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Hella blickte hinaus, und ward gefesselt von dem eigentümlichen Zauber, welche die nächtliche, mondbeschienene Szenerie auf sie ausübte. O, wie wohl bas that, einmal aus dem Gewühl da drinnen herauszukommen, fort aus dem Hellen Lichterglanz, und der von allerlei Parfüm gemischten, atembeklemmendeu Luft! Sie glaubte, da drinnen ersticken zu müssen. Wie kanr es nur, daß ihr das frohe, heitere Treiben heute so unendlich schal, die Gefst-rache so inhaltslos vorkamen? Hatte sie doch das alles noch vor kurzem selbst mitgethan, und sich iiberaus wohl dabei befunden. Und heute vermochte ne nur widerwillig Rede zu stehen, all den teilnehmenden Fragen gegenüber, die nach dem Grunde ihrer langen Abgeschlossenheit forschten. Wie peinlich war ihr dies alles.
Freilich, sie Ivar ja auch das heitere, fröhliche Kind nicht mehr, das noch vor wenigen Wochen ebenso sorglos und heiter mit den andern über all solche Nichtigkeiten gescherzt und gelacht hatte. Ter Ernst des Lebens war inzwischen an sie herangetreten, und hatte sie selbst ernst und machdenkend gemacht. Und schal und inhaltslos, gleich all den Gesprächen schienen ihr auch die Menschen zu fein, so sehr sie sich auch bemühten, ihr zu gefallen und den Trübsinn von ihrer Stirn zu scheuchen. War das alles die Folge davon, daß jener eine, der ihrem Leben so reichen Inhalt "gegeben, ihr nun für immer entrückt war? Warum nur konnte sie nicht vergessen, warum mußten ihre Augen immer wieder Herumschweifen, ob nicht irgendwo die schlanke Männergestalt auftauchen würde, mit dem sie so oft, bei ähnlichen festlichen Veranstaltungen, Stunden heiteren Genusses verlebt hatte.
Doch vorüber — vorüber!
Zwei Thränen schlichen sich in ihre Augen, und tropften langsam die Wangen hinab. Sie schluchzte leise aus.
„Hella, gnädiges Fräulein!"
Eie wandte sich um, und einer Bildsäule gleich starrte sie dem Manne entgegen, hinter dem soeben der Vorhang wieder zusiel.
„Herr von Loßberg!"
„Gnädiges Fräulein, verzeihen Sie dieses Eindringen! Aber ich mußte Sie endlich einmal sprechen. Seit Wochen warte ich vergebens aus einen solchen Augenblick. Zweimal hat man meine beabsichtigten Besuche in Ihrem Hause abgewiesen, und in Gesellschaften waren Sie nicht zu finden. Ihr Herr Vater, welcher bisher mir mit Wohlwollen und Freundlichkeit begegnet war, scheint mich neuerer Zeit kaum noch zu kennen, denn einmal, als ich in freudiger Ueber- rafchung, endlich einmal wieder ein Glied Ihrer Familie zu sehen, bei einer Begegnung auf ihn zutrat, ging er mit kaltem, fremdem Gruß an mir vorüber. Ein andermal sah ich, wie er kürz, vor unserem Zusammentreffen rasch in eine andere Straße einbog, für mich aber keinen Blick übrig hatte. Ich konnte nun nicht mehr zweifeln, daß dies mehr denn bloßer Zufall sei. Aber, was liegt dieser an Beleidigung grenzenden Nichtachtung zu Grunde? Das, gnädiges Fräulein, bin ich hier, Sie zu fragen. Ich bin mir keiner Schuld bewußt. Warum entziehen Sie mir Ihre Freundschaft — was hat Ihr Herr Vater gegen mich?"
Hella stand in peinlichster Verlegenheit. Was sollte sie antworten? Und doch hatte Loßberg ein Recht zu dieser Frage.
Bisher war er in wohlwollender Freundschaft von ihrem Vater ausgenommen und von ihr, und hatte sie ihn nicht auch, ahnen lassen, daß sie seine Huldigungen nicht uttgent sah? Ja, es war abscheulich, wie man ihm mitgespielt! Sie hatten ihn verurteilt, ihr Vater und auch sie, ohne ihn gehört zu haben. Wäre Offenheit nicht das richtigste gewesen? Nun stand er vor ihr und forderte Rechenschaft. Sollte sie ihm nun sagen: „Wir hielten Dich für einen Dieb, deshalb unser Zurüctziehen, deshalb mein Fernbleiben von jedem Ort, wo ich Dich zu treffen fürchtete."
Und wenn er unschuldig war? Nein, nicht wenn, er war unschuldig, des Vaters Verdacht ein ungerechter und voreiliger. Seine Persönlichkeit begann wieder den alten Zauber auf sie zu üben, sie wußte nun bestimmt, daß sie ihn nie vergessen werde, daß es ein großes, heiliges Gefühl sei, das sie zu ihm hinzog, dessen fte sich nicht zu schämen, brauchte.
