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freut sich an dem Riesenjahrmarkt mit der Harmlosigkeit des Kindes, kauft von den nichtsnutzigen Kleinigkeiten, die an hunderten von Verkaufsständen feilgeboten werden und verschlingt dabei ungeheure Quantitäten des überaus billigen und dabei keineswegs schlechten Zuckerzeuges, dessen Güte sich deutsche Konfitürenfabrikanten für die billige Massenware zum Muster dienen lassen könnten. Plätze und Wege sind mit Millionen von Schalen des Sonnenblumensamens, hier „Semjaschtschi" genannt, bestreut, gleich als ob eine Konfettischlacht mit diesem Material durchgefochten wäre. Etwas Derartiges liegt jedoch dem Sinne der Menge gänzlich fern, und diese Schalen rühren vielmehr davon her, daß jebe Besucherin des Marktes einige Handvoll dieser bei uns nur zur Oelgewinnung benutzten Samen in der Tasche hat, von denen sie ununterbrochen knabbert.
Von allen Setten aus Buden und Zelten erschallende Musik beweist, daß man eifrigst dem Tanzvergnügen huldigt; dazwischen zeigen Balalaikaspieler, d. i. eine Art Harfenisten, ihre Künste, und in den ganzen sinnbetäub enden Lärm mischt sich das Schreien und Toben sinnlos Betrunkener, die , nachdem sie vielleicht monatelang keinen Tropfen alkoholischer Getränke außer dem sauren, düun- bierartigen Kwaß genossen haben, nun einmal das Versäumte gründlich nachholen.
Es gehört zum guten Ton in der besseren Gesellschaft, daß man dem Volksfeste im Schlitten einen Besuch abstattet. Wer den Prunk derjenigen, die sich zur großen Welt rechnen, sehen tvill, hat daher hier die beste Gelegenheit. Von den mit schwerem' Bärenfell verbrämten Schlitten betrachten in die kostbarsten Pelze gehüllte Damen das bunte Treiben. Im sausenden Galopp — die russische Polizei ist nämlich in dieser Zeit hinsichtlich der Uebertretungen der Schnellfahrverbote besonders nachsichtig — drängen sich andere Schlitten, auf denen angeheiterte Gesellschaften mit Trommeln, Trompeten und Balalaiken einen Höllenspektakel vollführen, blitzschnell durch das lebensgefährliche Gewühl, und wenn auch au irgend einer scharfen Ecke das leichte in eine Schleuder geratene Gefährt umwirft und seine Insassen auf dem hartgefrorenen Boden absetzt, oder ein aus einer Wutkischänke heraustaumelnder Mann überfahren wird, „Nitschewo", sagt der Russe, in dessen Wörterschatz dieser kurz mit „Macht nichts" zu übersetzende Ausdruck überhaupt der gebräuchlichste ist.
Daneben fahren aber auch in solidem Tempo große Staatskarossen, deren Lenker die Livree der Hofkutscher tragen, und aus denen junge Mädchengesichter erstaunt auf eine, ihnen fremde Welt blicken. Es sind die Töchter altadeliger Familien ober auch hoher Beamten, welche sich in den von Katharina der Großen gegründeten Erziehungsinstituten aufhalten und gemäß einer von der Stifterin dieser Anstalten getroffenen Verfügung noch heute die dreimalige Rundfahrt um die Balangauistadt machen dürfen.
Familien, die unter einander befreundet sind, laden sich gegenseitig in der Butterwoche zu einer Bliny ein, .welche das eigentliche Gebäck der Masleniza ist und in unglaublichen Mengen verzehrt wird. Es ist ein aus Buchweizen oder Heidemehl gebackener Eierkuchen, der mit Butter und Kaviar verzehrt wird, und der Stolz der Hausfrau ober deren Köchin ist, die, wenn das Gericht für gut befunden wird, von den Gästen herbeigerufen wird, und bei dieser Gelegenheit besondere Anerkennung findet. Deutsche Hausfrauen würden wohl die Hände ringen, wenn man an sie die Zumutung stellte, einige Pfunde Kaviar, das Pfund zu 10 bis 16 Mk., auf dieses einzige Gericht zu verwenden. In Rußland reißt jedoch die Bliny nicht ein so besonders großes Loch in den Geldbeutel,- denn der feinste flüssige Kaviar, der sogenannte „Jkra", wird nur in den vornehmeren Häusern als Zuthat verwandt, und ist im Heimaltlande des Kaviars, doch um ein Erhebliches billiger als im Auslande, und in den anderen Volkskreisen bedient man sich, des sehr preiswerten Hausenkaviars oder des überaus billigen Preßkaviars, der hinsichtlich seiner Verdaulichkeit allerdings für westeuropäische Mägen ein Prüfstein für deren Tüchtigkeit ist.
