Ausgabe 
2.8.1902
 
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902. Nr. 113.

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(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marie Stahk.

(Schluß.)

Vierunddreißigstes Kapitel.

Einige Wochen später war Brantikow öde und ver­lassen. Der Besitzer war in Untersuchungshaft, seine Frau hatte mit allen ihren Verwandten das Feld geräumt und befand sich, bei ihren Eltern in Leipzig, Traute war nach Kienberg zurückgekehrt, Löschnitz hatte sich so weit erholt, um in eine städtische Klinik transportiert werden zu können, wo die Aerzte nun &eftinrmt hofften, ihn wiederherzustellen, und Natta war ebenfalls in Leipzig bei den alten Lehmtgkes.

Paul Lehmigke hatte sofort die Ehescheidungsklage ein­reichen lassen. Das Bild und der Brief, die an dem ver­hängnisvollen Tage des Gewitters in seine Hände gefallen waren, enthüllten ihm die Schuld und den Betrug seiner Frau. Der Bries war Zeuge, daß bereits vor seiner Ehe­schließung ein intimes Liebesverhältnis zwischen Alma und Herrn von Löschnitz existiert hatte. Unter diesen Umständen konnte er die Thatsache, daß Alma ihn dazu überredete, Löschnitz als Hausgenossen und Lehrling anfzunehmen, nur als Verbrechen ansehen, als ein schweres Vergehen gegen seine Ehre, und der Verdacht war unabweisbar, daß es mit der Absicht geschah, das unterbrochene Verhältnis fort­zusetzen. , c ,

Dieser Verdacht bestätigte sich!- Ms er nach der Ent­deckung mit seiner Frau allein war, forderte er ihr bte Schlüssel zu ihrem Schreibtisch' ab und zwang sie, dieselben herauszugeben. , , c c , . .

Er öffnete den Schreibtisch sofort und fand dort emtge schwere gravierende Billets von Löschnitz; die zur Genüge bewiesen, daß er ein betrogener Gatte war.

Mer Alma war furchtbar für ihre Schüld gestraft worden. Sie hatte mit einem Schlage den Gatten und den Geliebten verloren, sie hatte sich! unheilbar kompromittiert und war durchs den Verrat des Geliebten aufs tiefste ge- demütigt und erniedrigt.

Es wurde offenbar, wie schlecht sie sowohl gegen "Löschnitz, wie gegen Lehmigke gehandelt hatte. Gegen Löschnitz, den sie rücksichtslos fallen liest nachdem sre ihn erhört hatte, um den reichen Lehmigke zu heiraten, und gegen letzteren, indem sie ihm das vorangegangene Ver­hältnis verheimlichte.

Löschnitz war nach seiner Rückkehr aus Amerika aus Schwäche wieder in ihre Falle gegangen. Er hatte noch einen Rest von Leidenschaft für sie, der aber erkaltete, als er sich heftig in Natta verliebte. Doch! nun war er litt dem Netz der schlauen und leidenschaftlichen Frau gefangen, Ur die er plötzlich sehr begehrenswert geworden

war, einmal seiner veränderten Lebensstellung wegen und dann reizte sie die Nebenbuhlerschaft Nattas, die ihr nickt verborgen bleiben konnte, und der heimliche Widerstands den Löschnitz! ihren Plänen leistete, ihn ganz und für immer an sich zu fesseln. Sie wollte ihn dazu treiben, sie zur Scheidung ihrer Ehe zu veranlassen, um sie selbst heiraten, zu können. Sie wandte alle Künste, alle Energie und In- triguen an, ihn dazu zu bewegen, aber Löschnitz, der unter­dessen vollständig erkaltet war, wußte diesem Ansinnen immer noch' auszuweichen.

Er wollte sich langsam und allmählich! aus ihrer Schlinge ziehen, um einen verhängnisvollen Konflikt zu vermeiden, aber er hatte nicht mit oer Eifersucht und der Leidenschaft der beiden Frauen gerechnet, die einen Eklat zu b ernt eiben nicht imstande waren. Energie war nicht sein« Sachte, und so wurde er das Opfer der Katastrophe. Denn wenn auch sein Leben erhalten blieb, so konnte er seine frühere Gesundheit nie wieder erlangen, da seine Lunge durch den Schuß verletzt und geschwächt war.

Man hatte Natta mit Gewalt von seinem Kranken­lager reißen müssen. Die Familie Lehmigke wollte eine Fortsetzung ihres Verhältnisses mit ihm nicht zugeben, und da Natta noch nicht mündig war und unter der Vormund­schaft des alten Lehmigke stand, mußte sie sich fügen. Sie fiel jedoch in Leipzig in ein schweres Nervensieber, das sie monatelang an die Krankenstube fesselte. Erst als sie erfuhr, daß Löschnitz außer Gefahr sei, erholte sie sich langsam. Sie glaubte fest an seine Liebe und Treue und war entschlossen, ihm treu zu bleiben. Wenn sie mündig war, sollte niemand sie hindern können, ihm anzngehören.

Es waren schwere Wochen und Monate für Traute während der Untersuchungshaft Lehmtgkes, und am schwersten war die Zeit, bis Löschnitz sich außer Lebens­gefahr befand. Sie hatte in Kienberg ihre Arbeit mit verdoppeltem Eifer wieder ausgenommen, denn nur rast­lose Thätigkeit half ihr über die schreckliche Wartezeit der Angst und Spannung hinweg. An Camill Stauffen schrieb sie sofort nach ihrer Rückkehr einen endgiltigen Mbschieds- brief und eine Absage in Betreff ihres gemeinschaftlichen Planes. Sie konnte ihm die ergentlichen Motive dieser! Gesinnungsändernng nicht nennen und erhielt eine ziemlich schnöde Antwort.

Frau Velten war außer sich' über diesen Bruch! und machte Traute den Vorwurf der Charakterlosigkeit; ihre Ahnung, daß Trautens Aufenthalt in Brantikow verhäng­nisvoll für Stauffen werden würde, hatte sich! ja erfüllt. Hulde jedoch, die anftng, zu begreifen, und die Sache zu burchschaueu, stand ihrer Schwester bei. Sie war Staufsen gegenüber nicht so blind, wie ihre Mutter, und sie sowohl wie Egon hatten stets ein gewisses Mißtrauen gegen ihn 0 Der Herbst war weit vorgeschritten, Novemberstürm« brausten durch' das' Land, und Kienberg wurde von Dag zu Tag öder stnd melancholischer. Die Einsamkett war noch