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das Vergebliche seines Bemühens nachzudenken, dem Wagen nach, der sich weiter und immer weiter von ihm entfernte und bald seinen Augen entschwand.
Jefim Godunow war kein Jüngling mehr, und zu Dauerlaufen nicht trainiert — er fühlte, daß er er- niattete, und hielt an. Seine Kniee zitterten, seine keuchende Brust rang nach Atem, er fuchtelte einige Male wild mit den Händen in der Luft umher, stieß einige unartikulierte Laute aus, und sank dann bewußtlos zu Boden.
„Ter hat zu viel getrunken, oder ist verrückt geworden", sagten die Leute auf der Straße, die ihn neugierig beobachtet hatten. Sie sammelten sich um den Daliegenden, gaben ihre verschiedenen Mutmaßungen und Vorschläge zum Besten, schauten ihn scheu an, und tasteten vorsichtig an ihm herum, bis ihn endlich einige auf Geheiß eines herbeigeeilten Polizisten, der den alten Herrn kannte, davontrugen, nicht ohne daß man zuvor den kostbaren Pelz und einige andere wertvolle Kleinigkeiten des Erkrankten als überflüssige Besitztümer beseitigt hätte.
Als Jefim Godunow wieder zu sich kam, lag er bei gedämpftem Lampenlicht in seinem häuslichen Schlafgemach aus dem Divan, und um ihn herum stand eine große Versammlung. Er hörte Stimmengemurmel und sah ui dein Halbdunkel, wie der gelehrte und berühmte Mediziner Professor Saretzki, den er nicht leiden konnte, weil er für jeden Besuch hundert Rubel liquidierte, und zwei andere Professoren, die sich ihre Berühmtheit nicht minder teuer bezahlen ließen, auf seine J-rau Alexandra eifrig einsprachen. Auch sah er seine beiden erwachsenen Tochter, die zweiundzwanzigjährige Tatiana und die um zwei Jahre jüngere Wera, und deren ehemalige Ammen, dre als treue Dienerinnen vorgezogen hatten, sich nach ^ssuUung ihrer Pflichten nicht mehr in des Lebens Fährnisse zu stürzen, sondern unter dem gesicherten Dache des Hanfes Godunow eilt recht erträgliches und sorgenloses Dasein zu führen. Und weiter nahm er die Köchin, einige Stubenmädchen und den Diener wahr, deren Rügen neugierig auf ihm ruhten.
. "Tie Situation kam ihm sonderbar vor — er wußte Nicht, ob er träume oder wache.
Dann bemerkte er, wie Professor Saretzki sich zu ihm wandte, ihm etwas Kaltes vom Kops entfernte inid, nachdem er in der Unmenge von Flaschen, Büchsen und Töpfen, die auf dem Tische standen, herumgekramt hatte, Noch etwas Kälteres aus den Kopf legte, wobei es feucht gn den Wangen herabrieselte.
Unwillkürlich mußte Jefim mit der Hand nach oben greisen, und nun vernahm er die scharfe, triumphierend klingende Stimme des Professors: „Sehen Sie, gnädige Fran, wir haben gewonnenes Spiel! Unsere Behandlung Mit dem Eisbeutel und der Herzmassage hat Wunder gewirkt — der Anfall ist gehoben! Meinen Sie nicht auch, meine verehrten Herren Kollegen?" „Gewiß", hörte «r den einen der beiden Herren sagen, „jede Gefahr ist ausgeschlossen", und der andere fügte salbungsvoll hinzu: „Sorgen Sie nur für Rühe und geben Sie 'dem Patienten ausschließlich leicht verdauliche Mehlspeisen in möglichst kleinen Portionen, denn ich bin überzeugt, daß der Anfall lediglich durch allzii reichliche Nahrmiqsanf- uahme^ erfolgt ist." 9
„üiimmes Zeug", dachte Jefim Godunoiv, indem er Uw in die Höhe richtete, „ich habe gehungert wie ein Bettler", und laut fuhr er zum Erstaunen der Aüwesenden fort: „Ein Glas Sekt oder ein Rjumetschka und etwas Gaviar wäre mir bei weitem lieber!"
Pi'itzlich siel ihm die Geschichte mit dem jungen Kälus'osf und der Dame ein, und er entsann sich, daß er dem Wagen vergeblich nachgestüriilt war.
Sein Blick richtete sich sinnend aus Tatiana.
>/Jst Ihnen besser, Papa?" fragte sie, an den Divan tretend, mit warmer Teilnahme.
„Wieso besser?"
„Run, Sie sind heute aus der Straße unwohl ge- geivordeu, und die Leute haben Sie nach Hause gebracht. Sie können sich unfern Schreck denken!"
„Wir waren tief bestürzt und sehr besorgt", fügte die Mutter hinzu, indem sie mit der reich beringten dicken Hand dem Gatten zärtlich das Haar aus dem Gesicht strich.
