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1902. — Nr. 97.
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(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
„Wenn Du so weit gegangen bist, mußt Du auch den letzten Schritt thun, Du mußt dem Vater die Genugthuung geben, daß Du nicht nur Spielerei mit seiner Tochter getrieben, sondern ehrenhafte Absichten hattest. Es ist zwar nicht ratsam in Deinem Alter, und als Student ein bindendes Verhältnis einzugehen, aber in diesem Falle würde es vielleicht für Deine Zukunft von Vorteil sein. Eine xeiche englische Erbin ist nicht zu verachten — das Mädchen ist ja allerliebst — da kann man den etwas plebejischen Vater schon mit in den Kauf nehmen. Jetzt verstehe ich jauch Mr. Sevens Benehmen. Gr hatte bereits Wind von der Sache bekommen, und erwartete eine Erklärung von unserer Seite. Es hat ihn, wie es scheint, verletzt, daß dieselbe nicht sofort erfolgte. Mach' Dich zurecht, ich werde Dich sofort in das Hotel begleiten, wir wollen sehen, ob wir die Sache nicht in Ordnung bringen können."
Diese Worte seines Vaters richteten Armins gebrochenen Mut wieder auf, er war ganz in der Ver- fassung Ertrinkender, sich an jeden Strohhalm zu klammern, und so begaben sich Vater und Sohn in das Hotel, um Mr. Severn aufzusuchen.
Derselbe empfing sie ohne jede Zeremonie, in ziemlich nachlässiger Toilette mit der Frage, oft sie ihm die Rechnung brächten.
„Mr. Severn", sagte Herr Velten, der den Engländer nie verstand, mit herzlichem Entgegenkommen, was ihm so gut stand, denn in feiner, gesellschaftlicher Liebenswürdigkeit war er Meister, — „ich verstehe vollkommen, was Sie gegen uns ei'nnimmt. Die große Jugend und Unerfahrenheit meines Sohnes ist schuld an diesem Mißverständnis. Ich war heute ebenso überrascht, wie Sie es wohl gewesen sein werden, als ich von dem Herzensbündnis unserer Kinder hörte. Dasselbe ist natürlich für ihre Jahre Und für die gegenwärtige Lage meines Sohnes verfrüht. Ich komme jedoch, Ihnen die feste Versicherung zu geben, daß inein Sohn in der ehrenhaftesten Absicht gehandelt hat, und daß er, sobald er seine Studien beendet hat, kommen wird, sein gegebenes Wort einzulösen. Da Ihr Fräulein Tochter, wie es scheint, eine ausrichtige Neigung zu Armin gefaßt hat, wird ihr wahrscheinlich, die Keine
Wartezeit nicht zu lang werden, die ein Briefwechsel an* genehm ab kürzt. S obald mein Sohn sein erstes Staats- examen gemacht hat, hat er eine gesellschaftliche Stellung und als Referendar sogar ein Keines Einkommen. Und ich glaube jagen zu dürfen, daß die Erziehung, die Herkunft und Persönlichkeit meines Sohnes zu den schönsten Hoffnungen für seine zukünftige Karriere berechtigen, der die höchsten Staatsstellen offen stehen. Ein kleines Kapital gehört natürlich dazu, und ohne dasselbe würde er in jungen: Jahren nicht heiraten können."
Armin hatte Herrn Veltens Rede verdolmetscht, und der Vater blickte bei seinen Worten ost mit zärtlichem Stolz auf den Sohn, den Träger künftiger Würden und Ehren.
„Darf ich fragen, mein Herr, was ist Ihr Sohn augenblicklich, und was hat er? Was sind Sie, und was haben Sie?" fragte Mr. Severin eiskalt, und durchaus ungerührt.
Herr Velten sah betroffen aus. „Ich sagte Ihnen/ daß Armin jetzt noch Student ist, und als Student hat er natürlich noch kein Einkommen. Ich: bin seit einiger Zeit Hausbesitzer, bin preußischerr Offizier gewesen, und war in der bevorzugten Stellung eines Großgrundbesitzers.: Leider haben mich die Verhältnisse gezwungen, dieselbe! aufzugeben. Mein Sohn wird jedoch lebenslänglich den Vorzug seiner Herkunft aus der besten Gesellschaft genießen, und Sie müssen wissen, Mr. Severn, daß bei uns der Grundbesitz:, der Militär- und Beamtenstand die Elite des Landes ist."
„Für das, was man gewesen ist, und vielleicht einmal sein wird, gießt man in England keinen Pfennig"/ erwiderte Mr. Severn mit unverkennbarem Hohn. „Wenn bei uns ein Student zu mir käme, um die meiner Tochter zu werben, ließe ich: ihn von meinem Diener die Treppe hinunteriverfen. Nur aus Rücksicht auf Ihr Alter, mein Herr, ersuche ich: Sie höflichst, mich- nicht weiter zu belästigen. Miß Buxton hat es zu verantworten, daß sie meine Tochter einem Einfluß ausgesetzt hat, der ihr für den Augenblick ebenfalls die gesunde Vernunft geraubt hat. Wer dem Uebel werde ich äbzuhelfen wissen. Guten Tag, meine Herren."
Herr Velten mußte sich aus seinen Sohn stützen während des Heimwegs. Er kam sich so alt und müde vor.
Aber in Armin kochten Zorn, Wut und .Verzweiflung. Er brachte den Rest des Tages mit Scchnieden allerlei verwegener Pläne tn Gemeinschaft mit Traute zu/ wie es möglich sein würde, Lillian vor ihrer Abreise noch einmal zu sehen und zu sprechen.
Lillians persönliches Erscheinen machte zum Glück Lish und Heimlichkeiten überflüssig. Sie hatte es 6et ihrem Vater durchgesetzt, der Familie Belten einen , Abschiedsbesuch machen zu dürfen. @8 folgte nun ein heftiger, herzbrechender Abschied mit dem Schwur ewiger Treue, und dep


