Ausgabe 
4.1.1902
 
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faum beachtet sich in ihre Seele gesenkt, die waren haften geblieben, um nun einen ungeahnten Einfluß zu üben. Vorstellungen und Wünsche, die bisher geschlummert, er­wachten, ihre iugendliche Energie regte sich, der Fleck Erde, auf den sie gestellt war, deuchte ihr plötzlich gar eng; selbst ein toller Ritt in das Land hinein schien so begrenzt! Die Eintönigkeit ihrer Lebensweise wurde ihr mehr und mehr langweilig ihr verlangte nach einem wechfelvollen, bunten Leben.

Natürlich war diese Gemütsstimmung vorzüglich ge­eignet, dem Erscheinen eines Fremden sofort Reiz zu geben. Das bot doch endlich einmal eine Abwechslung, endlich sah man statt der alten, wohlbekannten Gesichter ein neues, fremdes, und dazu eines mit solch eigentümlich anziehenden Zügen. Zudem verstand der Fremdling zu scherzen, das gewann ihm vollends ihre Gunst. Lachend bot sie daher dem Fremden an, in bett Garten Edens einzutreten, um ihn nach Belieben besichtigen zu können. Freudig nahm er das Anerbieten an; sie zeigte ihm alle .Herrlichkeit ihres kleinen Reichs, auch in die Hacienda führte sie ihn hinein zu Donna Frasquitta. Die Matrone nahm mit aller Würde die Hansehre wahr. Wie einsanr sie auch lebte, hielt sie doch die Gastfreundschaft viel zu hoch, um sie nicht der Landessitte getnäß dem Fremden zu bezeigen, der ihr Haus betrat.

Aus dem Fremdling ivurde rasch ein Freund; dein ersten Besuche folgte der zweite und dann noch viele andere. 'Der Mann des Nordens wurde heimisch unter der Sonne des Südens. Teils aus Gesundheitsrücksichten, teils aus Reise­lust war er nach Madeira gekommen, von wo aus Langweile und Wißbegierde ihn triebeit, die carrarischen Inseln zu be­suchen. Aus Teneriffa blieb er eine Woche um die andere. Die Luft dort behagte ihm offenbar besser als die in Fnnchal, dem klimatischen Kurorte. Der leidende Ausdruck verschwand immer mehr aus seinem Antlitz, Fretlde und Gluck sprach nur mehr daraus, tut6 Glück strahlte wieder in Claritas Mienen. Bald wttßten es die beiden jungen Menschenkinder, daß sie einander liebten, liebten mit jenem berauschenden Gefühl, vor dein die Stimme des Gewissens warnt: daß der Mensch so feilt irdisches Geschöpf lieben dürfe. Vergeblich bat und flüsterte diese Stitnme in Claritas Innerem; sie hörte nicht auf dieses warnende: Nimm' Dich in acht! sie hatte nur eilten Gedanken: daß sie sterben, hinsiechen müsse nach der Scheidestunde von ihrem Alexis.

Alexis selbst wollte von keiner Scheidestunde wissen; Clarita sollte ihm als sein geliebtes Weib in die Ferne folgen. Er wußte einer heimlichen Vermählung alles Bedenk­liche abzusprechen; seine Zuversicht kannte kein Zagen. Sowie Clarita nur einmal seine Gattin sei, würden der Thatsache gegenüber alle Vorurteile schwitideu, sowohl in seiner Heimat, wie bei ihren Pflegeeltern; in das Unabänderliche würde man sich fügen und liebreich verzeihen.

Was Don und Donna Almerez anbelangte, so zweifelte Clarita in aller Harmlosigkeit an deren Nachsicht keinen Augenblick; sie wußte es ja nicht anders, als daß ihr nie eine Bitte abgeschlagen, nie ein Wunsch versagt worden. Was die Familie ihres geliebten Alexis betraf, so verließ sie sich auf sein Wort; dennoch fühlte sie sehr gut das Un­recht, welches in der Heimlichkeit lag, mit der sie eigenwillig, tollkühn den wichtigen Wechselschritt ihres Lebens wagte; ihr weibliches Ehrgefühl warnte vor dem Verstoß gegen die Sitte, ihr Verstand erhob Bedenken, über alles aber siegte die heiße Leidenschaft; denn nur allzu wahr bleibt es, daß diese kein Gedächtnis kennt für die Pflicht.

Claritas Bedenken wußte ihr überdies Alexis alle zu verscheuchen, er verstand es, alle Schwierigkeiten zu heben, den Weg zu einer heimlichen Trauung zu ebnen. Claritas Papiere zu erlangen, war leicht, sie hatte sie nur aus dem bekannten Verschluß als ihr Eigentum an sich zu nehmen, um sie Alexis auszuhändigen.

Und dann kam der Abend, an dem sie der alten treuen Matrone mit einem falschen Kusse zum letzten Male ihr Gute Rächt zuflüsterte, ehe sie sachte in Heller Sternennacht das Haus und bett Garten verließ. An dessen äußerster'Pforte harrte ihrer bereits Alexis und einige Schritte weiter sein Diener mit den Pferden.

