586
erheben Sie Lis in die Wolken. Sie sind makellos, und keine Schmähung wäre im stände. Sie zu erreichen."
„lind in dem entworfenen Gemälde findet sich auch nicht ein schwarzer Punkt?" fragte sie mit feinem Lachen.
„Auch nicht ein einziger, gnädige Frau. Ihre Tugenden strahlen in vollstem Lichte, ohne einen Schatten, der sie je verdunkeln könnte."
Sie erhob sich, ohne ihren Platz zu verlassen, und, niit ausgestreckten Armen sich auf den Tisch stützend, sagte sie ihm:
„Ich wußte, mein Herr, daß mich die Welt so und nicht anders beurteilt. Ich brauchte Sie nicht erst darum zu befragen. Und wenn ich es that, geschah es nur aus dein Grunde, Sie, gerade Sie dies Urteil wiederholen zu lassen."
„Und nun, da ich es wiederholt habe, Frau Gräfin—?"
„Nun frage ich Sie, — aus diesem Punkte wollte ich Sie nämlich haben, — hat Ihnen dieses Urteil nicht Veranlassung gegeben, nachzudenken und zu bedenken?"
„Welches Bedenken sollte dies in mir wachrufen?"
„Wie, Sie ahnen nicht? Sie verstehen und begreifen Nicht?"
„Nein, ich muß gestehen — — —"
Sie warf einen raschen, eindringlichen Bilck um sich, um zu sehen, ob die Thüre auch verschlossen, die Portieren auch herabgelassen seien.
Dann trat sie mit rascher Bewegung auf ihn zu.
26. Kapitel.
Aufrecht vor ihm, ganz dicht an ihn herantretend, mit funkelndem Blick, den Teint warm belebt, fuhr sie mit fieberhafter, gedämpfter Stimme fort:
„Wie? Sie fühlen nicht, daß alle Ihre Schritte, die Sie nach mir unternommen, alle Forderungen, die Sie mir gestellt, vergeblich waren? Ich kann und werde nicht die Erklärung abgeben, die Sie von nur verlangen. Sie müssen wahrhaftig nicht bet Sinnen fein! Ich, ich — die Gräfin Olga Doroukoff, die, wie Sie eben selbst gesagt, von aller Welt geehrt und geachtet dasteht, die Gräfin Olga Doroukoff, die noch niemals auch nur ein Stäubchen des Verdachts gestreift hat, ich soll mich zum Untersuchungsrichter, später sogar noch vor den Gerichtshof begeben und dort vor aller Augen naiv gestehen: Herr Sempach steht zu mir in freundlichen Beziehungen. Zu der Stunde, da das Verbrechen begangen wurde, war ich bei ihm, in seiner Wohnung, in seinem Haus. Nein, das werde ich niemals sagen, kann ich nicht sagen. Man hat mich zu hoch erhoben, als daß ich so tief herabsteigen könnte. <Äe Lenken dabei natürlich nur an ihn. Ich denke aber an meine Familie, an meinen Gatten, an die Meinen, an die Welt, der ich angehöre. Ich muß an mich selbst denken. Was würde man sagen, was würde dann überhaupt aus mir an dem Tage, an dem ich ein solches Geständnis abgelegt? Welche Schmach! Welcher Fall und von welcher Höhe!"
Sie stand so dicht an ihn gepreßt, daß ihre Gestalt von Augenblick zu Augenblick die seine berührte, daß ihn manchmal ihr brennender Atem streifte. Es war dies nicht mehr die Gräfin Doroukoff, die, wie gewöhnlich, bald hochfahrend, bald einschmeichelnd sprach, immer jedoch Herrin ihrer selbst blieb, es war dies das Weib, das sich mit seiner ganzen Beredsamkeit, mit all seiner Leidenschaft, mit äußerster Kraft, aus ganzer Seele verteidigte, das für seinen guten Ruf, seine bedrohte Würde, seine gefährdete Stellung kämpfte.
Sie trat wieder etwas zurück, schöpfte tief Atem, warf von neuem einen ängstlichen Blick um sich und fuhr weiter fort:
„Man kann und darf von einigen Frauen nicht das fordern, was man von anderen verlangt. Es giebt Unterschiede — und das Opfer bleibt nicht das gleiche. Die einen sind schon kompromittiert, und können sich also gefahrlos ein zweites Mal kompromittieren; die anderen stürzen sich dadurch nur in das Verderben. Ich aber habe zu viel zu verlieren: mein Ansehen, meine soziale Stellung, den Platz und den Rang, den ich als eine Prinzessin Balaljewna in der Welt einnehme, wohin mich meine Geburt, meine Heirat und meine Verbindungen erhoben. Ich würde mit mir unfehlbar alle mitreißen, die mit mir durch die Bande des Blutes verkettet sind und durch jene Bande, die aus allen Menschen meiner Küste
eine einzige und große Familie machten. — Damals vielleicht hatten Sie das Recht, zu mir so zu sprechen, wie Sie gesprochen haben: Sie hielten mich für irgend eine kleine, bürgerliche Person oder eine Baronin, wie ihrer Dutzende herumlaufen, und konnten mir also sagen: „Gehen Sie zum Richter — zögern Sie keine ^inll^:e mehr!" — Das erschien Ihnen ganz einfach. Aber heute, Herr RakeniuA wissen Sie, wer ich bin. Glauben Sie, daß Sie mir heute noch dieselben Worte zurufen dürfen, wie damals? Glauben Sie noch das Recht zu haben, die Worte, die Sie mir schon einmal gesagt haben, noch einmal wiederholen zu dürfen?"
