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Verabredung einer heimlichen Korrespondenz. Zum Glück ließ Lillian sich noch überreden, sich weder im Hotel aus dem Fenster zu stürzen, noch sich vor die Lokomotive zu werfen, um ihren Vater für seine Hartherzigkeit zu strafen.
Tie in Aussicht gestellte Korrespondenz war der enizige Trost, der Armin auftecht erhielt. Er ging tagelang nach LiNians Abreise, teilnahmslos für die ganze Welt, stumm und wie abwesend umher. Seine einzige Erholung war, bei Traute zu sitzen, und mit dieser von Lillian zu sprechen. Und er schien für jede andere Thätig- keit unfähig, als bogenlange Briefe an Lillian zu schreibeii, und seine Gesühle in Verse auszuströmen, die ent entschiedenes Talent für den Luxus dieser Liebhaberei be- runbeten.
Miß Buxton blieb fürs erste im Beltenscheii Hause, hingegen wurde Mr. Hopkins nach England abberu en, wo er eine Landpfarre erhielt. Er schied in herzlicher Freundschaft von Veltens, die er bei seiner Abreise mit seiner Berlobungsanzeige mit Miß Buxton überraschte.
Die kleine Gouvernante folgte ihm nach zwei Monaten, und unterhielt später eine lebhafte Korrespondenz mit Frau Velten und ihren Töchtern.
Im Anfang Mai war Paul Lehmigkes Hochzeit. Er hatte es gern gesehen, tocttu man etwas weniger Lärm davon gemacht hätte, aber Alma war entschlossen, die Stadt tion sich reden zu machen. Sie besaß den Ehrgeiz, eine fachtonable Hochzeit in Szene zu setzen. ES gab einen großen Polterabend mit den obligaten kostümierten Quadrillen, mit Darstellungen aus dem Leben des Brant- siaares, und erläuternde,i Tichtmlgen aus der Feder einer Ercn Cousine, die wehmütig ausklangen, und eines dichterischen Onkels, wie er in keiner großen Familie fehlt, dessen Poesien stark humoristische Pointen hatten mit pikantem Beigeschmack. Selbst die älteste, vergessendste Tante wurde aus dem Winkel hervorgeholt, und zu dieser Hvch- iivch einmal ans Tageslicht gebracht, nm den verwandtschaftlichen Pflichten eines angemessenen Hochzeitsgeschenks nachzukommen, und Alma hatte allen ihren Gästen rechtzeitig die notwendigen Winke erteilt in Bezug auf ihre Herzenswünsche, so daß eine prächtige Ausstellung von silbernen Zuckerdosen, Tafelaufsätzen, Oelgemäldeii und anderen angenehmen Dingen zu stände kam.
Schneiderinnen, Modistinnen, Kuchenbäcker und Hotelwirte wurden durch diese Hochzeit in fieberhafte Aufregung versetzt. Cs gab am Hochzeitstage eine Schaustellung pompöser Toiletten, eine Auffahrt glänzender Festlichkeiten und ein Tafel-Menü in dem ersten Hotel der Stadt, das alles bisher Tagewesenc in den Schatten stellte.
... .CS waren Männer mit hohen Orden, und Frauen mit surftlichem Brillantschmuck in der Hochzeitsgesellschaft, die Braut selbst glich einer geschmückten Fürstin, was den Wert und die Kostbarkeiten ihrer Toilette betraf, und wie bei Alma Jänisch nichts ohne Absicht geschah, so war es auch nicht zufällig, daß zwei junge Damen vom Adel ihr als erste Brautjungfern die Schleppe trugen, deren Lange und Pracht noch lange Zeit Gesprächsstoff für diverse Kaffeekränzchen bot. ' " '
Ter Bräutigam selbst arbeitete an seinem Hochzeits- tage, in seinem Zimmer eingeschlossen, über seinen Ge- ,unk dieselben vertieft, als ginge ihn der ganze Spektakel Nichts an, bis ihm nur eine halbe Stunde zur Toilette blieb. Er war jedoch pünktlich bei seiner Braut, und für das Standesamt bereit. Die einzige Aeußerung, die er im Laufe des Tages über die feenhafte Toilette seiner Braut machte, war: „Du hättest Dir ein paar Handschuhknopfe weniger gestatten können".
Alma hatte vor dem War nach dem Ringwechsel ihre Handschuhe gewissenhaft bis auf den letzten Knopf wieder zugeknöpft.
Am Abend des Hochzeitstages reiste das junge Paar ab, um am folgenden Tage Einzug in Brantikow zu halten.
Zweiter Band.
Sechzehntes Kapitel.
Bier Jahre sind vergangen. Hulde Belten sitzt immer noch in ihrem Mädchenstübchen in Leipzig, uno hat eben einen langen Brief an ihren Verlobten beendet.
Egon von Lodenstein ist jetzt Premierleutnant, aber das Brautpaar hat nicht die geringste Aussicht auf eine eheliche Verbindung, bevor er Hauptmann geworden ist.
