Ausgabe 
2.4.1902
 
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Ei. unv darin. . . eine Wachspuppe ganz in Rosa. Wer schickt mir das? Natürlich, Onkel Maxi Die Karte mit Onkel Max seinem Käserlein" hätte er sich sparen können! Ich war so ärgerlich, daß ich die Puppe in den Ofen warf. Das Ei habe ich aber doch behalten, ganz hinten in meinen Schrank habe ich es versteckt. . . aber so geht das nicht weiter.... er muß mW mehr respek­tieren! Vielleicht ist es auch meine Schuld, ich bin zu zutraulich und da. . ."

. Seit einer Woche hat er sich nicht sehen lassen! Wollte er doch nur kommen! .

. . . . Morgen hat er sich zu Tisch angemeldet. Was soll ich ihm sagen? Gar nichts, das ist wohl das Beste... ich bin ja so froh, aber ich will es ihn nicht merken lassen..."

Mieder wendet Eveline einige Seiten des Tagebuches um, und plötzlich, steigt ihr heiße Röte in das junge Ge­sicht. Da steht: *

O, mein Gott! Wie soll ich nur aufschreiben, was sich zugetragen... ich bin todtraurig, und vor wenig Minuten war ich so glücklich! Dieser Kuß! . . . Nach dem Essen sind wir in den Garten gegangen, er und ich. Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht zu sprechen, und da hat er nach einem langen Schweigen ungeduldig mit den Schultern gezuckt und meine Hand ergriffen:

Bist Du mir böse?"

Ich habe nur mit dem Kopf geschüttelt.

Was hast Du. denn, sag's doch!" Und ganz leise habe ich ihm geantwortet:Kummer".

Er hat gefragt, und gefragt, und- schließlich hielt ich es nicht mehr aus, ich habe ihm dann alles gestanden, wie er mich mit seinen Neckereien quält, alles habe ich gesagt, und soviel gesprochen, soviel..-.

Er sah mich groß und verwundert an, so erstaunt, als sähe er mich zum erstenmal. Schließlich! habe ich geweint mid dabei den Kopf gegen seine Schulter gelehnt, wir faßen in der Laube. Er hat mich in seine Arme ge­nommen, gerade wie einst als ich, ettt kleines Kind war.

Weine nicht, Liebling, weine nicht!" hat er mit zitternder Stimme gesagt.

Aber ich konnte nicht aufhören, und da hat er mich noch dichter an sich gezogen, hat mir die aufgelösten Haare gestreichelt und leise gebeten:Sieh mich an, ganz rasch und ohne eine Thräne", und ich hab's versucht, aber lächeln konnte ich doch nicht, wie er es wollte. Aber ich habe ihn angesehen, und er sah so schön aus, und ein Ausdruck war in seinen Augen, den ich noch nie gesehen, und plötzlich hat er sich über mich geneigt, und da qus der Backe, dicht neben dem Ohr, da ruhten seine Lippen ....."

Plötzlich und unvermittelt hat er mich dann zurück- gestoßen, blaß und zitternd stand er vor mir, und wie im Zorn waren die Augenbrauen zusammengezogen. Ich wollte mich ihm nähern, aber er sagte kurz:

Lassen Sie mich!"

Warum sagte erSie"? Wie vernichtet stand ich un­beweglich, während er einige Schritte fortging. Dann kehrte er wieder um, hat meine Hände ergriffen und sie so ge­drückt, daß sie mir weh thaten, während er sagte:Kleine, wenn ich- Dich nicht hassen soll, so vergiß diesen Augenblick!" Darauf ist er fortgegangen!

Ich- lief in mein Zimmer, und nun sinne und grübele ich; den Augenblick soll ich vergessen? Warum? Was soll das heißen? Wenn er mich nicht liebt, warum hat er mich dann geküßt? Warum soll ich vergessen, wenn er mich liebt: Ist denn alles aus?"

Und dann folgen viele Seiten der Klagen und der Thränen, die dem Tagebuch anv-ertraut sind, und dann steht da:

. . . . Aeußerlich ist er wie sonst zu mir. Aber ich fühle, das ist was Angenommenes, um die anderen zu täuschen, mich täuscht er nicht! Er vermeidet es, mit mir zusammen zu sein, und ich wage es nicht, ihn aufzusuchen." Und Monate sind darüber vergangen.Onkel Max" machte eine große Reise; als er wtederkam, war er so kalt und förmlich-, daß Eveline fast an allem gezweifelt hätte. . . aber der Kuß, an den -erinnerte sie sich und hoffte immer noch, was, hätte sie freilich selbst nicht sagen können. Und nun an diesem Ostertag hatte sie es erfahren, Onkel Max verheiratet sich!

