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Mit unsagbarer Zärtlichkeit betrachtete die junge Frau das schlafende Kind. War es der Einfluß ihres Blickes — die Kleine erwachte. Die zarten Augenlider hoben sich, und eilt Paar Aeuglein vom reinsten Hiimnelsblan schauten groß und verwundert in die glänzenden, dunklen Augensterne, die zu ihnen uiederblicktcn, und daun lachte das Kind. Mit den Händchen in die Luft greifend, stammelte es jauchzend: „Mia Ma —“
Ehe das Wort geformt war, hatte die junge Mutter es von den rosigen Lippen weggeküßt, um allsogleich mit einer fast ungestümen Innigkeit zwei-, dreimal zu wiederholen: „Papacha! Papacha!"
Es lag etwas Leidenschaftliches in dem Ton ihrer Stimme. Papacha sollte die Kleine zuerst sagen- Selbst der süße Muttername mußte ihrem Ohr nicht so lieblich dünken wie jener; denn mit ihrer kleinen Clarita kosend und spielend, wiederholte sie ihn so lauge, bis endlich auch von den Meinen Lippen der Versuch klang: Papacha! Das cha endete in einem Jauchzen, die weißen Händchen hatten glücklich das lange, schwarze Haar der Mutter erhascht. Aus dem Kindesantlitz strahlte eitel Lust, die Augen der Mutter standen voll Thräuen. Aber sie versiegten, nur die langen Wimpern wurden feucht. Was in dem heiß bewegten Herzen der großen Clarita Dolores arbeitete, durfte die Wärterin am Fenster nicht ahnen. Die stolze Frau wußte sich zu beherrschen. Mit dem ganzen Wohllaut ihrer Stimme und Sprache suchte sie allgemach den Liebling in der Wiege zu beruhigen, ihn aufs neue zum Einschlafen zu bewegen, indem sie ihm eine ihrer sanften Weisen zusang.
Das Kind horchte ans; am Fenster die Wartefrau ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte in die Blumen hinaus; der kluge Bernhardiner hob den großen Kopf, er betrachtete unverwandt die Sängerin. Still, ganz still wurde es in dem kleinen Gemach, und leise, leise verklang das liebliche, schwermütige Lied. 1
Das Kind schlief anss neue; geräuschlos erhob sich die Signora und trat durch die offene Thür auf die freien Galerien hinaus. Bianca kam und brachte Abendbrot; geräuschlos ordnete sie das kleine Tischchen; mit einer gewissen natürlichen Grazie empfahl sie die gebrachten Erfrischungen ihrer Exzelleuza au. Der Titel rief gewöhnlich ein flüchtig Lächeln bei der schönen Dame hervor, nicht so heute — sie nickte nur Bianca zu, daß es gut sei. Die Speisen berührte sie kaum, ein paar saftige Früchte war alles, was sie genoß. Eine merkliche Unruhe nagte an ihr; sie vermochte diesmal nicht, wie sonst, stundenlang in die Nacht hinein hier zu sitzen und in die schlummerstille Landschaft zu schauen.
Sie trat in das Zimmer zurück und beschick die alte Wärterin dahin: sie könne hinunter zu Bianca gehen, und brauche sich mit ihrem Imbiß nicht zu beeilen; sie werde bei dem Kinde bleiben.
Es war ihr Bedürfnis, allein zu sein. Sie zog sich einen leichten Schaukelstuhl neben die Wiege hin, und dort bei der tiefen Ruhe, dem wunderbaren Frieden, der die holde, kleine Unschuld umgab, mochte etwas davon- in ihr rastlos erregtes Innere sich niedersenken.
Ihre Augen schlossen sich, wenngleich nicht int Schlafe, nur die Gegenwart voll Sorge entschwand ihrem Bück, ihre Gedanken zogen in wachem Traume weit hinweg über Zeit und Raum.
Ein wacher Tran in.
Es kommt auf mich ein Dämmern wunderbar, Gleichwie im Traum verschmilzt was ist und war, Die Seele löst sich und verliert sich weit Ins Märchenreich der eignen Kinderzeit.
G ei b e l.
Bon was mochte die einsame Fremde in der schönen italienischen Landschaft träumen? Ihr Geist hatte sie zurückversetzt in die alte Heimat, wo des Südens Pracht noch reicher sie umgab, als in diesem gesegneten Lande. Dazu hörte sie wieder das alte, wohlbekannte Rauschen und Brausen des Meeres, das ihr heimatliches Teneriffa umwogte. Sie wähnte sich wieder dort in dem schattigen, fast bis zu dem hohen Gestade reichenden Garten, hinter dessen Taxus und Agavenhecke ein Meines Myrten -und Palmenhain Don Josees schmucke Hacienda nahezu verbarg. Die war ihr Elternhaus, ihr alles gewesen. Doxt war sie in der Stille erblüht, selber die schönste Blume unter den exotischen Pflanzen des herrlichen Gartens. Da hatte sie eine glückliche Kindheit verspielt, eine sorglose, lachende
Jugendzeit verträumt bis zu jenem Abende, da ein hübscher/ blonder Fremdling über die Agavenhecke in ihre Blumenwelt hineinspähte und sein staunend bewundernder Blick dem ihren begegnet war. Es war nur ein Moment gewesen, flüchtig kurz, und dennoch lange genug, um in ihrer jungen Seele jene geheimnisvolle Sympathie zu wecken, der heiße Liebe entspringt. Der hohe, schlanke Mann mit dem hellen Teint, dem geistreichen, etwas leidenden Gesichtsausdruck und den tiefblauen Augen, war allen denjenigen, mit welchen sie fönst gewohnt war zu Verkehren, so ungleich/ daß allein dies schon ihr Interesse geweckt haben würde/ abgesehen von der ihr gewordenen Ueberraschung und der Lebhaftigkeit ihrer Natur, die jede Abwechslung in ihrer zurückgezogenen Lebensweise so froh begrüßte, daß sie in ihrem Gaste ein Geschenk des Himmels" erblickte.
