Ausgabe 
3.10.1902
 
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Ms sie ihn so niedergeschlagen, beinahe überzeugt sah, fuhr sie fort, ohne ihm Zeit zu lassen, nachzudenken: Und wer sagt Ihnen denn, daß nicht etwa zu der Stunde jetzt, da wir sprechen, die Justiz bereits den wahren Mörder entdeckt hat? Daß es Herr von Sempach nicht ist, dessen sind wir beide gewiß. Es ist also ein anderer- Und vielleicht hat man diesen anderen schon gefunden. Sie schütteln den Kopf, das will sagen:Nein, das Gericht glaubt, den wahrhaft Schuldigen gefunden zu haben, und sucht nicht weiter." Wso, dann suchen Sie ihn. Sie, ja. Sie! Warum nicht? Sie haben es vorgezogen, mich auf­zufinden. Sie hielten es für einfacher und bequemer, in mein Leben einzudringen, mein Geheimnis zu ermitteln, und mich als Werkzeug zu benutzen. Ich schlage es Ihnen ab, soweit es den Umstand betrifft, daß ich Ihrer Forde­rung gehorchen soll. Aber auf dem anderen Wege, den ich Ihnen weisen will, den einzig wahren und richtigen, bin ich gern bereit. Ihnen zu dienen."

Sie verließ neuerdings ihren Fauteuil und setzte sich auf einen Puff knapp neben Georg.

Ja", fuhr sie mit Ueberzeugung fort, ihn mitreißend, ja, vereinigen wir unseren Scharfblick und unsere Thätig- keit, um herauszubekommen, wer der wahre Mörder ist, um ihn dann den Gerichten zu überliefern. Anstatt mein Gegner zu bleiben, werden Sie mein Bundesgenosse. Ver­einigen wir unsere Kräfte, die Unschuld Sempachs ans Tageslicht zu bringen. Wenn wir aber den wahrhaft Schul­digen ausliesern, ist unser Freund gerettet, und seine Ehre bleibt rein und unbefleckt."

Sie gab ihm Zeit, etwas nachzudenken, und blickte rhm dann, sich über ihn leicht neigend, tief in die Augen:

Nun, was haben Sie beschlossen?"

Alles, alles, was Sie wollen!" rief er außer sich, indem er sich von ihr abwandte, als fürchte er ihre Nähe.

Nun, dann nehmen Sie für heute Abschied von mir", schloß sie und erhob sich.Es ist spät, und meinen Leuten könnte ein längeres Verweilen auffallen. Aber kommen Sie morgen wieder, am helllichten Tage, um 2 Uhr. Ich werde Sie in meinem Atelier empfangen. Ich werde dem Grafen sagen. Sie seien mir vorgestellt worden und wären bereit, mein Porträt zu malen, und mir einige Malstunden zu erteilen. Wir können uns auf diese Weise alle Tage sehen und uns besprechen. So werden wir unser Ziel erreichen. Abgemacht?"

Ja, es ist abgemacht."

Dann will ich auch vergessen, was Sie gethan haben, um sehen, was uns zu thun weiter übrig bleibt."

Als er sich verabschiedete, reichte sie ihm mit graziöser Armbewegung ihr Hand. Er erfaßte sie mit den Finger­spitzen, berührte sie mit glühenden Lippen, und verließ, so rasch er konnte, das berauschende Gemach.

(Fortsetzung folgt.)

Emile Zola.

Von Julius Hart.

Ibsen, Tolstoi, Zola. Man wird diese drei Namen immer zusammen nennen müssen. In einer und derselben Stunde stieg ihr Gestirn am Himmel der europäischen Litte- ratur auf: sie kamen zugleich heran, der von Norden öer von Osten und der dritte von Westen, alle drei! gewaltthätigen Geistes, Stürmernaturen, Menschen von apokalyptischer Art, und noch zittert in unserer Seele die Erregung nach von der Leidenschaft der Kämpfe, die sie über uns heraufbeschworen. In ihren Werken gipfelt die Poesie des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts. Aber sie ragen unter den Dichtern vielleicht gerade deshalb am höchsten hervor, weil das rein Artistische bei ihnen, ich möchte fast sagen, nur etwas Dienendes, ein Mittel zu anderen Zwecken geworden ist. Sie streben nach allen Seiten hrn von der Kunst auch wieder fort, sie wollen mehr etwas Umfassendes, Total-Menschliches - mit hungriger Aeele spuren sie in alle Geistesgebiete hinein. Keinem ist dre Kunst nur Kunst. Für Tolstoi ist sie Religion, Moral, Menschhertsverbrüderung, für Ibsen Zeugung, Neu- werdung, Welt-Neugestaltung, für Zola Arbeit, Wissen­schaft, Kulturverständnis. Alle drei machen die Dichtung ^..Kulturdienst. Sie kommen als Propheten. Die drei- faltrge Anschauung, die wir vom Werden der Tinge besitzen, strahlt in ihnen aus. Die Macht und Tiefe langer Ver- Mngenheiten strömt durch das Werk Tolstois, das Auge

Ibsens bohrt sich in die Rätsel der Zukunft hinein, sucht zu ergründen, was da kommen und sich gebären will, Zola aber ist ganz Gegenwarts-Schauen, Erfassung 'des lebendigen Heute.

