Ausgabe 
3.9.1902
 
Einzelbild herunterladen

523

sie die Furchen gerade! und gleichmäßig; wenn sie pflügen und Pflanzen, so schenken sie der Arbeit ebensoviel Auf­merksamkeit, als wenn sie mit künstlerischer Landschafts­gärtnerei beschäftigt wären. Die Ernte beginnt mit dem grünen Klee, der in Wagenladungen eingebracht und dem Vieh verfüttert wird, nachdem er mit zerhacktem Stroh vermischt worden ist. Ende Juni fängt die Heuernte an. Man konnte denken, daß der Ort belagert sei, so sehr ruhte alle Arbeit, denn das Gras muß zum größten Teil bei Sonnenaufgang gemäht werden, und um 2y2 Uhr des Morgens waren die Mäher auf dem Felde an der Arbeit; die Männer handhabten die Sensen, während die Frauen knieten und das Gras mit Sicheln abschnitten. In dieser rastlosen Zeit ruht jede andere Arbeit. Das Heu wird nicht aufgestapelt, sondern auf Wagen aus die großen Heuböden gebracht, die ein unerläßlicher Teil eines jeden Haushaltes sind. Einige der älteren Häuser sind so gebaut, daß der einzige Zugang zu dieserScheune" durch die Hausthüre ist, und das Heu durch die Küche getragen wer­den muß. Die neueren SHeunen sind größer; sie nehmen eine Seite eines viereckigen Hofraumes ein und haben breite Thüren, die groß genug sind, einen beladenen Wagen einzulassen.

Die Kornernte.

Am 16. Juli begannen unternehmende Bauern die große Kornernte; innerhalb weniger Tage wird diese Haupternte überall in Angriff genommen werden, ob­gleich sie jetzt durch Regen unterbrochen wird. Aus jedem Hofraum ertönt das Klingen eines Hammers^ der die Sense auf dem Ambos schärft. In der ganzen Gegend umher habe ich nicht eine Mähemaschine gesehen, ob­gleich sie jetzt auf den größeren Gütern eingeführt werden, wie ich höre. Die schmalen Felder werden gewöhnlich von allen Familienmitgliedern, die der Schule entwachsen sind, zusammen in Angriff genommen; sehr oft trappelt ein Glied, das beträchtlich hinter jenem Alter zurücksteht, in den Stoppeln umher oder lagert sich auf einer Garbe und darf sich dort nach Belieben die Zeit vertreiben. Der Vater handhabt die breite, kurze Sense mit gebogenem Schirme von Drahtflechtwerk; er versetzt den Halmen sanfte, fast liebevolle Streiche und läßt sie in schiefer Richtung hinfallen. Die übrigen Glieder der Familie folgen, indem einige die Halme mit Hilfe einer Sichel in Bündel sammeln und sie sehr weit unten binden, so daß die.Garben einen an einen kleinen Knaben erinnern, der einen russi­schen Guotel trägt. Von den Garben werden immer zehn zu einem kegelförmigen Haufen zusammengestellt; ein gewandter Ackersmann stülpt dann eine elfte verkehrt zum Schutze gegen den Regen oben drauf. Diese Korn­haufen werden sehr ordnungsmäßig und in regelmäßigen Zwischenräumen an einer Seite des abgemähteu Feldes aufgeöaut. Mittags sieht man die Schulmädchen oft Arm in Arm auf das Feld gehen, um den Arbeitenden das Mittagbrot zu bringen; das ganze Bild zeigt solch' idyl­lische Einfachheit und hat solchen Reiz, daß es einem das Gefühl einflößt, als wenn alles Stadtleben Schein und Täuschung wäre.

Noch vor wenigen Jahren wurde alles Getreide mit der Hand äusgedroschen, und jedes der älteren Häuser hat noch seine Dreschtenne, wo die schweren Dreschflegel, wie die Rüstungen der Vorfahren, noch an den Wänden hängen, ein Andenken an mühsamere Zeiten. Nun wacht die Damps- dreschmaschine die Runde, und der Dreschflegel ist den Weg des Spinnrades gegangen, den die Sense sicher auch bald einschlagen wird.

Verteilung des Eigentums.

Jeder Bürger hat eigenes Land, und die Verteilung des Eigentums ist frei von schreiender Ungleichheit, wenn sie auch nicht ganz gleichmäßig geschieht. Durch hessi­sches Gesetz fällt jedem Kinde ein gleicher Anteil von dem Eigentume seines Vaters zu, so daß das Land in eine endlose Zahl kleiner Güter zersplittert wird. Eine gute Folge dieser Verteilung ist, daß jeder Eigentümer dadurch ermutigt wird, gut zu wirtschaften, und den Ehrgeiz hat, seine Ländereien nach und nach zu vermehren. Gewöhnlich heiraten die jungen Leute im 25. Lebensjahre und grün­den dann ihren eigenen Haushalt. In der nahen preußi­schen Provinz erbt der älteste Sohn alles Land und hält das Grundstück zusammen, während die übrigen Kinder dafür mit Geld entschädigt werden. Häufig bleiben dann die jüugeren Söhne unverheiratet auf dem Gute, und

M tji efit beständiger Hang zu Ungeordneten gesellschaft­lichen Zuständen vorhanden.

