Ausgabe 
4.1.1902
 
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(Nachdruck verboten.)

Verschollen.

- Original-Erzählung von M. Ludolfs.

(Fortsetzung.)

So lebte und verbrachte die kleine Donna ihre Kind­heit. Als sie das dreizehnte Jahr erreicht hatte, machte sie mit Don Jose die zweite Seereise. Er nahm sie mit nach Marseille, wo noch eine Verwandte ihres Vaters in einem klösterlichen Institute lebte. Daselbst sollte Claritas Er­ziehung vollendet werden. Durch diese Einrichtung handelte oer getreue Vormund tat Geiste seines verstorbenen Freun­des; dieserhalb legte er seiner Mutter und sich das Opfer der Trennung auf. Ein solches wurde es jedoch auch für die kleine Clarita. Weder ihre Verwandte, noch die Kloster- schule gefiel ihr. Die kleine Ungebändigte sehnte sich stets nach Teneriffa, nach ihrer süßen Donita Frasquitta, nach dem herrlichen Garten, der goldenen Freiheit und dem un­gebundenen Leben zurück. Wie Erlösung deuchte es ihr daher, als endlich ihr Vormund wieder in Marseille landete, Um sie mit heim zu holen. Sie schied ohne Bedauern von Marseille und ihrer Verwandten, von dem Kloster und ihren Mitschülerinnen; nur eine derselben, Stefanie Hobberg, eine lungeDeutsche, hatte sie tief ins Herz geschlossen und ihr voll uberwallenden Gefühls heiße Freundschaft für alle Zetten gelobt. Allein der Abschied von Stefanie hatte ihr Thranen gekostet, sonst war sie selig, wieder von den Wogen des Meeres der Heimat zu geschaukelt zu werden. Als Er­wachsene kehrte ste dorthin zurück.

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as ist es mit dem Leben Doch fürne arge Not! Muß leiden und muß sterben Zuletzt den Bittern Tod.

Es tritt die bunten Auen Nur einmal unser Fuß, Für kurze Zeit nur iailschen Wir Händedruck und Gruß.

Und was uns auch von Freuden Und Leiden zugewandt, Das mehret und das mindert Sich unter Menschenhand.

Drum lasset uns in Freundschaft Einander recht versteh'n Die kurze Strecke Weges, Die wir zusammengeh'n.

Ludwig Anzengruber.

Die zweijährige Abwesenheit hatte aus dem Kinde ein« junge Dame gemacht. Donna Frasquittas alte Augen tour* den nicht müde, das schöne Mädchen zu bewundern mit heimlichem Stolze dachte sie allmählich, daß die klein« Clarita sich nun bald vermählen werde, daß ihr guter, Herr* licher Jose immer noch der stattlichste Mann von ganz Teneriffa sei, daß sie selbst keine herzigere Tochter und ihr retzendes Besitztum reine lieblichere Herrin bekommen tarnte,; als das schöne Mädchen mit den leuchtenden Augen.

Don Jose dachte wohl dasselbe, über seine Lippen aber drang nie eine Silbe davon, nicht die leiseste Anspielung entschlüpfte seiner wohlbeherrschten Zunge; nur die tiefe Zärtlichkeit seines Wesens verriet dem mütterlichen Scharf­blick das Geheimnis seines Herzens. Clarita hatte keine Ahnung davon; sie war eben sechzehn Jahre alt, und Don Jose mit seinen dreiundvierzig deuchte ihr ein lieber, herziger Alter. Sie weinte heiße Thränen, als er sich anschickte, eine neue Seereise zu unternehmen, und klagte.voller Harm, daß sie während der Jahre, die seine Abwesenheit dauern solle, vertrauern werde. Trotz ihrer Thränen blieb er stand­haft; sie war noch zu jung, kannte noch so wenig ihr eigen Herz nach zwei weiteren Jahren, wenn er heimkehrte/ dann, dann konnte er vielleicht für immer bleiben und sie nimmermehr verlassen. Unter Thränen lachte sie zu dem Verbrechen und empfahl ihm dringend, ihr die schönsten Dmge mitzubringen, die das Zauberland Brasilien zu bieten vermöge.

Don Jose segelte mit seinerQuerida" aus dem Frei* Hafen von, Santa Cruce, Clarita blieb wieder wie vor Zeiten allein mit der alten Donna Frasquitta und ihrer stillen Welt. Alles war geblieben tote vordem, tote in ihrer Kinderzeit, sie selber aber war eine andere geworden. Die kleine Welt genügte ihr nicht ntehr, aus der fremden, großen hatte sie etn unruhig Herz mit heimgebracht. Marseille, die große, französische Stadt voll bunten Lebens, das sie lockte und ab stieß zu gleicher Zeit, hatte ihr nicht gefallen, sie hatte sich eben fremd und wenig glücklich dort gefühlt, nun jedoch, wo das alles hinter ihr lag und sie in voller Frei­heit ihr einsames Reich wiedergewonnen jetzt nahm jenes ferne, bunte Treiben einer großen Welt wunderbare Farben und Gestaltungen in ihrer Phantasie an. Ein un- verstandenes Ahnen und Sehnen strebte in ihrer Seele auf, und niemand war da, der sie begriff, der ihr aufkeimendes Gefühl in richtige Bahnen zu lenken verstand.

Donna Frasquitta, der guten Matrone, hatte Claritas Heimweh nach ihrem Jnsellande eine Befriedigung gewährt, besser und glücklicher als in dieser seiner Heimat konnte, ihrer Meinung nach das Kind auch nirgeuds sein. Daß dessen junges, widerspruchreiches Herz nun gar aus jener sich heraussehne und des Kindes Gedanken bereits fort­während in_ der Fremde weilten, das kam ihr nie in den Sinn. Clarita belehrte sie auch keines andern; sie träumte nur für sich. Eindrücke, die sie draußen in der Fremde, rn der lebhaften, großen Stadt erhalten und die damals