Ausgabe 
2.8.1902
 
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fühlbarer als tut Sommer, das kleine Dorf schien ost tote ausgestorben und die wirtschaftliche Thätigkeit auf dem as schlief. Unergründlicher Schmutz machte alle Wege

den Garten fast ungangbar, und durch die kahlen, ent­laubten Bäume sah man das Feld. Es war eine triste Landschaft, nasser, graubrauner Acker, dahinter eine schwarze Wand, der Forst, der das Dorf rings umgab und es zu einer toelteittlegenen Insel in einem Waldmeer machte.

Und itt diese schwermütige Landschaft hinein rauschte Tag und Nacht das Wassertoehr tote feierlicher, mächtiger Orgelklang. Fran Velten und Hulde behaupteten, sie hätten sich so daran gewöhnt, daß sie es gar nicht mehr hörten, aber Traute hörte es immer, sie lauschte oft darauf, und es war seltsam, tote verschieden sein Lied oft klang.

Oft in bangen, schlaflosen Nächten konnte sie es kaum ertragen, sie hielt sich die Ohren zu, um dies traurige, feierliche Rauschen nicht zu hören, das um den toten Sommer zu klagen schien nnd von der langen, langen Qual des Winters erzählte, von Verloren- und Verlassensein und von gestorbenen Hoffnungen.

Zuweilen, wenn sie mit frischem Mut an ihre Arbeit ging, schmetterte es ihr tote Posaunenschall entgegen, tote eine Siegeshymne, so freudig und verheißungsvoll, manch­mal toar nichts als Jubel, überschäumender, hinreißender Jubel darin.

Seit einigen Tagen war das Wetter ganz böse geivorden, und mühsam kämpfte sich Traute jeden Morgen und Wend durch Wind und Regen nach der Fabrik. Sie fühlte sich matt und elend, ihre Nerven waren durch das Warten, durch die Spannung auf das Urteil des Gerichts so angegriffen, daß sie zuweilen ein Versagen allen Lebensmutes spürte. Die schlimmsten Vorstellungen quälten sie, und der Gedanke, daß Paul Lehmigke noch lange zur Kerkerhaft verurteilt sein würde, und tote feine thätige, rastlose Natur darunter leiden müsse, drückten sie schwer nieder.

Müde und abgespannt kam sie eines abends nach Hause. Selbst das behaglich durchwärmte Stübchen mit dem knistern­den Ofenfeuer, der gemütliche Kaffeetisch Und Huldens freundliche Zusprache konnten sie nicht erheitern. Abwesend saß sie vor ihrer Kaffeetasse und rührte gedankenlos mit oem Löffel darin herum, während Hulde von kleinen Ereig­nissen in hier Wirtschaft planderte.

Wer ist denn das? Wer konrmt denn da?" sagte Huld plötzlich, die an das Fenster getreten toar.Das steht ja laus wie ein Telegraphenbote."

Mrrend lieh Traute den Löffel fallen und toar sofort neben ihrer Schwester am Fenster. Als sie den Boten erblickte, wurde sie leichenblaß und hielt sich krampfhaft am Fenster­sims. Sie wollte hinaus, ihm entgegeneilen, aber ihre Füße waren wie Blei.

Hulde lief statt ihrer nnd kam gleich darauf mit einer Depesche wieder.Für Dich, Traute!"

Mit zitternden Fingertt ritz Traute das Papier aus­einander, einen Augenblick schwamm alles vor ihren Blicken, dann las sie nur das eine Wort:Freigesprochen".

Gin Schrei, ein Freudenschrei gellte durch das Ge­mach, und jubelnd stürzte Traute ihrer Schwester in die ®6mte.

Fünfnnddreitzigstes Kapitel.

Gleich nach seiner Haftentlassung kehrte Paul Lehmigke nach Brantikoto zurück und nahm mit aller Energie seine Thätigkeit wieder auf.

Der Ehescheidungsprozeß begann und brachte ihm mancherlei Widerwärtigkeiten. Alma und ihre Familie strengten alles an, um ihn zu schädigen und herabzusetzen, sie gtngen sogar von der Defensive in die Offensive über, und was ihn am empfindlichsten traf, war die Anklage, daß ebenfalls zwischen ihm und Traute ein unerlaubtes Verhältnis bestanden habe. Diese Klage mußte zwar wegen Mangelnder Beweise zurückgezogen werden und er blieb in dem Prozeß Sieger, aber der Aerger und die Auftegungen erreichten einen Höhegrad, der fast unerträglich wurde.

Er durchschaute nun die ganze raffinierte Schlechtigkeit keiner Frau,dte ihm nicht ohne Absicht zugeredet hatte, Traute tin seinen Dienst zu nehmen. Sie wollte, er sollte schuldig werden, damit sie als Klägerin auf Ehescheidung gegen ihn auftreten und das Odium der Treulosigkeit von sich wälzen könne. Und als schuldiger Teil wäre er ihr mit seinem Ver­mögen verpflichtet gewesen. Die Trennung von seinem Gellte wurde ihr schwer und sie hätte ihm gern einen Teil davon streitig gemacht.