Das Leben im Dorfe.

Im Umfange des stillen Dorfes bewegt sich das Leben in sehr geordneter Weise. Die Häuser stehen jetzt nicht so dicht zusammen wie im Mittelalter; damals umgäben graue Steinmauern, von denen noch beträchtliche Ueberreste vorhanden sind, das Schloß auf der Spitze des Berges, und schlossen den ganzen Weiler ein. Tie Uhr im Thorweg schlägt jede Stunde, und eine Glocke wird zu bestimmten Zeiten während des Tages gelautet; zuerst um 7 am Morgen, wann die Schule anfängt, die bis 11 dauert, und dann von 13 am Nachmittag fortgesetzt wird. Um 10 Uhr ertönt die Glocke wieder über die Felder, ein Gebrauch, der aus dem Mittelalter stammt. Tie Arbeit wurde dann das Gebetes wegen eingesteckt. Tie gegenwärtige Gene­ration ist nicht mehr so fromm, aber die Glocke ertönt noch wie von alters. An gewissen Tagen ertönt die Glocke um' 8 Uhr abends; dann trifft derStadtdieneck' mit Vertretern verschiedener Haushaltungen zusammen und' bestimmt durch das Los die Stunden zum freien Gebrauch des öffentlichen Backhauses. Dies ist ein steinernes Gebäude, das hin­reichend mit Oeffnuugen versehen ist, um den Rauch aus­strömen zu lassen; es hat Gestelle und Tische für die Brote und Kuchenbleche an einem Ende, und! an dem anderen Ende ist der ungeheure, höhlenartige, steinerne Backofen, in dem man auf einmal alles Brot backen kann, das für eine ganze Familie drei Wochen lang ausreicht. Jede Familie bringt ihre zum Backen fertigen Brotlaibe und ihre Reisigbündel herbei. Die letzteren werden schnell in dem steinernen Ofen verbrannt, bis die geeignete Hitze erlangt ist; dann werden die glühenden Kohlen heraus gescharrt, und das ganze Gebäck wird aus den aschigen Boden des Ofens ge­legt und Mchtig durchgebacken. Ungefähr vierzehn Fa­milien können den Ofen jeden Tag benutzen-

Die Glocken läuten den Sonntag ein.

Bei Sonnenuntergang am Samstag erschallt das Ge­läute von vier melodisch tönenden Glocken, um den heran- kom'menden Ruhetag zu bewillkommnen, der am Sonntag- Morgen auf dieselbe Weise begrüßt wird. Um 9 Uhr 30 Min. ruft eine Glocke die Leute zum Gottesdienste.

Die Schule.

Es sind auch zwei massiv und' schön gebaute Schul- Häuser da, die mit der größten Sorgfalt unterhalten wer­den. Ueber jedes führt ein Lehrer die Aufsicht, der mit seiner Familie in dem Gebäude wohnt und ein hoch an­gesehener Mann ist. Jedes Kind muß vom 6. bis zum 14. Jahre die Schule besuchen- und' wenn die Heranwachsen­den jungen Leute dieses Alter erreicht haben, werden sie in die Landeskirche ausgenommen. Drei weitere Jahre, vom 14. bis 17., müssen die Knaben während der Wintermonate dreimal wöchentlich die Wendschule besuchen. Hieraus sind sie von den Schulpflichten befreit, uud für weiteren Unter­richt wird dünn hier nicht mehr gesorgt.

Tas Gcziehungssystem selbst werde ich nicht beschreiben, ich will nur einen beneidenswerten Zug davon erwähnen. Der Schüler, welcher spricht oder hersagt, muß feine Ant­worten oder Darlegungen unerschrocken und mit voller Lungenkraft geben, daß er saft schreit; dies ist sehr gut für den Ausdruck der Persönlichkeit, und etlvas, was die ameri­kanische, öffentliche Schule mitunter gering schätzt und außer acht läßt. Wenn unsere jungen Leute gelehrt würden, jenes unvergleichliche Organ des Ausdrucks, die menschliche Stimme, früher zu gebrauchen, so würden wir weniger leiden durch jene abbittende, sich selbst zurückdrängende Schüchternheit in allen Dingen, die den Verstand und die Gelehrsamkeit betreffen.

Die Höflichkeit der Leute.

Tie Leute sind äußerst, fast erdrückend höflich. Tie Männer nehmen immer den Hut ab!, wenn sie Fremden be­gegnen, und jedes Kind im Torfe wird gelehrt, den vorüber­gehenden Besucher mitGuten Tag" zu begrüßen; wenn wir durch die Straßen gehen, werden wir deshalb! fort­während gegrüßt.

Die Häuser.

Wie schon augedeutet worden ist, sind die besseren Häuser staunenerregende Wohnsitze, die aus drei Seiten von einem großen, gepflasterten Hofe umgeben sind; hier liegen Reisigbündel Und hohe Haufen Buchenholz, das in großen Stücken aus dem Walde gebracht wird und leicht gespalten!