Jahre und fünf Monate Zuchthaus.
Tann wurde der Angeklagte fortgeführt. Der Präsident hob die Sitzung auf. Die Geschworenen, die Zuschauer drängten zum Ausgang.
Tobias stand und stand und rieb sich die Stirn. „Herr Präsident! Herr Präsident!" Er hielt ihn am Aermel des Talars fest. „Ich hab' wohl nich richtig verstanden? Mein Bruder NiÜas is schändlich vermoordt, und fielt M vorderer —!"
„Seinem Mörder ist soeben die gesetzliche Strafe zu- erkannt worden, guter Mann."
„Gesetzliche Strafe?" — Veer Johren Tuchthuus! Mien Bro'er is dod, Herr Präsident! Dvd — dod — dod!"
Ter Präsident ging vorüber.
Ter Pastor legte seine Hand mitleidig auf den Arm des Aufgeregten. „Gieb Dich zufrieden, Tobias Breeden. Die Gesetze in Emden scheinen manchmal anders als unsres Herrgotts Gesetze. Darum sei Du nicht bange. Ueber den Herren Geschworenen ist ein Richter, der sieht dem Misse- thäter ins Herz und richtet recht. Ihm vertraue Deine Rache."
Freitag -en 4. April,
Nr. 50.
1902.
„Hebbb' ick jo dahn, Herr Paster! Hebb ick bahn! Gottsdunner! Worüm süs hebb ick up'n Notland de Tähn tosamenbeeten, up dat ick den Kerl nich de Kehl indrückt hebb? — Harr' ick't man dohn!"
„Komm, komm", sagte der Vorsteher. „Do künnt wt nix bi dohn."
Ebba faßte seine Hand, sie selbst konnte sich kaum auf den Füßen halten. „Kumm, Vadder Tobias, kumm."
Er riß sich los. „Kann nich, angahn. Blut für Blut, so steiht't in Gotts Wort. Sünd de hier denn nich Christen- tue? Ick verstah't nich."
Mit weiten Schritten rannte er die Straße hinunter, vorbei an dem Thorbogen, aus dem er einst hervorgestürmt war in wilder Jagd nach dem Mörder, vorbei an dem Schleusendamm, von dem ab der Dampfer, der Jan Jürgens trug, hinausgedampft war in den Dollart. Die Häuser der Stadt ließ er hinter sich und merkte es nicht, grübelte und konnte die eigenen Gedanken nicht fassen. Er kletterte auf den Deich, sah die Meeresflut heranrauschen im frischen Frühlingswind, sah die Wolken eilig flattern über den blaßblauen Himmel, und die Möwen dahinschießen über die aufspritzenden Wellen — und begriff's nicht, daß dies alles war, wie er's seit Jahren kannte, und nur der Grund, auf den er das Gebäude seines Lebens gebaut hatte, Gottes und der Menschen Gerechtigkeit, zu wanken schien. •
Er rannte weiter; seine Mütze hatte sich verschoben, die weißen Haarsträhnen flatterten um sein gerötetes Gesicht.
Als er an einem einsamen Bauernhaus vorüberkam, klopften knöcherne Finger an die Scheiben, eine hagere Hand winkte ihm eifrig, hereinzukommen. Dobias erkannte den Hüttenarbeiter, mit dem er im vorigen Herbst gesprochen hätte. Er hatte damals gemeint, der Mann könne nicht ferner mehr abmagern. Er war aber doch noch bedeutend abgefallen. Ein lebendiges Skelett hockte er irrt Lehnstuhl am Fenster und winkte dem Eintretendeu abzuwarten, bis sein Hustenanfall ihm zu sprechen erlaubte. Dann erkundigte er sich teilnehmend, ob Tobias den Gesuchten gefunden habe.
„Ja", sagte der Schiffer kurz. „Ja" und nichts weiter. Tre Worte quollen ihm im Munde. „Utt wo geiht't Se?"
„Gut", sagte der Mensch. „Ausgezeichnet. Ich hab's ja immer gesagt, diesmal hol ich's neich durch. Wenn ich nur erst wieder hinaus kann. Die Luft hier draußen, verstehen Sie, die gießt Kräfte. Aus dem bißchen Husten mache ich mir nichts. Das kriegt einen Menschen wie mich nicht unter, ah nein! Im Mai reis' ich heim, muß doch wieder schaffen! Sie verlangen auch nach mir zu Haus. Meine Kinder. Da! Alle haben sie geschrieben, ja! Und das Jüngste, das noch nicht zur Schule geht, hat ein Vögelchen auf den Bogen gezeichnet, sehen Sie? Da ist auch ein Veilchen Meine Gret' hat's gefunden. Bei uns giebt's schon Veilchen. Und sie freuen sich so, daß ich nun bald kommet
S£8ili|ieß nie des AergerS heiße, rasche Welle
Auf die, die dich verletzen.
Fast immer läßt sich an des Zornes Stelle
Ein ernstes Mitleid setzen. F. Sch.