Von den dreien hat der Tod den Jüngsten zuerst von uns fortgenommen. Plötzlich, jäh, unerwartet- Als bloßer Zufall, als ein Unglücksfall scheint er gekommen zu sein. Aber man klagt nicht an dem Sterbebette eines starken Menschen, dem es vergönnt war, über den Millionen empor­zuragen, der zu den Wenigen gehört, dazu bestimmt, das Wesen seiner Zeit den kommenden Geschlechtern aufzube­wahren und für sie zu erhalten. Die Macht des Todes erscheint hier nur zu gering. Sie sind ja nicht gestorben. Es ist so wenig, etwas so Gleichgültiges, was 'man der Erde oder dem Feuer übergiebt. Das Werk der großen Männer ist ihr wahrer Körper, ihre sich erhaltende Gestalt. Mag Zolas Tod für seine Familie, für seine Freunde zu früh gekommeu sein die Welt bedarf nur seines Werkes, und das ist ein Wgeschlossenes, Fertiges.

Den: glaubensfremden Kinde des neunzehnten Jahr- hunderts ist es ja nicht mehr die Seele, der Geist, welche den Tod überwinden. Aber das Genie überwindet ihn. In der Religion Auguste Comtes, welche auch die Religion Emile Zolas war, ward der Unsterblichkeitskultus ganz und gar Geniekultus, Ahnenkultus wiederum. Das Genie ist der eigentliche und wahrhaft unsterbliche Teil im vergänglichMenschlichen". Die Bedeutung des großen Menschen, des Heroen, liegt wohl überhaupt nur 'darin, Erhaltung der Kraft zu sein, das Bewahrende, das sich Vererbende, dasunsterbliche Keimplasma", das von Ge­schlecht zu Geschlecht weiterwirkende Lebendige in den immer wieder neu entstehenden und absterbenden Zellen der mensch­lichen Gesellschaft. Es bedeutet die Konzentration von Millionen Leben in einem Leben, den Brennpunkt all der zahllosen Strahlen eines Zeitalters. Es ist der Extrakt der Kultur das Ganze, in einem kleinsten Teile zu- sammengedrüngt. Seine Aufgabe besteht vielleicht gerade darin, in seinem einzelnen Ich das Universale einer Zeit zusammenzufassen, die verwirrende, unendliche Fülle der Erscheinungen und Bestrebungen in einer endlichen Form zu vereinfachen und zu vereinheitlichen, mehr als nur Spiegel, vielmehr noch die Jdeenform eines Jahrhunderts zu sein. Das Genie ist die Spannkraft, die sich aus den lebendigen Kräften eines Zeitalters bewirkt. Nur in solchen Vereinfachungen, gewissermaßen als ein biogenetischer Aus­zug, kann jede Kultur weiterleben und sich in allen kommen­den Kulturen erhalten, Tas Werk des Genies aber ist diese Vereinfachung.

Man mag von den Romanen Zolas in späteren Zeiten vielleicht nichts mehr lesen. Wer ihr Wesen wird lebendig bleiben. Die Erinnerung an ihre Natur und Art wird sich erhalten. Bei dckm Klang des Namens Zola wird vor den Augen der Kommenden stets eine Persönlichkeit und hinter dieser Persönlichkeit ein Stück Kultur aufsteigen. Sein Bild gehört zu den Ahnenbildern des neunzehnten Jahrhunderts. Gleichgültig ist's dabei, ob es für zukünftige Geschlechter vielleicht auch fratzenhafte Züge zeigt. Dieses Fratzenhafte ist bei Zola immer Ausdruck eines großen und tieferen^ allgemeineren Zeitalter- und Kulturlebens. Und welches Ahnenbild, welches Zeitalter trüge nicht solche Züge?

Zola hat sein Kunstwerk als das naturalistische be­zeichnet. Richtiger und besser hieß es wohl das mate­rialistische. Das reine und deutliche Wesen einer durch und durch materialistischen Bildungsperiode gewinnt in ihm Form und Gestalt. Er bringt den Geist und die Welterklä­rung, die ben ganz besonderen und eigentlichen Typus des 19. Jahrhunderts bestimmen, die vor allem seit den sech­ziger Jahren beherrschend hervortreten, wie kein anderes erschöpfend, radikal, jedes andere ausschließend, unvermischt zuni Ausdruck. Nur noch Balzac steht da neben ihm, als materialistischer Fanatiker und starrer Dogmatiker,- aber wenn dieser immer noch der Suchende, um die neuen Formeln und Anschauungen Ringende ist, angewiesen aus Ahnungen, Instinkte, Intuitionen: Zola hat alles schon fertig bekommen, er steht inmitten einer Zeit, die sich dem Materialismus, an Händen und Füßen gebunden, über­liefert hat, die in ihm den neuen Glauben sieht. Um den Zolaschen Roman zu verstehen und zu begreifen, muß man die Ideen und Auffassungen, die Geschichte des modernen! Materialismus kennen. Die Philosophie Comtes, Spencers, Stuart Mills, die Geschichtsauffassung der Buckle, Taine,