Da er mit einer Antwort zögerte, sprang sie rasch zu einer Flut anderer Gedanken über, ohne die Heftigkeit und Leidenschaft ihrer Worte zu dämpfen:
„Und mit welchem Rechte würden dann gerade Sie so sprechen? Ja, mit welchem Recht? Wie kann Ihre Person von mir etwas fordern, das Herr von Sempach von mir niemals fordern würde? — Nein, niemals — dessen bin ich sicher, ich bürge für ihn. Und selbst, wenn ich reden wollte, so würde er mich daran hindern, würde er mich bitten, nicht zu reden. Er würde mir sagen: „An jenem Tage, da Sie sich bereit erklärten, mir Freundin zu sein, unterwarf ich mich allen Konsequenzen dieser Freundschaft, einer Freundschaft, die meine Wonne war, die aber auch mein Unglück, mein Verderben herbeiführen kann wie jedes ungerechte, ungesetzliche Band." Ja, Herr Rakenius, so hätte er gesprochen", in seiner Redlichkeit und bei seiner Weltkenntnis, und so würde er noch heute sprechen. Und Sie gestatten mir die Bemerkung, daß ich es mehr als wunderbar finde, daß Sie sich in seine Angelegenheiten mischen, ohne ihn befragt zu haben, daß Sie so ganz gegen seinen Willen handeln, und sich dem aussetzen, das er rundweg leugnet, und worüber er nur Entgegengesetztes aussagt."
Er konnte nicht antworten. Diese Beredsamkeit und Leidenschaft hatten ihn tief bewegt, und es verwirrte ihn, sie so nahe an seiner Seite zu wissen, sie zu berühren^ ihren Atem einzusaugen; doch fand er noch die Ueber- legung, ihr einzuwerfen:
„Sie wollen also, daß man ihn zu Gefängnis oder Zuchthaus verurteilt?"
Sie entfernte sich heftig von ihm und rief:
„Man wird ihn nicht verurteilen."
Sie kehrte wieder zum Tisch zurück, und nahm wieder mit ruhigerer Stimme das Gespräch aus, nachdem sie unter der Lampe Platz genommen hatte:
„Sie übertreiben die Situation. Sie handeln in der ganzen Sache nicht wie ein Mann. Sie müssen da irgend einem weiblichen Einfluß nachgegeben haben, vielleicht dem Ihrer Schwester, von der mir Herr von Sempach öfter sprach. Sie ist jung und leidenschaftlich, und mag Sie weiter mit sich fortgerissen haben, als Sie gehen durften."
Er wollte erwidern; doch sie schnitt ihm mit einer Bewegung das Wort ab:
„Gerade im Interesse Ihres Freundes darf ich Sie nicht anhören, darf ich mich nicht von Ihnen beirren lassen. Gesetzt den Fall, ich gäbe Ihren Ratschlägen nach; ich komme vor den Richter und sage ihm: „Herr von Sempach weigert sich zu sprechen; ich komme statt seiner, um für ihn zu sprechen. Sie wollen wissen, wie er jenen Wend zugebracht hat: nun denn, er war bei mir, und mit mir zusammen." Der Richter wird mich ansehen, und mir antworten: „Was Sie da thun, Frau Gräfin, ist sehr edel, sehr schön, und ich muß Sie bewundern. Sie lieben Herrn von Sempach, und wollen ihn selbst auf die Gefahr,^ Ihren Ruf zu opfern, retten. Aber ich weigere mich," Ihnen zu glauben, wenn Sie mir für Ihre Aussagen keine Wahrheitsbeweise bringen." Was soll ich für Beweise liefern? Wer kann mich in diesem einsamen, verlassenen! Hause gesehen haben, dessen einzige Besucherin, die Wirtschafterin, zur Stunde meines Dortseins immer abwesend war? Wer hat Sempach am Abend des Mordes dort gesehen? Wer kann bekräftigen, daß er dort gewesen war? Ich allein — und meine Bekräftigung genügt nicht. So könnte ich nur Verdacht erregen. Man beschuldigt mich dann, die Justiz auf falsche Fährte zu lenken, und ist nur um so eifriger bemüht, die Hindernisse, die sich ihr in Len Weg stellen, hinwegzuräumen."
Georg saß da mit gesenktem Haupte, und wüßte nichts, was er erwiLern sollte.


