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Hails, glaubst Du, daß Rudolf selber irgend welchen Glauben hat?"

Das weiß ich wirklich nicht, mein Schatz; ich kann nicht anderer Herzen und Nieren erforschen!"

Das brauchst Du mir nicht zu sagen, aber man pflegt sich doch gewöhnlich eine Ansicht zu bilden."

Ja, dann geht meine Ansicht dahin, daß er dem Grund­gedanken des Christentums näher ist, als Tausende, die sich mit dem äußeren kirchlichen Stempel schmücken; aber er ist ein echtes Kind der neuen Zeit, er geht auf eigene Hand." .

Ja, aber dürfen wir auf eigene Hand gehen?"

Wir sollen es thun!"

Kinder müssen doch von ihren Eltern geleitet werden, das ist die Ordnung des Lebens."

Mein Schatz, Du lebst zu viel in der Vergangenheit, und zu wenig in der Gegenwart."

Er bewies ihr, wie jedes neue Geschlecht sich eine selbständige Grundansicht bilden müsse und sich nicht bei den Anschauungen der Vergangenheit beruhigen dürfe. Es war ganz recht, was Rudolf neulich von Lessing zitiert hatte, als sie über Religion und Erziehung sprachen:Die christ­liche Religion ist kein Werk, das man auf Treu und Glauben von seinen Eltern hinnehmen darf."

Ja, das ist es!"

Wir sollen uns selber eine Ueberzeugung bilden, indem wir an den Kämpfen des Lebens teilnehmen wir sollen wägen und verwerfen, uns Zoll für Zoll Vorwärtskämpfen, dann kommt Ernst in unsere Anschauungen; das andere führt nur zu einem lauen Ueberlieferungsglauben, der ein ewiger Hemmschuh für das selbständige Wachstum der Persönlichkeit ist. Und wie es hiermit geht, so geht es mit allen geistigen Fragen: wir müssen selbst in den Strom hinaus und erproben, ob uns das Wasser zu tragen vermag."

Das ist ganz schön, aber Du kannst glauben, daß viele zu Grunde gehen würden, falls nicht ein guter Vater, eine Mutter oder ein Freund sie über Wasser hielte. Da sind so viele, so viele ja Tausende, die in geistigen Dingen nicht Schwarz und Weiß voneinander zu unterscheiden ver­mögen wie sollen die aus eigene Hand gehen können?"

Ja, die Hauptsache sei, daß wir uns an dem Kampf beteiligten, daß wir wach seien und stets nach Wahrheit strebten."

Dies räumte sie ein. Sie sähe sehr wohl ein, daß die alte Zeit im Vergleich zur Gegenwart eine tote Zeit sei. Heutzutage läge weit mehr Wachstum in der Luft; sicher aber fet eine Menge von all dein Neuen durchaus nicht gesund.

Aber ich weiß sehr wohl", fuhr sie fort, ihn an den Haaren zausend,daß Du nur das willst, was wahr und recht ist. Du Jakobiner, der Du geworden bist!"

Böje war auch Mitglied des Diskussionsvereins ge­worden und hätte eigentlich mit Rudolf gehen sollen, aber er blieb zu Hause aus Rücksicht auf Helene, deren Nieder­kunft kurz bevorstand.

Es war so warm und heimisch in dem lleinen Zimmer. Böje streckte sich gemütlich auf dem Sofa aus, rauchte seine lange Pfeife und nippte von Zeit zu Zeit an seinem Glase Grog. Durch ein feines Spitzennetz von Seiden- vapier verbreitete dre Lampe einen rötlichen Schimmer über die Stube, zeichnete ein großes Lichtschild in die weiße Gipsdecke und übergoß die Palmen und Gummibäume, die in der Ecke standen ,mit einem dunklen Purpurton, sodaß sie sich ausnahmen wie ein morgenländischer Wall» im letzten Lichtbad der Sonne.

Wie herrlich wir es doch haben!" ries Helene aus, ganz nahe zu ihm heranrückend.

Sie schmiegte sich an ihn in dem heißen Verlangen, sich in seiner Liebe zu bergen und Frieden an seiner Brust einzuatmen.

In träumerischer Stimmung saß sie lange da, den Kopf an seine Schulter gelehnt, während die Augen in die Ferne schauten und das Herz im milden Frieden über dem Leben pochte, das ihr und Böjes Dasein noch reicher und schöner machen sollte; plötzlich aber fuhr sie zusammen unter einem jener kalten Ähauer, die sie oft befielen wie der Hauch eines lauernden bösen Geistes.

»Ich finde, es wird so kalt hier", sagte sie, indem sie sich unruhig zuckend aufrichtete.

In bangem Warten, schwankend zwischen peinlicher

Angst und geheimem Glück, ging Helene Tag für Tag umher, alles in ihren Schubfächern ordnend.

