Ausgabe 
3.3.1902
 
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Holthaus strich mehreremale mit der Hand durch seinen wohlgepflegte« Bart, im Stille« überlegend.

Wenn Du es wünschest, Mnd, ich will Dir gestehen, pah mir der Gedanke schon selber gekommen ist, doch konnte ich mich immer «och nicht zu der Trennung entschließen, aber das kommt davon, wenn man jo ein einziges Töch­terchen hat."

Wenn Du mich vermissest, lieber Vater

Nein", unterbrach er sie,ich will, daß bei meinem Liebling wieder Frohsinn und Heiterkeit Einkehr halten. Eine neue Umgebung, andere Menschen und andere Ver­hältnisse werden dies am leichtesten herbeiführeu. Auch bist Du der Schwester Deiner Mutter wirklich diesen Besuch schuldig. So triff denn Deine Vorbereitungen, und sage, wann Du zu reisen gedenkst."

Am liebsten sogleich morgen, lieber Vater."

Er blickte überrascht auf sie, wollte noch etwas er­widern, bezwang sich aber und schwieg. Hella mochte ja auch wohl recht haben; es giebt Leiden, bei denen jedes gesprochene Wort nur grausam in das eigene Fleisch schneidet. Mochte sie suchen, in der Ferne Vergessen zu finden, und Gott mochte geben, daß sie Zurückkehrt-e mit neuern Lebensmut.

Er würde seiner Schwägerin einige diskrete Andeu­tungen machen, und die feinfühlige Frau würde chn ver­stehen, und Hella Helsen, die erste große Trübsal ihres jungen Lebens zu vergessen.

Fast ein halbes Jahr war verflossen, seit Hella fast fluchtartig die Heimat verlassen. Ihre Briefe, die anfänglich von tiefer Schwermut zeugten, schienen allmählich wieder von heiterer Lebensauffassung durchweht.

Holthaus atmete auf.Gott fei Dank, sie scheint über­wunden zu haben", sagte er leise vor sich hin, und er wagte nun auch einmal anzudeuten, wie sehr er sie ver­misse und sich nach ihr sehne. Den dritten Tag, nach Ab­sendung dieses Briefes, stand Hella vor ihm.

Liebes, liebes Väterchen! Da bin ich! Nun hast Du Deine Hella wieder für immer!"

Holthaus schaute sie betroffen an. Die letzten Worte klangen ihm so sonderbar, so von Weh durchdrungen. Sollte sie dennoch nicht überwunden haben?

Aber er nahm sich vor, dies scheinbar unbeachtet zu lassen. Je weniger man eine Wunde berührt, je weniger schmerzt sie. Die alles lindernde Zeit würde ja wohl auch an Hella ihr Samariterwerk vollenden.---

(Fortsetzung folgt.)

Masleniza, die BMeMocht.

Momentbilder vom russischen Fasching (2. bis 9. März).

Von Richard zur Linden-Moskau.

(Nachdruck verboten.)

Wer an einem der schweren Arbeit gewidmeten Werk­tage die Grenzen des heiligen Rußland überschreitet, und den russischen Muschik kennen lernt, wie er sein Arbeits­pensum mit augenscheinlicher Verdrossenheit bewältigt oder sich dem Ausruhen unb der Muße hingiebt mit der uner­schütterlichen Gemütsruhe eines ermüdeten Haustieres, der wird kaum glauben wollen, daß auch im russischen Volke die Empfänglichkeit für ausgelassene Faschingsfreuden im Geschmack des rheinischen oder italienischen Karnevals steckt. Auch wenn man das Volk bei seinen sonntäglichen Ver­gnügungen auf dem Lande beobachtet, wenn die Dorsdirnen Unverdrossen auf dem Kirchplatz in stundenlanger Dauer den Kolo oder irgend einen anderen Ringeltanz unter Ausschluß der Männer ausführen, bei welchem sie sich selbst in schwer­mütigen und eintönigen Melodien begleiten, hält man es für fast unmöglich, daß sich dieser Ernst je in fessellose Aus­gelassenheit verwandeln könnte.

Und doch geschieht einmal im Jahre das Wunder, sobald im Kalender des Kirchenjahres die sehnsüchtig erwartete Masleniza oder Butterwoche beginnt, aus welche sich Mann und Weib, alt und jung, mindestens ebenso freut, wie der Münchener auf die Salvatorzeit und das Oktoberfest.