Haben dann die Mietsschlitten in später Nacht die Gäste wieder zu ihrem Heim zurückgebracht, dann sieht man wohl in den nach Haufe gelenkten Fuhrwerken statt der vornehmen Insassen einen Mann im ordinärsten zerrissenen
Kibtar (Schafspelz) stolz im Fond thronen. Hier offenbart sich die Gutmütigkeit des russischen Volkes. Ein armer Teufel, der sonst, das ganze Jahr hindurch keine hundert Schritt gefahren ist, bittet den Jswostschik, ihn doch ein Stückchen mitzunehmen, und meistens wird die Sitte auch erfüllt. Hat der sonderbare Fahrgast dann vielleicht auch in den außerordentlich weitläufig gebauten russischen Großstädten eine halbe oder ganze Stunde durch die bitter kalte Winternacht nach Hause zu gehen: „Nitschewo!" macht nichts. Man ist doch Schlitten gefahren, hat seine Bliny gegessen, auch einmal Schnaps getrunken bis zur Bewußtlosigkeit, und das sind genug der Genüsse, um an der Erinnerung an diese durch die Fastenzeit zu zehren, wo man in den untersten Klassen und auf dem Lande kaum viel mehr genießt, als Mamlika und Heidensterz, der mit Leinöl abge- schmalzen ist. Der russische Muschik saugt dann wie Kater Hiddigeigei än der Erinnerung Pfoten, bis mit dem nächsten Jahre eine neue Butterwoche ins Land zieht.
Gsmernnnlziges.
Eingewachsene Nägel. Schuld an diesem Nebel, mit dem Tausende von Menschen behaftet sind, ist einerseits unrichtiges — d. h. zu enges ober kurzes Schuhwerk — ober falsches Beschneiden der Nägel. Gänzlich verkehrte Methoden, diesem Nebel abzuhelfen, sind Herausschneiden, wodurch die Schmerzen nur auf die kurze Zeit gehoben Iverben, ober gar die Operation des halben oder ganzen Nagels bis auf den Grund. Der nun nachwachsende Nagel wird mit demselben Fehler behaftet sein. Eine ganz einfache, immer sichere Hilfe ist, nach dem „Praktischen Wegweiser", Würzburg, folgende: Die erkrankte Zehe badet man täglich ca. eine halbe Stunde in möglichst warmem Seifenwasser. Unter den hierdurch erweichten kranken Nagel versucht man kleine Wattefädchen zu stopfen, desgleichen an der erkrankten Seite, sodaß sich einerseits der Nagel hebt, andererseits das seitlich überwuchernde, meist sog. wilde Fleisch von dem Nagel abgehoben wird. In den ersten Tagen wird dies nur wenig gelingen, aber nach einiger Zeit wird der Nagel ringsherum in Wattebäuschchen ein» gehüllt sein. Dies wiederholt man täglich, indem man das alte hervorzieht und neues, und mehr Watte unterschiebt. Auf keinen Fall schneide man das ehemals eingewachsene Stück Nagel ab; denn es schmerzt ja nicht mehr, und die Heilung würde nur hingehalten. Das wilde Fleisch behandelt man am besten mit einem Höllensteinstift, mit dem man dasselbe öfter im halb feuchten Zustande überstreicht. Es verliert sich dann bald durch allmähliches Abblättern, infolge des Aetzens. Ist der Nagel nun wieder normal vorgewachsen, so sei man vorsichtig beim Beschneiden. Jedenfalls schneide man nie ans den' Ecken heraus, sondern lasse diese rechtwinklig stehen.
L e s e f r ü ch t e.
„Wer sich beständig ausschlußweise mit Büch eru beschäftigt, der ist für das praktische Leben verloren."
(Seum e, „Apokryphen".)
„Viele Kinder, welche die in der Schule erhaltenen Schläge ihren Büchern beimessen, um derentwillen sie Strafe erlitten hätten, vereinigen diese Begriffe so miteinander, daß ein Buch ihnen Abscheu erregt und sie Zeit ihres Lebens nicht mehr zur Benutzung eines solchen gebracht werden können."
(Locke, „Of Human Understanding".)
Ergärrzuugsrätsel.
Nachdruck verboten.
E. .s. d.. F.h.e. d.. I . ng . . n s..h i.m.r .ü. ..ü.kl..h.r .d.r . ng . . ck . . ch . . z. h . . l . n, . l . . r i. . l
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Quadraträtsels in vor, Nr,r MOND OMAR NASE DREI
Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Berlag der Brülll'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


