Ausgabe 
3.2.1902
 
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steck. Bei dem Anblick des heiteren Kindes vergaß sie einen Moment ihrer Sorge.

Lassen Sie uns ansreiten, liebe Clarita" schmeichelte er bittendausreiten in die Steppe. Sie müssen in dieser die Sonne untergehen sehen!"

Clarita lächelte.Warum reiten Sie nicht mit Herrn Goluschkin, Feodor Iwanowitsch?"

Weil Sie mit dabei sein müssen, meine Seele.",

Er gebrauchte pathetisch die spanischen Worte, die er von ihr gelernt.. Es traf sie bis ins Herz.

Gewiß ich will konimen, aber es ist lange her, daß ich kein Pferd mehr bestieg."

O! Jwaz soll mein eigenes Reitpferd für Sie satteln, ich nehme dann meinen früheren Kameraden, den kleinen Wjatka.'"

Und Herr Golnschlin, er reitet doch mit uns?"

Gewiß, er wartet bereits; ich sagte ihm, dah Sie kommen würden."

Clarita strich die übermütigen Locken aus des Knaben Gesicht, indes sie freundlich sagte:Aber, Feodor, wir vergaßen das Wichtigste ich habe kein Reitkleid."

Feodor stutzte einen Moment; dann rief er unbeirrt: Tatiana Petrowna muß da helfen, es sind sicher noch Reit­kleider von Mama hier."

Tatiana Petrowna, die allmächtige Hausdirigentin, half in der Th ad Dem Ungestüm ihres kleinen Bärin gegen­über wußte sie keine andere Rettung, als sich zu fügen. Nachdem sie daher einige Momente in den Fächern ihres Gedächtnisses Umschatt gehalten, öffnete sie in entlegener Kammer eine alte Truhe und brachte ein dunkles Stafreit- kleid zum Vorschein. Es war gut erhalten, doch fehlte ihm moderner Schnitt. Wera Sergeiona hatte es sicherlich niemals gehört, doch Tatiana hielt darüber reinen Mund. Sie schüttelte nur bedenklich den Kopf über des jungen Barins Freude, als Clarita in dem Reitkleide erschien.

Sonderbarerweise paßte es ihr trefflich, und sie, früher eine leidenschaftliche Reiterin, fühlte sich ganz behaglich darin. Das anschließende, schlichte Kleid, sowie dessen dunkles, tiefes Blau kleidete ihr vorzüglich mit echt spanischer Grazie trug sie die lange Schleppe. Dieselbe hinderte nicht einmal Muschi, Feodors prächtiges Reitpferd. Das edle Tier schien eher stolz auf seine schöne Reiterin!, die sicher den Zügel zu regieren verstand. Einmal im Sattel, erinnerte Clarita fick augenblicklich ihrer alten Kunst, und munter trabte sie mit ihren beiden Kavalieren zum Thore hinaus in die freie Steppe.

In einiger Entfernung aber stand unter der Stallthür Kyrill ein steinalter Reitknecht; mit weitaufgerissenen Augen starrte er der Reiterin nach, tote einer Erscheinung äus einer andern Welt, wobei er sich bekreuzte.

Bet unseren Heiligen von Kiew was hast Du, Baker?" fragte Wassilli, ein kleiner Pferdebursche, ver­wundert-Du bist ja tote versteinert?"

Still, Wassili", antwortete bedächtig der Greis, gieb acht, auf Ornatoffsko wird sich der Hausgeist wieder regen. Die Toten stehen auf! Wahrhaftig, beim heiligen Tychon, dem großen Faster ich sah eben unsere verstorbene Barinitschi Vallinka Michailowna dort leibhaftig zum Thore hinaus reiten!" Hier bekreuzte der Alte sich noch einmal, indes er leise, ängstlich weiter murmelte:Gewiß, gewiß, sie hat keine Ruhe im Grabe!"

Paßt nur auf wir werden von unserm verschollenen Bärin hören! Vielleicht ist er gestorben!" Und den greisen Kopf dabei traurig hin und her wiegend, ging der alte Prophet nach dem Stalle zurück.

Unterdes ritt die kleine Gesellschaft vergnügt ihres Weges. Auf dem Kameraden seiner Kindertage, dem Weinen Wjatka, ritt Feodor stets munter voraus. Seinem rasch fließenden Blute war kaum eine ruhigere Stimmung möglich, sicherlich jetzt nicht, da er seinen Lieblingswunsch, mit Cla­rita zu reiten, erreicht hatte; er lachte gar heiter mit dem hellen, frischen Lachen seines Alters- und sein Blick funkelte voll Mutwillen:Ich bin so vergnügt, meine Cla­rita, daß ich fortwährend Wjatka möchte tanzen lassen!"

Clarita war mehr weich als froh gestimmt; um des Knaben willen zeigte sie sich jedoch nur heiter und entzückt von dem schnellen Ritt durch die weiten, sich ins unendliche verlierenden grünen Steppenflächen. Das Kind trS Südens konnte nicht genug ob dieser nordischen Herrlichkeit staunen. Das Bild mit freundlichem Blick umfassend, gestand sie ein Über das andere Mal:Wie schön!"