Vorweg sei ein Wort zur Erklärung des Namens ge­stattet. Maslo (masla) bedeutet in allen slavischen Sprachen Butter", und die den Namen Masleniza führende Woche vor Beginn der sechswöchigen strengen Osterfasten heißt

somit Butterwvche. Die orthodoxe Kirche übertrifft nämlich in der Strenge ihrer FastecrgeLote noch bedeutend die römisch-katholische Kirche; sie fordert von ihrem Bekenner in dieser Fastenzeit nicht nur Euthaljcsamkcit von allem Weisch, sondern auch von alle« von Türen stammenden Nahrungsmitteln, sogar von Eiern und Butter. In der Masleniza ist jedoch deren Geriuß noch erlaubt, und ebenso wie man sich aus allerhand zarten Fischern Kaviar, Hum­mern und anderen Leckerbissen ein des ersten Feinschmeckers würdiges und gleichwohl den Fastengeboten entsprechendes, üppiges Wahl zufammenstellen kann, welches geradezu das Gegenteil der von der Kirche geforderten Entbehrung bilbet, ebenso benutzt der giusse in der Masleniza die Erlaubnis!, Milch, Butter und Eier zu genießen, um aus diesen einfachen drei Bestandteilen die ansgesuchtesten Gerichte herzustellen, welche die stoffliche Grundlage zur Stärkung des irdischen Leibes in der Zeit des Jahres bilden, in welcher er nach Herzenslust austvllt.

Natürlich Hilde« diese Essereien nur den Rahmen für die in der Masleniza stattfindenden Vergnügungen, daran man in Gedanken schon zehrt, sobald der im heilige» Ruß­land zeitig eintretende Winter den ersten 'Schnee vom Himmel herniedersendet. Der armseligste Muschik sucht in den langen Wintermonaten einen kleinen Spargroschen zusammenzu­scharren, um an den vielfachen Lustbarkeiten der tollen Woche teilnehmen W können, selbst auf die Gefahr hin, deswegen täglich ein Glas des geliebten Wutki weniger trinken zu müssen. Was er so mühselig erübrigt, wird dann in wenigen Tagen mit einer Seelenruhe verkitscht und vermöbelt, als ob er in Millionen wühlte und das! Geld für ihn wertlos fei. Mik Leib und Seele ist natürlich auch die liebe Jugend bei der Sache. Dem Faulpelz, der nichts lernen will, wird angedroht, daß er in der Masleniza! zu Hause bleiben muß, während dem fleißigen Kinde der Besuch der Theater und der Cirkufse mit ihren Feenstücken, Pantomimen und Zaubersoireen, der Rutschpartien auf bett künstlichen Eisbergen, dem beliebtesten Wintervergnügen der Russen, ferner Schlittenpartien in der Troika, dem drei Pferde breit bespannten Schlitten und vor allem der Besuch des Jahrmarktes versprochen werden.

Man sagt in Rußland:Die Katze hat nicht immer Butterwoche, aber viel länger Fasten", und mit dieser nicht anzuzweifelnden Thatfache rechtfertigt der Russe es, wenn er in Ermangelung von Ersparnissen selbst die notwen­digsten Gegenstände seiner einfachen Einrichtung versetzt oder verkauft und sich Geld verschafft, sollten selbst Bügel­eisen, Möbel und Betten in das Leihhaus wandern müssen. Ist auch auf diese Weise kein Geld aufzutreiben, so ver- legt man sich einfache etliche Wochen vorher aufs Betteln,- und es mutet uns nach unseren westeuropäischen Anschau­ungen seltsam an, wenn ein Gabenheischender ohne weiteres den Zweck seines Bittens angiebt und nicht ein Stück Brot, sondern einen milden Beitrag für die Masleniza fordert, gleich als ob es zu den ersten Menschenrechten nach der ungeschriebenen Verfassung Rußlands gehörte, daß er in diesen Tagen mit vollen Zügen genießen muß.

Maskentrubel aus der Straße darf man von der Masleniza allerdings nicht erwarten; denn dazu ist das Klima um diese Zeit (Ende Februar, Anfang März) denn doch zu ungünstig, und wer sich der Freiheiten des maskierten Tanzes freuen will, muß sie auf den zahllosen geschlossenen oder öffentlichen Maskenbällen suchen, wie sie in Moskau und den anderen großen und mittleren Städten an der Tages- oder treffender Nachtordnung sind. Tie Butterwoche ist in ihrer äußeren Erscheinung vielmehr eine Verschmelz­ung aller jener Lustbarkeiten, welche man auf großen Messen und Jahrmärkten und bei Volksfesten antrifft, die sich hier aber in spezifisch russischem Gewände zeigen, .

Auf der weiten Fläche des Jungfernseldes in Moskau beginnt man schon lange vorher aus Brettern eine ganze Stadt von JahrmarktsbudenBalangani" zu errichten, rn denen alles das zu sehen ist, was wir von der AAsiner Hasenhaide, der Dresdener Vogelwiese und dem, Wrener Wurstelprater kennen und als Kinder mit ehrfürchtiger Be­wunderung angestaunt haben. Und der Russe Schlages ist und bleibt auch zeitlebens em großes Kmd> welches über diese Darbietungen von Feuerfrcsiern, dmsten Damen der Welt, Tierbändigern, Kraft- und Sasiangen- menschen nicht die ätzende Lauge des Spottes ausgteßd w es der Bewohner der westeuropmschen Großstädte thut, er