Ihre'bösen Absichten waren jedoch alle gescheitert und aus Wut und Aerger über ihre Niederlage suchte sie sich wenigstens insofern zu rächen, daß sie den Prozeß so lange wie möglich hinzog und alles anstrengte, sein Ende zu ver­zögern, weil sie Lehmigke seine Freiheit nicht gönnte und in diesem Prozeß zum letzten Male Gelegenheit hatte, ihn zu peinigen.

Die Vermögensteilung der beiden Gatten machte große Schwierigkeiten, denn Alma hatte ihr Vermögen teilweise in Lehmigkes Besitz gesteckt. Sie machte nun Ansprüche itnd stellte Forderungen, die ihr gesetzlich und rechtmäßig nicht zukamen, aber es gehörten von neuem Prozesse dazu, um sie ihres Unrechtes zu überführen.

So vergingen Jahr und Tag, bis die Ehescheidung gesetzlich gültig wurde und Paul Lehmigke wieder ein freier Mann war. Und während dieser ganzen Zeit vermied er jedes Wiedersehen mit Traute, jeden anderen, als den geschäftlichen Verkehr mit ihr durch dritte Hand.

Die Depesche mit der Ankündigung seiner Freisprechung toar das einzige direkte Lebenszeichen, das sie von ihm erhalten hatte. Wer sie verstand sein Fernbleiben. Nicht anders als ein freier Mann durfte er ihr begegnen, und nachdem Alma den häßlichen Verdacht auf seinen Verkehr mit Traute geworfen, mußte er doppelt gewissenhaft sein.

Und ohne jede Verbindung miteinander arbeiteten fie,; er in Brantikoto und sie in Kienberg, in demselben Sinn und Geist rastloser Pflichterfüllung, und mit derselben Hoff­nung auf das Glück der Zukunft.

Endlich, itach anderthalb Jahren, toar Paul frei, und es toar an einem herrlichen, sonnigen Frühlinstage, als er unverhofft in Kienberg eintraf. Traute saß über die Arbeitsstunde.hinaus allein im Comptoir, eifrig über ihre Schreiberei gebückt; sie hatte den ganzen Tag anstrengend gearbeitet, um die Sehnsucht niederzukämpfen, die der Lenz mit dem Auferstehungsjubel der Natur in ihr weckte und täglich wachsen lieh, bis sie fast die Herrschaft über sich verlor. Und tote sie müde und matt mechanisch Zahlen und Worte zu Papier bringt, da kommen Männerschritte die Treppe herauf.

Traute horchte auf. Hat Behrends, der Fabrikführer, etwas vergessen? aber, das ist nicht sein Schritt.

In dem Augenblick fliegt die Thür auf und Paul Lehmigke steht vor ihr. Das Glück dieses Wiedersehens und der endlichen Vereinigung ließ alle Leiden der Vergangenheit gering erscheinen.

Schluß-Kapitel.

Jahre sind vergangen.

In Brantikoto auf der Veranda ist wieder einmal eine fröhliche Familie um den Kaffeetisch versammelt.

Obenan sitzt der Hausherr und hat einen dicken, paus­backigen Buben auf dem Schoß, dem er ein getauchten Zwie­back ttt den Mund stopft, wobei er ganz verklärt von Vater- frettbe ist.

Aber Paul, Du verfütterst den Keinen Freßsack", sagt eben seine Hausfrau, die, das Bild einer blühend gesunden/ glücklichen Mutter, ein ganz kleines Kind in den Armen und eins neben sich hat, das sich mit feinen dicken Händchen an ihr Kleid hängt und die Nase auf den Tisch reckt, um nach Kuchen zu schnuppern.

Laß nur. Traute, unsere Rangen haben einen guten Magen", sagt Paul lachend. Neben ihm sitzt Frau Velten/ die Großmama, und der alte Großpapa Lehmigke, und diese beiden sind merkwürdig gute Freunde geworden, sodaß sie immer neue vortreffliche Eigenschaften aneinander ent­decken.

Frau Velten hat Huldens Aeltesten neben sich/ die nun auch längst glücklich mit ihrem Hauptmann verheiratet ist; und sich gerade mit Egon während dessen Urlaub, wie all­jährlich, tot Brantikoto befindet.

Er galoppiert eben mit seinem Jüngsten auf dem Rücken um den Kaffeetisch herum, Hulde sieht lachend zu und! ruft:Mach doch nicht solch einen greulichen Lärm, @gon !'<

Unten an der Tafel sitzen Armin und Natta. Die beiden jungen Leute sind sehr mit einander, beschäftigt und der Gesprächsstoff reißt zwischen ihnen nicht ab.

Armin ist Landwirt geworden und wohlbestallter Administrator von Kienberg. Natta hat ihren Kummer über Herrn von Löschnitz längst überwunden, nachdem dieser lange vor ihrer Majorennität eine andere heiratete und sie int' Stiche ließ. Sie sieht jetzt kräftig aus, was ihre Schönheit sehr erhöht, und hat ihr gedankenloses, haltloses Wesen

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