Sie hob die Augen zu ihm empor und sagte mit bebender Stimmer „Verzeihen Sie!", ihm zugleich ihre
schmale, weiße Hand, von der sie den Handschuh gestreift
hatte, entgegenhaltend.
Ta — ein Blick auf seine, ihre schlanken Finger umfassende Rechte, von welcher er soeben den Handschuh gestreift hatte — rind ein kalter, eisiger Reis schien ihr Herz zu befallen. Ungestüm zog sie ihre Hand zurück.
War es möglich — der Ring, der vermißte, der gestohlene, an seinem Finger!? Stolz hob sie den Kopf. Ohne ihn noch einmal anzufehen, rauschte sie an ihm vorüber.
Loßberg aber sah ihr nach, wie etwas Unbegreiflichem. Was war das? War das Wahnsinn, oder war er selbst im Begriff, wahnsinnig zu werden? Woher dieser plötzliche Mandel von sanfter Weichheit zu beleidigtem Stolz und — Nichtachtung?
Doch fort damit! Das war nun vorbei! Dreimül hatte man ihn ungestraft beleidigt, ein viertes Mal würde er sich dem nicht ausfetzen. Fort damit! — —
Hella war in einer unbeschreiblichen Stimmung. Was! war geschehen! Tas, was zu glauben ihr Herz sich bis zu dieser Minute gesträubt hatte, war nun doch Wahrheit! Stürzte die Welt darüber nicht in Triimmer, schienen die Wände des Saales nicht zu wankten? Fort, fort aus dieser Umgebung, wo aller Augen sie wie Dolchspitzen zu durchbohren schienen!
In eiliger Hast suchte sie die Gastgeberin auf, sich von ihr zu verabschieden. Die Dame fand diesen frühen Aufbruch bei Hellas geisterhaftem Aussehen nur zu gerechtfertigt, und machte keinen Versuch, sie länger $u halten, nur eine Begleitung wollte sie ihr aufnötigen, doch Hella wies auch das zurück mit dem Hinweisj daß sie in ihrem Wagen, der jedenfalls bereits warte, am sichersten geborgen sei.
Kaum vermochte sie während der Fahrt ihren Thranen Einhalt zu thnn, aber mit aller ihr zu Gebot stehenden! Willenskraft drängte sie dieselben zurück. Es sollte sie niemand weinen sehen. . .
Flüchtig eilte sie an dem bereitstehenden Diener vorder, wies das junge Mädchen, das ihr beim Auskleiden behilflich sein wollte, mit den Worten zuriick: „Ich danke Dir, Anna, lege Dich nur nieder, ich, will schon allein fertig werden."
Und als die Zurückgewiefene noch eine Einwendung wagte, war eine abweisende Handbewegung und ein rasches Schließen der Thür die ganze Antwort. Dann entledigte sie sich ihrer Festkleider, fast mit Verachtung warf sie dieselben von sich. . c „ ,
„Blendwerk, eitles Blendwerk!" sagte sie daber, „die Kleider sieht man und taxiert den Menschen danach, aber den Menschen, der darunter steckt, den sehen wir nrcht und wissen nicht, was er in seinem Innern birgt."
Schlaflos verging ihr die Nacht.
„Mein Gott, Hella, was ist Ihnen, sind Sie krank?" war Frau von Dettmars erschrockener Ausruf, als Hella das Frühstückszimmer betrat.
Auch Holthaus sah seine Tochter forschend an. Ihre gramdurchwühlten Züge sagten ihm sofort, daß der gestrige Abend über Hella ein großes Leid gebracht haben müsse, „Mein liebes Kind", sagte er, nachdem Fran von Dettmar uuf einige Zeit das Zimmer verlassen hatte, um wirtschaftliche Anordnungen für den Tag zu treffen, „willst Tu mir nicht sagen, welcher neue Schmerz über Dich gekommen ist?" ,
Hella legte ihren Kopf, wie nach einem Halt suchend,- an die Brust ihres Vaters, er strich ihr sanft über bte , Mange. , . ,
„Erlaß es mir, Setter", sagte sie, „denke, es sei etwas! recht schweres, was Deiner Hella begegnet ist, aber frage nicht, ich würde es doch nicht über meine Lippen bringen."
„Würde es Tein Herz nicht erleichtern, mein Liebling, wenn Du Dich ausfprechen würdest? Vielleicht, daß sich dann herausstellte, daß das, worüber Du jetzt sd entsetzt scheinst, gar nicht die Beachtung verdient, die Du ihm bis jetzt zumissest."
Hella schüttelte den Kopf, dann kam es in bebenden Lauten von ihren Lippen: „Ich habe in einen Abgrund geblickt, und dies schaurige Bild wird mir wohl ewig vor Augen bleiben. Doch ich habe eine Bitte an Dich- lieber Vater. Du weißt, Tante Emma in Kassel bat schon lange gewünscht, mich einmal für längere Zeit bet, sich zu haben, ohne daß wir dem bis jetzt nachgekommen sind. SBie ward es, lieb' Väterchen, wenn Du mir für einige Zeit die Erlaubnis, dazu geben wolltest?"