Hulde steht zwar nrit ihren dreiundzwanzig Iahten in der Vollbüite des Lebens, aber der sonnige Liebreiz chrer ersten Jugend ist hin, sie gleicht einer welkenden Hunte, dte nach Wasser schmachtet. Sie ist immer er Erbloser geworden, selbst ihre schönen blondeu Haare haben den Glanz verloren, und ein Ausdruck von Unbe- frtedigtsein itnb Verstimmung läßt sie älter erscheinen, als sie ist. Besonders heute zeigt ihr Gesicht Sorgenfalten dte ihr sehr schlecht stehen. Die Thür wurde etwas un- gesüim geöffnet, und Traute trat hastig ein, Hut und .^acke auf beit nächsten Stuhl schleudernd.
„Meine Malereien sind verkauft", sagte sie, „wenigstens der Fächer und das Tischchen. Aber weist Du, was der ganze Profit ist? Kaum zwanzig Mark! Die Handlung mmmt unverschämte Prozente. Ich fange an, die Sozialdemokraten milder zu beurteilen. Der Arbeiter wird immer von dem Arbeitgeber ausgesogen!" Sie glättete ihr .Haar vor dem Spiegel, und warf sich unmutig in einen Sessel. Sie war die Schönheit geworden, die sie mit achtzehn Zähren zu werden versprach. Ihr Gesicht zeigte auch noch keinen alternden Zug von Unzufriedenheit, sondern der grollende gesunde Trotz, der sich wie eine heftige Auflehnung gegen ein unliebsames Schicksal in ihrem Wesen aussprach, hatte nichts von der Urwüchsigkeit der Jugend verloren. „Schreibst Du wirklich schon wieder an Egon?" fragte sie ungeduldig. „Schade, daß Ihr Eure Liebesbriefe nicht drucken lassen könnt, um Honorar dafür zu beziehen. Bis Egon Hauptmann wird, dürften es so viele Mnde sein, daß Ihr eine nette Rente davon haben fönritet"
„Stauffeus Briefe würden allerdings keine große Rente für Dich a'bwerfeii", erwiderte Hulde scharf, indem sie ihre Briefbogen mit gewohnter Aceurateise faltete, und in den Umschlag schob.
„Wir sind keine schreibseligen Naturen", warf Traute leicht hin, und mit ganz verändertem Ausdruck fragte sie: „Weißt Du nicht, wie es steht? Ist Papa schon zurück?"!
„Nein, er ist noch nicht zurück, aber ich weiß das Resultat vorher."'
„Ich auch."
„Onkel Lothar giebt keinen Pfennig mehr her, und schließlich kann man es ihm nicht verdenken."
„Ich wollte, es käme zu einer Krisis", seufzte Traute; „denn dieser Zustand wird unerträglich. Bei jedem Quartalsschluß wiederholt sich das Elend. Jedesmal verfällt Papa in Melancholie und Selbstmordgedanken, die arme Mama geht ivie ein Schatten umher, unter einem Arm den homöopathischen Leitfaden, unter dem andern die Bibel gegen körperliche und geistige Anfechtungen. Wir sitzen in Sack und Asche, und trauen uns kaum auf die Straße, und das Entsetzlichste ist das Betteln um Hilfe bei allen Freunden itnb Verwandten, bei Wucherern und Geldverleihern. Wahrhaftig! wenn die Hoffnung nicht wär', dann lebt' ich nicht mehr — die Hoffnung auf eine bessere glückliche Zukunft!"
Trautens große, leuchtende Augen blickten mit träumerischem Sehnen in die weite Fernen. Eine zähe, energische Zuversicht sprach aus diesem Blick.
Hulde seufzte laut und sehr nachdrücklich. „Denk' Dir nur", sagte sie bedrückt, „Armin will wieder vom Examen zurücktreten."
Trante fuhr auf. „Das habe ich lange geahnt! Aber nein, nein, das darf er nicht. Man muß ihm Mut einreden."
„Ich furchte, es hilft nichts. Er hat mir heut gestanden, daß er in den letzten Jahren so gut wie gar nichts gearbeitet hat. Nun konnte er nicht alles in so kurzer Zeit nachholen, er ist kaum zur Hälfte vorbereitet. Darum wird es doch besser sein, er schiebt das Warnen noch bis zum Herbst auf."
„Entsetzlich, Papa wird außer sich sein."
„Ja, es ist schlimm in unseren Verhältnissen. Ich glaubte, die Liebe zu Lillian würde ein Sporn für ihn sein, aber er sagte heute, die fortwährenden Aufregungen, die Unsicherheit, die Zweifel hätten ihm das Arbeiten unmöglich gemacht. Und dann die entsetzliche Enttäuschung als sie nun doch einen englischen Geldsack heiratete! Der arme Junge! Da wird er lange Zeit ganz unfähig, und ich fürchte, er hat Thorheiten begangen, um sich zu betäuben."
Traute sah ftnster vor sich nieder. „Ach, das Unglück! wenn man ihn nur herausreißen könnte!" stöhnte sie.


