Ausgabe 
3.5.1902
 
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(Nachdruck verboten.)

Die Möve.

Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen

von Mathilde Mann. j

(Fortsetzung.)

Hin und wieder kam Kandidat Rudolf gelaufen, alle Taschen voller Bücher, über die er entweder sein Urteil in einer Zeitschrift abgeben sollte, oder über die er es bereits abgegeben hatte.

Eines Abends, als Rudolf wieder einen Augenblick vor­sprach, kam die Rede auf die Feindschaft gegen das Christen­tum, die Helene verbrecherisch fand,wir haben ja Gottes offenbartes Wort, an das wir uns halten können."

Haben Die denn niemals mit Zweifeln gekämpft, Frau Boje? Ja, da sehen wir es! Wissen Sie, was ein berühmter englischer Aesthetiker gesagt hat:Keine mensch­liche Seele, die sich selbst unter marternden Zweifeln ge­wunden hat, wird verächtlich hierüber reden." Ach, Sie haben sich gewiß nie sonderlich gewunden!"

Ich? Nein, das will ich gestehen, das hab' ich eigentlich nie gethan!"

Ja", fiel Boje ein,man darf den Zweifel nicht als Sünde betrachten, es kann ein Ausdruck des innigsten Sehnens nach Licht und Frieden sein."

Ja, das ist genau, was ich meine! Und das meint Tennyson auch, wenn er sagt:

Der Glaube liegt oft mehr im Zweifel

Ms im Bekenntnis, das man leichthin spricht."

Hiergegen hatte sie jedoch einzuwenden, daß man bis zu einem gewissen Grade Herr seines Zweifels werden könne, falls man nur den ernsten Willen habe.

Menn heutzutage so viele dem Unglauben verfielen, so habe dieses seinen Grund darin, daß sie nicht vorwärts wollten, nicht aushielten, oder auch ihren Sinn in wissens­stolzem Trotz verhärteten; mit ihrer Gelehrsamkeit und ihrem Grübeln könnten sie nicht zur Erkenntnis gelangen, deswegen würden sie bitter, bezeichneten das Ganze als Absurditäten" und verhöhnten uns, weil wir an solche Absurditäten" glaubten.

Sie reden von Willen, Frau Böje! Ist es nicht eine der Lehren des Christentums, daß der Wille gebunden zu Füßen der sündigen Menschheit liegt? Giebt uns nicht Gott sowohl das Wollen, als auch das Vollbringen? Was sagt doch der große Terminist von Tarsus?Was ich will.

Ssmslag den 8. Mai.

bw

1902. Nr. 66.

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3

ernt du Gott wolltest Dank für jede Lust erst sagen, Du fändest gar nicht Zeit, noch über Weh zu klagen.

Rückert.

das thue ich nicht, und was ich nicht will, das thue ich!"- Nein, wenn das Christentum fällt, so geschieht es traft der Entwickelungsgesetze, kraft"

Aber es fällt nicht!" unterbrach sie ihn.Christus hat versprochen, daß die Pforten der Hölle niemals Macht über die Lehre des Christentums gewinnen sollen."

Sie machen es genau so wie die Theologen: Sie beweisen die Wahrheit des Christentums mit den eigenen Lehren des Christentums."

Was lasen wir doch neulich, Hans? Die Worte, die Goethe zu Eckermann sagte? Ja, jetzt entsinne ich mich."

Sie lief nach dem Bücherborde und entnahm ihm ein Heft.

Sie sind immer so mit den großen Namen bei der Hand, Rudolf! Hören Sie nun einmal, was einer der größten Geister der Welt über das Christentum gesagt hat wenn ich es nur finden kann. Ja, hier ist es!Wie weit auch die geistige Kultur fortschreiten, wie weit sich auch der Menschengeist verbreiten mag, er wird doch niemals über die Hoheit des Christentums und die ganze sittliche Kultur hinausgelangen, so wie sie uns aus den vier Evan­gelien entgegenleuchtet."

Lassen Sie Goethes Christentum nur aus dem Spiel, liebe Frau Böje! Unsere Zeit fragt nicht, ob ein Mensch Mohammedaner oder Christ ist, sie fragt nur, ob er tüchtig ist, ob er der Menschheit von Nutzen sein wird. Weißt Du, was Shelley sagt?Ein Mensch kann so rechtgläubig sein, wie er nur will, wenn er nicht die Freiheit und di« Wahrheit liebt, wenn er nicht für das Glück und den Frieden des Menschengeschlechts kämpft, so ist er ein herz­loser Heuchler, ein Schelm, ein Schlingel."

Ja, aber jeder wahre Christ . . . ." warf Helene eitt,: ohne jedoch vollenden zu können.

Sehen Sie, Frau Böje, die Staatskirche bringt Recht­gläubige zu Tausenden hervor, aber sie erzieht nicht einen einzigen freimütigen, selbständig denkenden Menschen ganz im Gegenteil!"

Hören Sie einmal Sie sind so entsetzlich eifrig, jeder wahre Christ wird doch gerade für das Glück des Menschengeschlechtes kämpfen, für geistige Freiheit und rKcibtbcit/'

Dann geschieht das trotz der Staatskirche/<

Ter Volkskirche", verbesserte Böje.

Unsinn! Wir haben keine Volkskirche, die Kirche ist eine einfache Staatsmaschine. Dann hat sich die Persön­lichkeit emanzipiert, Frau Böje! Die Staatskirche hält ihre Leute in Ketten festgeschmiedet, in Dogmenbanden, und leidet kein Auflehnen gegen die Autorität."

Und dann eilte der kleine Mann von dannen ep wollte in den Diskussionsverein.

Helene schüttelte den Kopf und saß eine Weile in Ge-. danken versunken da.