Diese entzückenden kleinen Leibchen, diese zierlichen, winzig kleinen Jacken und Strümpfe! Sie konnte halb« Stunden lang stehen und das alles mit einem träumerischen Glanz in den Augen betrachten.

Böje war den größten Teil des Tages fort. Wie sehnt« sie sich nach einer erfahrenen Freundin, mit der sie einmal vertrauensvoll hätte sprechen können!

Mit Schmerzen sollst Du Kinder gebären---

Cie hatte oft ein unllares Gefühl, daß dort über dem! freundlichen Himmel «in drohendes Gottesgericht thronte, das sie treffen würde, ehe sie es ahnte. Wenn nun Gott sie mit fürchterlichen Qualen strafen wollte oder gar mit dem Tode!

Tann flehte sie zu Gott, daß er ein wenig mit seinem Gericht warten möge, daß das, was ihr bevorstand, einen guten Verlauf nehmen möge, daß es ihr vergönnt sei, eins Zeitlang mit ihrem Kinde zu leben.

Wenn Böje bet ihr war, fühlte sie sich ruhiger, er nahm ihr mehr als die Hälfte ihrer Angst und teilte ihr von seinem Mute mit.

In die Nebenwohnung, die lange leer gestanden hatte, zog eines Tages eine einsame Frau, eine Künstlerwitwe, ein, die sich, wie man sagte, von Porzellanmalerei und Kunststickerer ernährte.

Es war Helene, als müsse sie dieses feine, bleiche! Antlitz schon früher gesehen haben; endlich wurde es ihr klar, daß es jene Frau sein müsse, die sie an einem Winter- tage auf dem Bahnhof gesehen hatte. Und wirllich sie war es. Helene wagte e>s sedoch nicht, sich mit ihr ein-, zulassen, sie sah so scheu aus.

Aber eines Tages, als sie einander auf dem Korridor! begegneten, kamen sie in ein Gespräch. Helene erhielt einen Einblick in die Geschichte eines unglücklichen Lebens, die ihr« Neugier und ihr Mitleid erregte.

Seit jenem Tage schaute sie ost nach der jungen Frau aus, diese aber hielt sich auf ihrer Seite und schien am liebsten so unbeachtet als möglich zu sein.

Dann eines Abends, als Böje eben zu Bett gegangen und sie selbst schon halb entkleidet war, schellte es heftig, und als Helene öffnete ,stürzte ihr ihre junge Nachbarin entgegen.

Ich saß da drinnen, und mir wurde so bange", sagte sie.Ach, darf ich mich nicht einen Augenblick zu Ihnen setzen? Ich gehe auch gleich wieder."

Sie nahm auf einem Stuhle neben der Thür Platz und preßte die Hände gegen die Stirn.

Mich befällt zuweilen eine solche Angst darf ich nicht zwer Minuten hier sitzen?" bat sie mit dem demütigen Blick eines Hundes.

Helenes weiche, taktvolle Teilnahme beruhigte die ein-« geschüchterte Frau und glättete die Wogen ihres Gemüts« Sie wurde mitteilsam, erzählte Züge aus ihrem Leben, aus ihrer auf Bornholm verlebten Ändheit, wo ihr Vater Pfarrer war, und aus der letzten Zeit, wo sie um ihr Aus­kommen gekämpft hatte. Aber die dazwischen liegenden Dinge, die offenbar die eigentliche Ursache ihrer überreizten! Nerven waren, berührte sie nur mit einer Flüchtigkeit, di« Helene in einen Kreis von Gedanken verwicMte, ohne auch nur eine einzige klare Vorstellung bei ihr zu erwecken.

Ich verstehe Sie nicht ist Ihr Mann denn! nicht tot?"

Mein Mann? Ja, das heißt ach, ich leide so ent­setzlich an meinem Kopf, ich wollte, ich könnte das Denken! ganz lassen ach, wenn man nur das Denken lassen könnte, Frau Böje!"

Sie sah in diesem Augenblick so mager und verkrüppelt aus. Unwillkürlich mußte Helene an ihre kleine sterbend« Mutter denken.

Aber man kann es nicht lassen!" fuhr sie fort.Und das ist dumm. Denn man kann ja nicht das Geringste an seinem Schicksal ändern. Frau Boje, glauben Sie an einen Gott, an einen persönlichen Gott, der in unser Leben ein­greift?"

Freilich thue ich das!"

Und der straft, so wie im Men Testament?^ !

Ja weshalb fragen Sie nur danach?"

Dann muß er entsetzlich böse auf mich sein. Ach, ich habe zu ihm gefleht ich habe des Nachts in meinem Fenster gelegen und ihn angerufen, wenn alle di« anderen,