So war sie in anmutiger Unbefangenheit unter betttl Orangendach, welches die Blütenbäume über ihr gewölbt/ hervor, dem Fremden näher getreten, um nach seinem Begehren zu fragen.
Er verstand ihre Sprache nicht, las jedoch in ihren Mienen die Frage, die er in Französisch zu beantworten und' sich für seine Neugierde zu entschuldigen suchte. Der Annahme, ein begangener Fehler könne nicht besser und schneller, als durch ehrliches Gestäudnis gesühnt werden, folgend, erreichte der Fremde rasch diesen Zweck, da er unter gewinnendem Lächeln offen gestand, er streife von Oratava aus in der Umgebung umher, wobei er es nicht vermocht habe, an diesem versteckten Eden vorüber zu wandern, ohne einen Einblick zu wagen, bet welchem Beginnen er kühn geworden, weil kein Engel mit flammendem^ Schwerte es ihm verwehrt habe.
Dazu lächelte Clarita de la Para ihr süßestes Kinderlächeln; denn den Jahren nach war sie noch völlig ein leichtherziges Kind, wenngleich in ihrer äußern Erscheinung eine junge, graziöse Dame.
In jenem Erdteile erblühen die Blumen schnell, die jungen Menschenblumen nicht ausgeschlossen. Donna Clarita zählte kaum 17 Jahre, galt aber bereits für die Herrin der reizenden Besitzung, die in Wirklichkeit Donna Frasqnittal Almerez, einer liebenswürdigen, greifen Matrone gehörte. Wer mit ihr in Berührung kam, verehrte sie, sämtliche Dienerschaft liebte sie; dennoch war sie unmerklich in beit Hintergrunb getreten, seit ihr Liebling Donna Clarita nach zweijähriger Jnstitutszeit in Frankreich als erwachsen heim- gekehrt war. Der reizenben, mitunter kapriziösen jungen Dame sähen alle Augen nach, Don Jose Almerez, ihr, Bormunb, nicht ausgenommen, vorausgesetzt, daß er sich auf ber Hacienda seiner Mutter befand. Nur selten war dies ber Fall. Don Jose war Schiffskapitcm, unb wenn er auf Erden außer feiner alten Mutter unb ber jungen Müitbel noch etwas liebte, so war es fein Schiff: „Ctiteriba."*) Damit hatte er schon alle Meere bnrchsegelt, auf ihm verbrachte er die größte Zeit seines Lebens. Oft ging erst nach jähre-, langer Frist bie Queriba einmal toieber int Hafen von Santa-Cruze vor Anker unb Don Jose kehrte heim unter bas mütterliche Dach. Solche Zeiten bilbeten bie Lichtblicke in dem Leben ber einsamen Matrone, welche früh verwitwet, bie Zurückgezogenheit liebte in ihrer stillen Hacienda/ unfern des Strandes, von wo bas Brausen unb Tosen bes! Meeres zu ihr herüber klang, bessen Wogen einst ihren Gatten begruben, unb bem sie dennoch immer wieder das teure Leben des Sohnes anvertrauen mußte. Sie vermochte es nicht, die gewaltige Sehnsucht zu bannen, die ihn zur See zog; sie konnte nur die Wochen und Tage segnen, in denen er bei ihr auszuruhen kam nach langer Fahrt.
Einmal, es mochten 16 Jahre her sein, hatte gelegen^ lich einer Heimkehr Don Jose feiner Mutter ein eigentümliches Geschenk aus West-Indien mitgebracht — ein niedliches Kind, die kleine einjährige Clarita de la Para, das verwaiste Töchterchen seines besten.Freundes, der gleich ihm ein Schiff befehligte. Alfons de la Para war Franzose von Geburt, er hatte eine junge. Verwandte Donna Fras- quittas geheiratet unb feilte mutige Gattin begleitete ihn auf den Seereisen. Das Glück ber Beiben war jedoch von kurzer Dauer, in einem der westindischen Hafenplätze erlagen beide 'Gatten binnen weniger Tage einem bösartigen Fieber und ließen ihr Töchterchen allein in ber Welt zurück. Sterbend empfahl be la Para dasselbe Don Jose an, unb Meier nahm mit hingeb endster Sorgfalt das Meine, hilflose Wesen m
*) Meine Liebe.


