Mittwoch den 3. Dezember.
1902. — Nr. 180
Wl 111
(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original-Roman von Georg Buß.
(Fortsetzung.)
Ten Kopf in die Hand gesenkt, brütete er finster vor sich hin.
„Jury Akimowitsch!" drang eine Stimme an sein Ohr.
„Nun, was ist los?" fragte er tonlos.
Ter Geschäftsführer stand neben ihm und meldete, daß vom Großfürst Statthalter telephonisch der Befehl eingetroffen sei, sofort eine Anzahl Zobelpelze zur Ansicht und Auswahl zu senden.
Tas trübe Gesicht Jurys klärte sich auf. „Wie viele Zobel liegen noch aus Lager?" fragte er erfreut.
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„Was? Unmöglich! Es müssen doppelt so viele sein!"
„Sie vergessen", lautete die Antwort, „daß Herr Timitry vor einer Stunde zehn der besten in seinem Wagen mitgenommen hat."
Jury Kalussoff wurde leichenblaß.
„Gerade die zehn besten", betonte der Geschäftsführer nochmals. „Schade, wir hätten sie jetzt bestens gebrauchen können!" ■
„Sergei Petrowitsch", sagte Jury mit zitternder Stimme, „nicht wahr, Sie sind schon dreißig Jahre in unserem Hause thätig — schon seit der Zeit meines seligen Großvaters?"
Ter alte Herr nickte.
„Ich kann mich also auf Sie verlassen?"
„Unbedingt!"
„Nun, dann befehle ich Ihnen, meinem Bruder Timitry nicht mehr für eine Kopeke Ware aus unserem Geschäft ohne meine Einwilligung zu verabfolgen! Ich bitte Sie, diese Anordnung gegen dritte Personen diskret bewahren zu wollen. Uebrigens werden wir mit den noch vorhandenen Pelzen bei dem Großfürsten schwerlich Ehre einlegen. Sehen Sie zu, was zu machen ist!"
Sorgenvoll ging der Geschäftsführer hinaus.
„Ich kounte es voraussehen", knirschte Jury Kalussoff, „daß mich Timitry uicht schonen würde. Sein wahnsinniger Leichtsinn, seine Phantasterei, seine Genußsucht sind das Grab unserer Firma. Ich werde es ihm gedenken." —
3.
Jefim Godunow war übler Laune, denn es war Fastenzeit, in welcher der Fleischgenuß untersagt ist. Er gehörte zu den Strenggläubigen und hielt es für seine heilige Pflicht, alle Gebote der orthodoxen Kirche streng zu befolgen. Zwar gab es in Unmenge Fische und Suppe von gedörrten Pilzen, aber er schwärmte nicht für solche Gerichte. Wohl rühmte Alexandra, Godunow
bei Tisch das bewundernswerte Geschick ihrer Köchin über die Maßen, und um ihren Worten gehörigen Nachdruck zu verleihen, vertilgte sie mit erstaunlicher Bravour wahre Berge von Fischen und Pilzen, ohne jedoch ihren verdrießlichen Jefim zur Nacheiferung begeistern zu können.
Ja, Jefim Godunow war sehr verdrießlich. „Mir bekommen die Fastenspeisen nicht mehr", dachte er^ während er nach dem Tiner seinem Geschäftslokal im Kreschtschatik, der Hauptstraße von Kiew, bedächtig zuschritt. „Wer nahe an die Sechzig ist, dem wird das lange Fasten zur Qual."
Als er am Hotel Bellevue vorbeikam, beschleunigte er trotz aller rebellischen Gedanken seine Schritte, denu aus dem Restaurant strömte ihm ein so verführerische« Bratenduft entgegen, daß ihn ein wahrer Heißhunger auf Fleisch erfaßte. „Noch schöner", ermutigte er sich, „wegen eines erbärmlichen Happen Fleisches seine ewige Seligkeit aufs Spiel setzen!"
Jetzt fiel ihm unwillkürlich ein, daß er gerade vor Jahresfrist das Konto seiner Sünden außerordentlich stark belastet hatte. Ach, wenn man in schlechte Gesellschaft gerät! Damals — er war zum Abschluß von Geschäften in Moskau eingetroffen — hatte ihn der junge Kalussoff zum Sslawjansky-Bazar geschleppt und! mit einem Tiner bewirtet, das allen Fasten Hohn gesprochen hatte. Das Erinnerungsvermögen Fefims reichte, da der Sekt in Strömen geflossen war, nur bis zu« Mitte des Tiners, während sich die weiteren Geschehnisse bis zu jenem Moment, da er des anderen Tages im Hotel mit fürchterlichen Kopf- und Magenbeschwerden erwacht !var, vollständig seiner genauen Kenntnis entzogen hatten.
„Tiefer Kalussoff ist doch ein leichtsinniger Patron, der leichtsinnigste in ganz Moskau", beteuerte Jefim Godunow. „Menn der ältere Bruder nicht wäre, würde das Geschäft schon längst über Bord sein."
Eben wollte er um die Ecke des Bibowsky-Boulevards biegen, als ihn ein schnell fahrender Wagen zum Stillstehen zwang. Jefim sah auf, und schaute gerade in den Wagen hinein. Er stutzte, riß die Augen auf und reckte den Kopf derart vor, daß ihn der Nacken schmerzte.
„Mar der Herr im Wagen nicht Timitry Kalussoff? Und war die junge Dame, die neben ihm saß, nicht—?" Jefim mochte den Gedanken gar nicht ausdenken. Er fühlte sich wie vom Blitz getroffen und wie vernichtet. Sein Gesicht verzerrte sich und nahm Leichenblasse an^ während die Stirn sich mit kaltem Schweiß feuchtete. „Unmöglich!" schrie er so laut, daß die Vorübergehenden ihn verwundert ansahen. „Unmöglich! Sie kann sich so nicht vergessen!" Gnige Sekunden stand er still, wie an der Erde gewurzelt, und ballte in tiefer Erregung die Fäuste, dann wandte er sich und stürmte, ohne über