Schön war sie in der That, diese überquellende Frische, wie allein der russische Boden sie erzeugt, dieses hohe, wogende Gras, und dazwischen die blauen, gelben, roten Blumeninseln, die sich leuchtend aus dem grünen Meer abhoben.

Wieder dachte Clarita an Alexis. In dieser Umgebung war er ausgewachsen, sie hatte das Paradies seiner Kindheit gebildet, aus dem Mangel an Liebe ihn vertrieben.

Um diesen Erwägungen zu wehren, mußte Clarita sich gewaltsam aufraffen.Welch herrlicher Abend!" rief sie leise, tief Atem schöpfend,Feodor, Herr Goluschkin, schauen Sie diesen Sonnenuntergang!"

Derselbe war wunderbar; denn mit der jenen Breiten eigentümlichen Pracht sank die Sonne, ein feuriger Ball, der beit ganzen Horizont, an dem goldene Wölkchen hingen, mit brennender Glut überzog.

Feodor war durch Claritas Entzücken völlig befriedigt; er hätte den Ritt gern ins unendliche ausgedehnt, doch der sinkende Wend mahnte endlich zur Heimkehr. Sie nahmen dabei den Weg durchs Dorf. Etwas vor demselben, unfern einer ärmlichen Hütte, stand ein junges Weib; es war ein wenig aufgeputzt, sah aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb flatterhaft und elend zugleich aus. Ge­rötet, erregt war das jugendliche Gesicht, das vor noch nicht langer Zeit recht hübsch gewesen sein mochte, gegenwärtig aber einen weniger angenehmen Eindruck machte. Beim Erblicken der Herrschaften flog ein scheues Grinsen übep dasselbe. Dabei besonders Feodor ins Auge fassend, knixte die Person tief, sich fast zu Boden werfend.

Der Knabe sah die Bewegung.Ah das ist dis Nina!" sagte er halb laut,die arme Nina! Sie sieht schlecht aus, seit sie eine Soldatka geworden. Das ist wohl ihre Hütte, Jwaz?" fragte er, sich zu dem Reitknecht-zurück­wendend, indem er auf die naheliegende vereinzelte Be­hausung deutete.

Jwaz bejahte demütig die Frage des jungen Bärin, hinzusetzend:Sie ist ein schwaches, arbeitsscheues Ding geworden, die lustige Nina, sie lernt schneller dasFlat­tern", als der arme Dimitri es> wohl gedacht."

Trotzdem nickte Feodor der Soldatka zu, ließ aber seinen flinken Wjatka rasch an Claritas Seite traben, während Jwaz wieder ehrerbietig hinterdrein ritt.

Eine Soldatka was ist d<G?" hatte Clarita eben Herrn Goluschkin gefragt, als der Name Dimitri ihr Ohr erreichte. Rasch sich umwendend, betrachtete sie sich noch einmal aufmerksam das junge Weib, unterdes ihr Begleiter erklärte: ,,D, dte Soldatka ist ein armes Ding, eine Art Strohwittib, der man den Gatten zum Militär ausgehoben hat. In jedem russischen Dorf giebts solcher Soldatki; sie haben jung geheiratet, dann ist ihr militärpflichtiger Ehe­mann rekrutiert und auf 15 bis 20 Jahre weit hinweg in irgend eine entfernte Garnison geschickt worden, das arme Weib aber bleibt in seiner Hütte frei und doch gebunden zurück. Zuerst jammert es gewöhnlich heillos um den ent­führten Gatten, viele trauern dem Entfernten auch ehrlich nach, doch Bei der Länge der Trennung sollen sie sichi wie man sagt trösten und meistenteils an den Verlust gewöhnen. Dann beginnen sie, wie das so hier genannt wird, zu flattern das heißt, so lange sie jung sind. Völlig sich selbst überlassen, werden sie arbeitsscheu, flatterhaft unb: führen ein sorgloses Leben, dem stets bittere Not folgt, sobald sie in dte Jahre kommen. Dann ergreift die Sol- datka wohl einen Erwerbszweig: sie sinkt zur Kupplerin ober Wahrsagerin herab, und versorgt von ihrer Hütte aus das ganze Dorf mit Klatschgeschichten und Zuträgereien, ein Gewerbe, das sie wohl im Frühjahr und Sommer unter­bricht, um von Haus zu Haus betteln zu gehen."

Welch schreckliches Los!" rief Claritta entsetzt,hören denn solch arme Geschöpfe nichts mehr von ihrem Gatten? Dringt keine Nachricht, keine Kunde von ihm zu ihnen?"'

Selten; die Entfernungen sind zu riesig und 15 bis 25 Jahre sind eine lange Zeit sicherlich lang genug, um einander zu vergessen."

Entsetzlich, entsetzlich", wiederholte Clarita -und jenes junge, arme Geschöpf, Nina wie Sie dasselbe nannten hat auf solche Weise ihren Mann verloren? Er hieß Dimitri, sagten Sie nicqt eben so, Feodor?"

Ja!" gab' dieser zerstreut zu, rasch beifügend:Ninch gehörte zur Dienerschaft auf Ornatoffsro, sie war ein flinkes, munteres Ding, ihr Schicksal thut mir leid!"

Und wann nahm man Nina den Gatten?" beharrte