Me ein Kartenhaus! stürzten all ihre zarten Mädchen-»- träume zusammen, wie der Hauch! von dem Pfirsich, so war von ihrer jungen Seele der Schleier fortgerissen.

Wie sie plötzlich- alles versteht! Wenn die einenMax" sagten, so antworteten die anderen ,,Frau von Roucey" ... tote ihr all das eigentümliche Lächeln plötzlich klar wird und tote sie jetzt versteht, was einmal in ihrer Nähe ge­flüstert wurde:Es giebt Liaisons, die fester halten, als! eine Ehe." Aber Frau von Roucey konnte ja Onkel Max gar nicht lieben . . . sie war ja doch verheiratet. . . und nun war sie Witwe, und nun würden sie sich vermählen.

Aber warum hatte er sie, Ev-eline, dann geküßt? Was! war ick ihm denn? flüstert das junge Mädchen. Ein Spiel­zeug, das man liebkost, wie man es mit einem treuen Hund wohl thut.

Und von der ganzen Kindheit bleibt nichts mehrt Nichts als die kleinen Sächelchen, um sie herum. Und Eveline steht auf, und nimmt den Federhalter und das Zirkusprogramm, und das Bild und die Tanzkarte, und dann holt sie das große rosa Osterei aus dem Schrank- wtnkel, legt all die kleinen Sachen hinein, macht es vor­sichtig zu, und drückt ihre Lippen darauf, bevor sie es wieder in das Versteck zurückgelegt.

Und dann steht Eveline lange am Fenster, und als vom Garten aus nach chr gerufen wird, da geht sie hin­unter, eine andere, kein Kind mehr, sondern ein Weib,: das mit den Schpterzen des Lebens bekannt geworden ist,:

Paul Heyse, Romane und Novellen.

Wohlfeile Ausgabe. Erste Serie: Romane. 48 Liefer­ungen je 40 Pf. Alle 14 Tage eine Lieferung. Verlag der I. G. Cotta'scheu Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H.

in Stuttgart und Berlin.

Unbeirrt durch die Schwankmtgen der litterarischeu Moden ist Paul Heyse auf dem Wege fortgeschritten, de« er vor einem halben Jahrhundert betreten, und ehe noch das Alter seine stolze Gestalt zu beugen vermochte, kann er sich seines Steges über gewisse Gegenströmungen freuen. D-enn schon ist die Zeit gekommen, wo das deutsche Volk nach manch-en Irrungen des litterarische« Geschmacks nach, den gesunden, reifen Früchten zurückverlanat, die ein Priester der wahren, inneren Natur und der geläuterten, formenreinen Kunst ihm darbietet. Die Cotta'sche Buchhandlung begegnet diesem Verlangen durch eine würdig ausgestattete wohl­feile Lieferun g saus gäbe von Heyses Romanen und Novellen, die der freudigsten Aufnahme und der weitesten Verbreitung wert und sicher ist. Zunächst erscheinen in einer ersten Serie die Romane, in einer zwetten sollen die Novellen folgen. DieKinder der Welt" eröffnen den Reigen, das kühne freigeisttge Buch, mit dem Paul Heyse zuerst bewies, daß er nicht nur tu der Novelle, sondern auch- in dem großen und weiten Bau des kunstvollen Romans ein Meister sei. Und gerade diese erste verbindet mit seiner hohen künstlerischen Vollendung den Wert eures Zeitbildes, tote unsre gesamte Belletristik kaum ein getreueres und interessanteres bietet. T-enn die in der lebendigen, ergreifendeti Handlung ver­schlungenen Personen sind mehr als Romanfiguren, deren Schicksal uns packt und spannt, es sind begeisterte Vertreter der religiösen undphilosophischen, sittlichen und politischen Ideen, die in des Dichters Jugendzeit unser Volk bewegten. Emer Gestalt wie dem Balder dieses Romans dürfte an innerer Wahr­heit und Tiefe aus unsrer -erzählenden Litteratur keine andere vergleichbar fein, während- sich aus der drama­tischen keine geringere als Hamlet ihr zur Seite stellt.

Der billige Preis und die bequeme Bezugs- Weise der neuen Ausgabe sind so einladend-, daß kein Gebildeter verabsäumen sollte, diesen Hausschatz deutscher Erzählungskunst zu erwerben. Tie erste Ltefer- ung sendet jede Buchhandlung auf Verlangen zur Ansicht. ' __________

Auflösung des Festrätsels in vor. Nr.t O Stern Ostern.

Auflösung des Arithmogriphs in oor. Nr.: Froehliche Ostern; Rhein, Ohren, Linhorn, Heller, Litin, Iller, Ohlorit, Hirse, Liche, Osten, Stord), Ihonon, Me, Rosen, Nero.

Redaktion: E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.