Ausgabe 
3.10.1902
 
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Nr. 147.

1902.

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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-

(Fortsetzung.)

Die Lampe stand auf einem kleinen, runden Tisch, vor welchem in schwarzem Sammetkleide, ein Buch in den Händen, die Gräfin saß. Beim Eintreten ihres Besuches schloß sie langsam das Buch, legte es auf den Tisch und prüfte ohne eine Bewegung oder Zucken der Wimpern den jungen Künstler mit einem langen, langen Blick. Nach­dem sie ihr prüfendes Studium beendet hatte, begann sie mit großer Kälte:

Nehmen Sie Platz, mein Herr, und sprechen wir, wenn es Ihnen beliebt, von dem Gemälde, das Sie mir übersendet haben."

Und indes sich Georg ihr gegenüber einige Schritte vom Tisch entfernt niederließ, fügte sie plötzlich hinzu:

Nicht wahr, es soll dies mein Porträt sein, das Sie glauben gemacht zu haben?"

Vollkommen. Ich glaubte es."

Eine Skizze vielmehr als ein Porträt. Nicht wahr?"

In der That, nur ein Entwurf. Ich hatte keine andere Msicht."

Wie ich Ihnen bereits schriftlich mitgeteilt habe, wünschen Sie ohne Zweifel, mir dies Bild zu verkaufen?"

Nein, Frau Gräfin. Ich wollte mir die Ehre geben, es Ihnen anzubieten."

Mir anzubieten? Unter welchem Titel? In welcher Eigenschaft?" fragte sie, ihren Kopf zurückwerfend, in hochfahrendem Tone.

Er sah ihr scharf in die Augen und antwortete mit fester Stimme:

In der Eigenschaft als Freund von Franz von Sempach."

Diese Worte, die mitten in die Situation griffen und sozusagen den Kämpf ausnehmen sollten, ließen sie ihre Micke nicht zu Boden schlagen. Im Gegenteil, sie betrachtete ihn aufmerksamer noch als das erste Mal. Sie wollte jedenfalls erst ihren Gegner kennen lernen. Dann fragte sie, als ob sie weder den Namen Sempachs vernommen noch- Georgs Absicht begriffen hätte:

Wie waren Sie nur im stände, mich derart ähnlich zu machen? Ich wüßte nicht, daß ich Ihnen jemals gesessen hätte."

Gewiß haben mir Frau Gräfin noch nicht gesessen. Mer iäy war im stände, eine Ihrer Stellungen, den Aus­druck Ihrer Physiognomie zu behalten. Sie sind wunderbar schön. Verzeihen Sie mir aus mir spricht der Künstler. Ihre Schönheit hat meinen Geist vollkommen eingenommen, und es ist mir gelungen, wenn auch nicht diese wieder­zugeben, so doch einen entfernten Begriff von ihr zu machen."

Was für ein Gedächtnis! Welche Geschicklichkeit un8 Raschheit in der Ausführung!" rief sie aus, ihn leistz herausfordernd.

Er verbeugte sich leicht, ohne zu erwidern.

Nach Vollendung dieses Mldes haben Sie es mir sofork übersendet", fuhr die schöne Gräfin fort.Sie wußten also schon seit langem, wer ich bin?"

Nein, gnädigste Gräfin. Noch diesen Morgen wußte? ich es nicht. Dieses Ihr Porträt hat es mir ermöglicht/ es zu erfahren. Einige Freunde kamen heute, mein Atelier zu besichtigen. Sie entdeckten diesen Entwurf, und der eine von ihnen, der Graf von X. . ., der, wie ich glaube/ die Ehre hat, von Ihnen gekannt zu sein, hat mir .Ihren Namen genannt."

»Zu Ihrer großen Freude nicht wahr, mein Herr? Sie haben also damit endlich Ihr Ziel erreicht; denn Sch hatten doch keinen anderen Zweck, das Bild zu malen/ als bloß um meinen Namen zu erfahren."

Ich gestehe es."

Das Mittel war äußerst erfinderisch. Es war we­nigstens nichts so Alltägliches. Sie mißbrauchen aber! etwas Ihr großes Talent."

»Ich gebe es zu. Aber haben nicht auch Sie au jenem Abend meine Leichtgläubigkeit mißbraucht, inderU Sie behaupteten, eine Baronin von Halpern zu sein undi in der Seydelstraße 42 zu wohnen?"

Dieser unverblümte Angriff und diese direkte Ant­wort ließen sie, wenigstens dem Anschein nach, ebenso unberührt wie der Angriff von vorhin. Sie war entschieden aus alles gefaßt gewesen, und unterwarf sich einstweilen, alles still über sich ergehen zu lassen, vielleicht bis zu dem Moment, da sie ihn angreifen würde.

Also Ihre Freunde", fuhr sie nach einem Augenblick des Stillschweigens fort,glauben, darunter auch der Graf von £..., daß ich Ihnen in Ihrem Atelier ge­sessen hätte?"

Nein, Gräfin. Sie glauben nur das, was ich ihnen versichert hatte, daß hier bloß ein Zufall in der Aehnlichkeit oder irgend eine meinem Geiste eingeprägte Erinnerung vorliegt."

Ja, Sie behaupten es wenigstens."

Ich gab ihnen mein Ehrenwort, gnädige Frau."

Gut, ich will Ihnen glauben. Mer", fuhr sie fort, dabei, daß jene Personen nur meinen Namen nannten, ist es doch sicher nicht geblieben. Man hat gewiß über mich gesprochen. Einer der Herren wird wohl versucht haben. Ihnen ein Bild von mir zu entwerfen, wie Sie das meinige auf eine andere Art entworfen haben. Im äußersten Falle hätten Sie sie ja auch schließlich befragt; denn Sie hatten ein Interesse daran, mich in jeder Beziehung kennen zu lernen. Hielten Sie es für indiskret, mich die genaue Mei­nung wissen zu lassen, die man über mich hegt?"

Nicht im mindesten. Diese Herren, die nur das Echo aller Stimmen der Welt und der Gesellschaft bedeuten/