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1902. — Nr. 65.
$ erltere dich selbst nur nicht, dann bist du bei jedem Verlust noch
reich genug.
Gebauer.
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(Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen
von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.)
„Das ist recht, Anne, nur recht flott mit dem Porzellan", sagte er, seine Hand über ihre entblößte Schulter gleiten lassend.
„Na, na, na!" schalt sie, sich ihm entwindend, „ich habe keine Zeit, hier zu stehen und zu spielen."
„Anne, wir sind jung, wir müssen. spielen, so lange es noch Zeit ist."
„Ja, aber jetzt ist keine Zeit dazu."
„Wann denn?"
Nachdem sie die Zeitfrage näher erörtert hatten, wurden sie einig, daß es am schönsten sei, des Abends im Mondschein zu spielen.
„Ja, Anne! Daun gieb mir nur ein Glas."
Er begab sich abermals zu der Gesellschaft und stürzte ein ganzes Glas in großen Zügen hinunter.
„Aber das ist ja wahr", rief der Förster, mit unsicherer Hand durch seinen großen, struppigen Bart fahrend, der in seiner innersten Tiefe allerhand Ansammlungen von Brotkrumen- und Aalgräten enthielt — „beinah' hätte ich es ja vergessen — heda/. Du Müller- gesell — ach, er hört nicht" (er schlug mit einem Schlüssel an das Glas), „haltet mal einen Augenblick Eure Mäuler da drüben!"
„Mas giebt's denn?" fragte Thomas.
„Ja, was giebt's! Neuigkeiten aus Kopenhagen."
Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen.
„Als ich da gestern mit meiner Schwester auf der Straße stehe und schnacke, kommt ein feiner Herr, der eine Dame am Arm führt, und stößt mir seinen Regenschirm gerade in den Nacken. „Verzeihen Sie", — „Ach, ich bitte, recht gern geschehen!"
„Aber was seh' ich? Ich denk', mich soll der Schlag rühren, ist das nicht Deine alte Braut und der mit den Augen, der Gutsverwalter! Ja, wir kommen ins Gespräch. Sie hatten sich ganz kürzlich verheiratet und sahen mörderisch glücklich aus — ach was, er kann es ganz gut vertragen."
Die letzten Worte waren an den alten Müller gerichtet, der ihm untern Tisch auf den Fuß trat.
Thomas hatte eine unheimlich aschgraue Farbe bekommen, dunkle Ringe umschatteten seine Augen, im nächsten Augenblick aber kehrte seine gewöhnliche Röte zurück, die von einer Unmenge haarfeiner, bläulicher Adern unterbrochen war.
Der Redakteur, der in einer Ecke gesessen, und in einem Kalender geblättert hatte, das dumme Gerede der plebejischen Gesellschaft mit verachtungsvollem Schweigen strafend, schaute plötzlich mit unsicherer Hilflosigkeit um sich und bat, daß mau ihn nach Hause führen möge.
Thomas reichte ihm den Arm und führte ihn hinaus.
Der Förster biß sich in die Knöchel und machte dann eine verächtliche Handbewegung.
„Ja, das hätten Sie lieber für sich behalten sollen, Förster, hm!"
„Der Teufel hol' die ganze dumme Frauenzimmerwirtschaft!"
Als Thomas sich wieder setzte, leuchtete ihm die ganze Wildheit seiner Kraftnatur aus den Augen. Jetzt sollte es, weiß Gott, ein lustiges Leben werden! Nun hinderte ihn ja nichts, das Tier herauszukehren!
„Hm, Thomas!"
Bald ertönte das Zimmer wieder von einem summenden Wortgebrause, mit Lachen, Rufen und Singen vermischt. Der Schweiß troff Thomas von den Wangen herab und tröpfelte ihm aus dem roten Bart.
Der Alte schüttelte den Kopf und ging von Zeit zu Zett in Thomas' Schlafzimmer hinein, wo die alte Mutter saß, und den Sohn kopfschüttelnd mit feuchten Augen betrachtete.
Mehrere Stunden lang hielt die Trinklust Thomas aufrecht, endlich aber fing er an, zusammenzusinken mit einem eigentümlich gläsernen Starren, das von unheimlichen Visionen erzählte.
Der Förster schlug ihm mit der Hand auf die Schulter und war unvorsichtig" genug, ihm ins Gesicht zu sehen, und eine scherzhafte Anspielung zu machen, daß es mit der guten Laune doch wohl nicht so recht weit her sei. Thomas fühlte s ich verletzt durch diesen Vorwurf, der ihn in einem besonders finsteren Augenblick traf, und als der Förster ihm mit einer etwas umnebelten lleberlegen- heit den guten Rat gab, sich die alten Frauenzimmerangelegenheiten ganz aus dem Kopf zu schlagen und frischen Mut zu fassen, da fühlte sich Thomas in seiner Manneswürde gekränkt, und aufbrausend rief er: „Was brauchst Du Dich darum zu kümmern, ob meine Laune gut oder schlecht ist; feg Du nur vor Deiner eigenen Thür!"
,Na, n, na!"
^Jch habe mich nie in die Frauenzimmerangelegenheiten anderer gemischt, und ich dulde es, verdammt und verflucht! nicht, daß jemand seine Nase in meine Sachen steckt — jetzt weißt Du Bescheid."
„Hm! Thomas! Thomas!" .. ,
„Ja, was hat er hierher zu kommen, und mit seinen