Er beachtete das kaunt und schaute fest und unverwandt seine Tochter an. „Tu hast doch nach dem Tiner einen Spaziergang gemacht?" forschte er, angstvoll einer Antwort harrend.
„Ich, Papa?" gab sie harmlos zurück. „Nein, ich bin zu Hause geblieben."
Seine Brust hob sich erleichtert. „In Deinem Zimmer?"- erkundigte er sich weiter.
„Ja! Tu weißt doch, daß ich für den Wohlthätigkeits- bazar noch viel zu arbeiten habe und nicht faulenzen: darf. Morgen ist die letzte Vorstandssitzung, und in wenigen Tagen findet die Eröffnung statt. Zu langen Spaziergängen habe ich jetzt keine Zeit. Sollte ich Ihnen vielleicht etwas besorgen?"
Sie schaute ihn so unbefangen und zugleich so befremdet an, daß Jefim Godunow vollständig irre an sich wurde. „Seltsam", dachte er, „ich habe sie doch mit meinen eigenen Augen neben Kälussosf im Wagen gesehen! Oder sollte ich mich getäuscht haben? Sollte es eine Halluzination gewesen sein?" Er starrte nachdenklich vor sich hin. Dann aber übermannten ihn die Müdigkeit und die Schwäche; Menschen, Flaschen, Töpfe und Büchsen schwammen int bunten Durcheinander vor seinen Augen, bis sich diese schlossen und er in einen tiefen erquickenden Schlaf verfiel.--
„Ich muß heute unbediugt fort, Njanuschka", flüsterte wenige Tage später Tatiana Godunow ihrer ehemaligen, Amme zu. „Er erwartet mich; ich habe ihm fest ver- Öen, zu kommen, denn in der Nacht reift er nach in zurück." Sie war aufgeregt und stieß die Worte hastig hervor, während ihre dunklen Augen so nervös zuckten und blitzten, als ob es wetterleuchtete.
„Geh, mein Goldkind", gab die Mte leise zur Antwort. „Ich werde Sorge tragen, daß Deine Abwesenheit niemand bemerkt. Verlasse Dich auf mich, ich werde schon aufpassen." Zärtlich schaute sie auf die schlanke, biegsame Gestalt, die durch das elegant eingerichtete, von Odeur durchdustete Zimmer suchend hin- und hereilte, dann die Galoschen anzog, sich in einen weiten Pelzumhang hüllte, das Haupt mit dem glänzenden dunkelbraunen Haar durch einen Baschlik schützte und bemüht war, über die seinen weißen Hände Handschuhe zu ziehen.
„Vergiß nicht, Njanuschka, Punkt acht Uhr unten an der Pforte zu seiu und mir zu öffnen", mahnte die junge Dame, als sie ihre Toilette beendet und sich nochmals int Spiegel flüchtig gemustert hatte. „Geh jetzt und sieh zu, ob ich unbeachtet die Hansthür gewinnen kann."
Als die Alte geräuschlos gethau, wie ihr geboten und versichert hatte, daß das Feld rein sei, schlüpfte Tatiana! Godunow aus dem Zimmer, die Treppe Hinab und zum Hause hinaus aus die Straße.
Ter Abend Ivar kalt und unfreundlich. Schnee wirbelte in großen Flocken vom Himmel herab und bildete aus der Erde eine dichte Decke, die unter den Füßen der schnell dahinschreitenden Menschen knisterte, als ob sie bersten wolle. Ruhelos flackerten die Gasflantmen in den Laternen, die in weiten Zwischenräumen die Straße slankierten.
Tatiana büllte sich fester in ihren Mantel und suchte so schnell als möglich aus der gefährlichen Nähe des Hauses zu gelangen. Ein unbesetzter Schlitten kam ihr langsam entgegen. Sie winkte den Kutscher heran. „Fahr so schnell Tu kannst zum Nikolajewsky-Sspusk!" befahl sie beim Einsteigen.
„Zum Nikolajewsky-Sspusk?" fragte der Kutscher verwundert, denn der unweit des Dujepr-Ufers hoch oben aus der Höhe sich hinziehende Promenadenweg der vornehmen Welt Kiews Pflegte um diese Jahreszeit völlig verödet zu seiu.
„Ja! Tu fährst bis zur Stelle, wo der Weg zur Nikolaus-Hängebrücke abbiegt. Verstanden?"
Ter Kutscher nickte. „Macht einen Rubel", sagte er schmunzelnd.
Sie entnahm ihrem zierlichen Saffian-Portemonnaie das Geld und reichte es hin. „Hier hafsts Tu, und nun fahr zu!"
Tie Peitsche knallte, und in fliegender Eile sauU d<H Fahrzeug über die glatte Fläche davon.
(Fortsetzung folgt.)