In den weiten Rebozo*) bis zur Unkenntlichkeit gehüllt, saß sie alsbald sicher im Sattel, und nun ging es in toll­kühnem Ritt durch das schöne Land bett Weg entlang bis zu einer kleinen entlegenen Kirche von Santa Cruoe. Dort

*) Mantel mit Kapuze.

wurde die Trauung vollzogen. Der Küster und Alexis Diener waren die Zeugen. Licht fiel die frühe Morgensonns auf den Altar, vor dem die junge Braut zitternd kniete; ihr Herz klopfte zum Zerspringen, sie wagte nicht, zu dem Priester aufzusehen, dem sie gelogen, indem sie alle Bor­mundschaftsrechte verleugnet; nun antwortete sie mechanisch auf die Traufragen, sie hörte den Ton seiner Worte, aber sie schlugen an ihr Ohr, als kämen sie aus weiter Ferne.

Erst ihres Alexis Stimme rief sie zur Gegenwart zurück,- da er ihr heiß und innig versicherte, daß sie nunmehr seine gesetzlich angetraute Gattin sei, und keine Macht der Menschen sie mehr zu scheiden vermöge. So war der entscheidendtz Schritt geschehen; kein Zögern, kein Rückwärts gab es mehr. Auf ihres Gatten Arm gestützt, verließ Clarita die stille Kirche, au deren Pforte noch die Pferde warteten. Rasch waren sie bestiegen und mit dem Winde um die WettÄ flogen die edlen Tiere dem Hafen zu. Dort lag das Schiff bereit. Selbigen Morgens noch lichtete es die Anker, undi Claritas Blick grüßte zum letzten Male scheidend die Küste.- Trotzdem Alexis ihr zur Seite stand, füllten ihre Augen sich mit heißen Thränen. Je mehr die Küste ihren Blicken entschwand, je klarer erhielt die verlassene Heimstätte den alten, vollen Glanz. Mit Allgewalt drang das Bewußtsein auf sie ein, wie undankbar, wie leichtsinnig sie gewesen z Um der heißen Leidenschaft willen, die ihr ganzes Sinnen und Denken gefangen genommen, hatte sie die Forderungen ihres Gewissens wie die ihres kindlichen Herzens verleugnet. Vor ihrem Geist erstand das Bild der treuen, getäuschten Matrone, weinend und klagend um den verlorenen Liebling, und eine unklare, ahnungslose Furcht vor kommendem Leide befiel ihre Seele. Die in der Zukunft verborgenen schmerz­lichen Ereignisse warfen bereits ihre Schatten voraus. Doch Alexis bot alles auf, dieselben zu verscheuchen. Sein von Leichtsinn und Zuversicht übersprudelnder Lebensmut entriß Clarita ihrer trüben Stimmung. Alles gestaltete sich nun auch zunächst günstig für das junge Paar. Bereits in Fnnchal erhielten sie von Donna Frasquitta die ersehnte Verzeihung, um welche Clarita in einem zurückgelassenen Brieschen ge-- beten hatte. Mehr als alle Vorwürfe es vermocht hätten, erschütterte Clarita der Segen, den ihre mütterliche Freundin ihr in wehmütigen Worten nachsandte, nebst der Versicher­ung, wie sie alles aufbieten werde, Don Jose über fein' verlorenes Lebensglück zu trösten.

Donna Frasquitta bat nur um eines, das junge Paar möge zu ihr zurückkehren und Clarita nicht so sorglos einer ungewissen Zukunft in fernem Lande entgegen gehen, ehe ihre Freunde einige Garantien über ihr künftiges Geschick gewonnen hätten diese treuen Freunde, denen ja rein nichts, gar nichts über die Verhältnisse, Familie und Lebeiis- stellung von ihres Pfleglings Gatten bekannt sei. Letzterer jedoch wollte von keiner Rückkehr nach Teneriffa wissen, und seine junge Mail, welche so eigenmächtig und ver­trauensselig allein ihrem Willen gefolgt war, empfand zum erstenmal leise den Druck der Bande, die sie selber spielend unlösbar geknüpft.

So reiften sie nach Europa; Alexis wünschte seiner Cla->. rita alle Schönheiten der Welt zu zeigen. Sie wollten ein Nomadenleben führen voll Glück und Seligkeit, ohne Sorgen und trübe Gedanken. An Mitteln dazu gebrach dem reichen Manne nicht; nach seinem Vaterlande und seiner, Familie fragte er wenig, wenn der geeignete Zeitpunkt gei kommen, wollte er sein geliebtes Weib heimführen und ihr die! ihr gebührende Stellung sichern.

Inzwischen lebten sie sorglos in den Tag hinein. Zu­nächst bereisten sie Spanien und Italien. Unter dessen sonnigem Himmel vermißte Clarita die Heimat nicht, immer weiter trat diese selbst in ihren Gedanken zurück; sie lebte! nur mehr der Gegenwart; denn die schien eitel Glück. Das­selbe ereichte seinen Höhepunkt, als ihr Töchterchen das Licht der Welt erblickte. Die Kleine wurde zu Mailand geboren und dort in dem herrlichen Dome getauft. Clarita war selig mit ihrem Kinde; ihr Gatte betete sie förmlich an und kannte keine größere Freude, als ihre Wünsche zu erfüllen.

Sie liebte noch immer die Abwechslung, daher fte, sobald als thunlich, aufs neue ihr Nomadenleben begannen. Sie zogen an die italienischen Seen und dort zu Pallanzn war es, wo die zarte Gesundheit der kleinen Clarita Dolores, die unruhigen Geister an die Scholle fesselte und ihnen dir ersten Sorgen aufdrängte. Bald sollte ein zweites Ereignis dieselben bedenklich mehren. Bereits von Mailand aus hatte